Montag, 24. Juli 2017

Ich will einfach nur nach Hause - Agra, Tag 16


Als wir Agra erreichen, hab ich nichts mehr essen können, kaum trinken, denn mit jedem Versuch, mir etwas Banane oder trockenes Weißbrot beizubringen, ende ich da, wo ich kaum noch herauskommen mag: im Badezimmer.
Und mit einem Mal kann ich alles nicht mehr ertragen, den ewigen Geruch nach Dreck, nach Kloake und Fäulnis in der Stadt, in den Sachen, in den Haaren, auf der Haut, einfach überall. Dazu diese ewig währende stickige stinkige Luft, es gibt einfach nirgendwo frische Luft, keinen einzigen Atemzug, und gerade jetzt, wo die Fiebersäule der 40 entgegenklettert, geht mir das alles nur noch auf die Nerven. Die ewige Glocke aus Dunst, Hitze, Gestank, Lärm und dieses ewige Hupen der Mopeds, der Gestank aus den Färbereien oberhalb der Keller, in denen die Näher sitzen. Ja, die Näher, keine Frauen.



Die Inder sind so süß, so besorgt, aber ich will einfach nur meine Ruhe. Nicht angesprochen werden, nicht angefasst werden, ich will mich einfach nur hinlegen, ich will, dass der Anfall von Schüttelfrost wieder aufhört.
Und dabei können wir hier vom Hotel aus schon den Taj Mahal sehen.
Das kanns doch nicht sein, echt. Man fliegt doch nicht nach Indien und geht dann nicht wenigstens einmal rüber zum Taj Mahal? Aber ich schaffe es an diesem Abend nicht. Es geht einfach nichts mehr und so steigt Herr Blau auf das Dach des Hotels und versucht, von dort aus Fotos zu bekommen.
"Am schönsten ist er, wenn die Sonne aufgeht und wenn sie untergeht."
"Morgen früh gehen wir", flüstere ich, obwohl ich - ehrlich gesagt - nicht weiß, wie ich das hinkriegen soll. Aber irgendwie wirds gehen...









Es ist 6 Uhr morgens und vor dem Tor des Taj Mahal stehen schon die Besucher und warten auf den Einlass. Zweireihig. Ich muss nicht stehen und warten, ich darf mich vorn an den Eingang setzen. Vermutlich sehe ich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgekotzt genug aus.

Es ist schon so.... Mir gings tatsächlich hundeelend, dunkelgrünes Wasser aus allen möglichen Gängen des Körpers, Fieber ohne Ende - aber dann steht man da in diesem Park mit vor Schwäche zittrigen Beinen, man steht vor diesem irrsinnigen Monument einer längst vergangenen Liebe, eines längst vergangenen Lebens und es nimmt einen einfach gefangen.. Tatsächlich. Ich kann es kaum beschreiben. Heute weiß ich, ich hätte es bereut, mich nicht dort auf den Weg gemacht zu haben. Es liegt so eine unfassbare Ruhe in diesem Gebäude, vor diesem, nein, um dieses Gebäude, eine Kraft, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ich saß davor auf einer Bank und schloss die Augen.
Und in mir fühlte ich nichts mehr - nur Ruhe und Stille. Den Klang einer Melodie, die nur ich hörte.

Jedoch ich war auch dankbar, dass es endlich, endlich wieder nach Delhi und von dort direkt nach Hause ging. Ich wollte nur noch heim, ich wollte frische Luft in meine Brust atmen, ich wollte den Hahn aufdrehen und klares Wasser in ein Glas füllen, um es zu trinken. Ohne dass es von jenem süßlichen Geschmack der Fäulnis begleitet wurde. Ich wollte ein Bad nehmen, mir das Haar waschen und einfach nur noch nach mir riechen und schmecken.. Auch wenn es noch ganze drei Wochen dauern sollte, ehe der Körper aufhörte zu fiebern und alles von sich zu geben..


Danke Indien, danke für diese doch sehr intensive Erfahrung, dich zu entdecken. Danke für die Erinnerung daran, wie vieles bei uns so selbstverständlich geworden ist - und was für euch einen mitunter irrsinnigen Kraftakt bedeutet. Nichts im Leben ist selbstverständlich, wir vergessen es nur zu oft und zu gern, je besser es uns selber geht...
Und ich war so sehr dankbar für diesen Schritt aus dem Flughafen in M heraus, raus in den hier bereits eisig kalten Morgen, kurz nach fünf Uhr, und ich blieb stehen, ich atmete tief ein, immer tiefer; ich war so dankbar für die Geste der Freundin, uns ein Willkommensbrot zu backen, selbst gemachten Likör, zu fühlen, man ist wieder da, man ist wieder daheim und es gibt Menschen, die tatsächlich auf einen warten und froh sind, dass man wieder da ist.. Danke dafür!

