Montag, 24. Juli 2017

"12 Frauen, 12 Probleme" - Jaipur, Tag 14

Frühstück ist die einzige Mahlzeit, die wir "offiziell" nehmen. Alles andere kaufen wir an diversen Obst- und Gemüseständen oder von einer der unzähligen Küchen am Wegrand, über die Herr Blau sagt: "Eigentlich kann man das alles bedenkenlos essen, so heiß, wie das zubereitet wird. Wir müssen nur drauf achten, dass das, was wir wollen, auch vor unseren Augen zubereitet wird."
Und so schauen wir an jeder Station, wo wir halten, zu, wie Backwerk, Fleisch, Gemüse im siedenden Öl der Pfannen oder der aus Stein gemauerten Herde gegart wird und während wir uns niederlassen, wundert sich Herr Blau immer wieder: "Dass du alles so verträgst und essen kannst, das wundert mich wirklich." Mich - offen gestanden - auch ;)



Das letzte Frühstück in Deogarh, meine geliebten Pancakes, frisches Obst und Omelett und Herr Blaus Blick: "Du wirst gleich platzen." "Das ist egal."
Dass die Fahrt nach Jaipur mit etwa 280 km den halben Tag andauern wird, ahnen wir noch nicht, als wir in einen Zug steigen und durch einen Teil der Gebirgswelt Rajasthans fahren.




Mir ist, ehrlich gesagt, nicht so wirklich wohl dabei. Ich denke an selbst zusammengezimmerte fahrbare Dinger draußen auf dem Land. Ein Satz Reifen, ein paar Bretter und irgendwo da drinnen noch ein Motor, woher auch immer - und das Ding läuft. TÜV in dem Sinne gibt es nicht, man holt sich einmal einen Stempel ab und hat dann 10 bis 15 Jahre Ruhe. Und wenn einer sich selbst was zusammenbaute und damit fährt, interessiert es auch nur niemanden. Er fährt halt.
Nun ist die indische Bahn freilich kein selbstzusammengezimmertes Ding, aber... na ja, das Kopfkino erinnert sich zu gern an den einen oder anderen Beitrag, den man irgendwann mal gelesen hat - und insbesondere angesichts meiner Höhenangst schlug ich innerlich dennoch drei Kreuze an die imaginäre Wand, dass wir heil ein- und auch wieder ausgestiegen waren.
Dafür begeistern mich die Affen mit ihren wundervoll samtigen Händen, Fingern, die nach einem greifen und nachsehen wollen, ob man etwas in den Händen hat.
Ein Inder drückt mir Kekse in die Hand und bedeutet mir, diese weiterzugeben, aber dazu komm ich gar nicht - der Affe greift schon zu, er kennt das. Man kennt sich ;)
"Cookies are not good for their health", sagt der Inder und ich schaue verwundert: "So why you gave me cookies?" Er lacht, hebt die Schultern "Just for fun. Its funny!"
Wir blöden Touristenesel, ne.

Und dann kommen wir nach Jaipur... The pink city. Die Stadt, in der nicht nur die Häuser pink bemalt sind ;)
"Die indischen Männer und Frauen bewundern helle Haut und helle Haare. Das wollen sie auch. Sie wollen auch blonde Haare - aber sie bekommen ihre Haare maximal in Rot gefärbt. Heller bekommen sie sie nicht."
Und wir Europäer legen uns in die Sonne und färben uns die Haare dunkel, wir Frauen beneiden die Inderinnen um ihr tiefschwarzes, zumeist kräftiges Haar und ihren wunderbar milchkaffeebraunen Teint... So wollen wiederum wir Europäerinnen aussehen. Wir sind schon komisch, wir Menschen!




Es ist diese Lücke neben dem Mülleimer, wo ein Mensch lag und vermutlich schlief. Denn als ich sagte: "Lasst uns noch mal zurückkehren, da lag doch jemand?", da war er schon wieder fort.
"Ich hoffe, dass er nur geschlafen hat", sage ich zu Herrn Blau und er und der Inder wechseln einen Blick. Hier interessiert es einfach niemanden, ob da jemand zusammenbricht und stirbt. Er bleibt halt liegen, bis ihn jemand "wegräumt".
Und dabei ist, wie ich erfahre, die medizinische Versorgung geregelt: Jeder kann einen Arzt aufsuchen, niemand muss extra dafür bezahlen. Es gibt tatsächlich auch eine Schwangerenvorsorge. Was für uns selbstverständlich ist, ist es anderswo eben nicht, erst recht nicht in einem Land wie diesem.

Es ist das Amber Fort in Jaipur, das mir Herr Blau am nächsten Morgen unbedingt zeigen möchte. Wo er vor neun Jahren stand und sich wünschte, er wäre gemeinsam mit mir dort...
Man kann den Weg auf den Berg hinauf auf einem Elefanten reiten, aber ich lehne ab. Es ist 9.30 Uhr morgens und bereits 34 Grad heiß - für mich ist das Tierquälerei. Außerdem brauche ich keine typischen Touri-Fotos auf oder neben einem Elefanten, einem Kamel oder was auch immer. Wenn es nach mir ginge, brauchten wir auch keine Zoos und keine Zirkusmanegen. Wer fremde Tierarten entdecken will, soll entweder bei Google nachschlagen oder in das Land seiner Wünsche reisen. Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung.



Wir betreten das Amber Fort, in dem früher ein Maharadscha mit 12 Frauen lebte.
"12 Frauen - 12 Probleme. Heute haben wir 1 Frau und 12 Probleme", schmunzelt der Inder und Herr Blau grinst.











"Wir Hindis glauben daran, dass ein unvollendetes Leben, in dem sich nicht alles erfüllt hat, nicht zuende ist. Man kommt wieder, um sich dann seine Träume zu erfüllen", sagt der Inder zu mir, während wir im Innenraum des Forts stehen und auf Herrn Blau warten, der überall herumwieselt, um Fotos zu machen.
Ich schaue ihn an. "Ich weiß nicht, woran ich glauben soll und was nach dem Tod kommen könnte. Aber trotzdem... glaube ich irgendwie, dass mit dem Tod nicht alles endet."
Und nun schaut er mich an, er lächelt und dann sagt er leise, aber nachdrücklich: "Das tut es auch nicht. Wir bleiben da."
Das ist ein Satz, der sich mir unter die Haut brannte und von dem ich auch heute, neun Monate danach, immer noch Gänsehaut bekomme.
"Wir bleiben da."

Als wir am Abend zurückkehren, lege ich mich müde, aber irgendwie glücklich in dieses wundervolle Bett. Bis ich in der Nacht deutlich zu spüren bekomme: Mist, jetzt hat es auch mich erwischt. Alles Essen & Trinken will auf allen möglichen Wegen wieder heraus aus meinem Körper.
Und es sind nur noch zwei Tage bis zum Abflug.





Kommentare:

gretel hat gesagt…

Ach - ist das schön dort, wie ein Traum. Da lasse ich mein Kind ja gerne hin :-) Ich tröste mich weiter mit Bollywoodfilmen...
Einen sehr witzigen und weisen Inder hattet ihr bei euch.
Lieben Gruß

petra {limeslounge} hat gesagt…

Hachz, zum dahinschmelzen - bis auf den Schluss :-) da braucht man ja wirklich nicht! Liebe Grüße