Heute, neun Monate nach unserer Reise, vermag ich noch immer kein indisches Essen zu riechen oder gar zu schmecken. Aber inzwischen kann ich mir vorstellen, dieses Land noch einmal zu bereisen, eine andere Ecke dieser unfassbaren Weite zu entdecken. Sehr sogar.
Denn wenn ich eines mitgenommen habe neben all den Eindrücken, dann ist es diese wunderbare innere Ruhe..

Kommentare:

Anna hat gesagt…

Danke dafür, dass du uns mit nach Indien genommen hast. Deine Schilderungen klingen sehr viel "realistischer" als das, was mir während meiner letzten Tage auf FB unterkam. Bin da auf eine Frau gestoßen, die gerade Indien bereist hatte. Und bei ihr war alles immer nur schön und zauberhaft (und bei einer so einseitigen Wahrnehmung werde ich ja immer extrem misstrauisch, allerdings denke ich mir nur meinen Teil).

Habe dann das Buch "Judith goes Bollywood" erwähnt, das ich zeitgleich gelesen hatte, und blöderweise rutschte mir raus, dass da eben nicht alles nur schön ist. Sondern dass die Autorin mit dem allgegenwärtigen Elend und der Armut durchaus Probleme hatte und es bisweilen nur schwer ertragen konnte. Holla die Waldfee, danach ging's ab auf FB. ;D Denn merke: Es gibt kein Elend und keine Armut in Indien (die FB-Trulla musste ihr Bild vor Ort angeblich revidieren, weil ja eben alles nur schön ist) und überhaupt - so die einhellige Meinung ihrer Mitstreiterinnen - bekommst du genau das Indien, das du erwartest. Ah ja. Ich habe mich dann aus der Diskussion verabschiedet.

Ich glaube ja durchaus daran, dass man seine Realität in einem gewissen Rahmen selbst schaffen kann und halte viel von dem Zitat von Walt Disney: "If you can dream it, you can do it." Aber irgedwann ist es ja auch mal gut und dann ist es keine Realität mehr, sondern Kindergarten: Was ich nicht sehe, ist nicht da.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Du bist wieder bei FB? Hab Dich gar nicht gesehen ;)

Also wer behauptet, dass in Indien alles nur schön und zauberhaft ist, der hat entweder was mit den Augen bzw. der Wahrnehmung - oder ist nur an Orte gereist, wo es keine Menschen gibt. Denn genau das erlebt man: Dass Du einer Ortschaft näher kommst, bemerkst du sofort an sich füllendem Schmutz und Abfall. Irrer Plastikmüll überall vor und in den Städten, unfassbar viel; Exkremente, die keiner wegräumt, von Menschen, von Tieren, tote Tiere selbst...
Kein Elend, keine Armut? Wo war die?? Indien ist voller ausgemergelter Männer, Frauen, Kinder, die überall an den Straßen stehen und mit drei Fingern - tok tok tok - an die Scheiben pochen, weil sie um Geld betteln. Geschätzte Fünfjährige, die auf (!) Kreuzungen stehen, dort herumlaufen und selbstgenähte Handtücher verkaufen. Geschätzte 12jährige Mädchen, die mit Luftballons zwischen den Autos, die in bis zu 5 Reihen an der Kreuzung stehen, herumspringen, in der Hoffnung, wenigstens etwas Geld heimzubringen.
Genau die ausgemergelten Männer und vor allem Frauen, die mit reiner eigener Körperkraft Straßen bauen und nachts in entweder notdürftig gebauten Wellblechhütten schlafen oder einem schlichten Ziegelbau ohne Wasser und ohne Elektrizität. Oder eben unter freiem Himmel.
Wenn Du mich fragst: Ich habe tatsächlich das Indien bekommen, das ich erwartet habe - aber ich konnte wesentlich schwieriger damit umgehen als ich es mir vorgenommen hatte. Mit Bollywood hat das alles so überhaupt nichts zu tun.

Anna hat gesagt…

Nee, ich bin nicht mehr auf FB. Das war mit das letzte "Erlebnis", das ich mitgenommen hatte. ;) Und ich denke, ich würde genau das Indien bekommen, das auch du bekommen hast und davor hätte ich - bei allem Interesse für dieses Land - Angst.