Dienstag, 14. November 2017

Wenn Du Angst hast, sing!


Letzte Nacht kam ich in die Wohnung zurück, es war schon lange dunkel geworden. Was hinter mir lag, wusste ich nicht mehr, ich war nur müde, ich wollte heimkommen, ich wollte Licht machen - also machte ich Licht. Und da war dieses Mädchen. Kleiner als ich, dunkle Haare wie ich, aber dunklere Augen als ich. Sie war so ernst, sie sprach kaum ein Wort, dafür sprach ich, leise, beruhigend, während sie mir ihre beiden Hände an die Kehle legte und fest zudrückte. Ohne dass sich ihre Mimik auch nur ein winziges Bisschen veränderte. Ohne dass sie auch nur irgendetwas sagte. 

"Nein!"
Habe ich im Traum gerufen oder in der Realität? Ich weiß es nicht, der Mann neben mir schläft.
Das Zimmer ist  dunkel, nur das schwache Licht des Radioweckers bricht sich an der halb offenen Tür. Ich kanns auf den Tod nicht haben, bei halb geöffneten Türen schlafen zu müssen. Ich kanns nicht. 
Dann werde ich das Gefühl nicht los, gleich würde jemand durch diese Tür kommen. Der nichts Gutes im Sinn hat. Niemand, der nachts fremde Wohnungen betritt, hat Gutes im Sinn. 
Das Mädchen aus dem Traum. Der Mann aus all den anderen Träumen, der, seit ich Kind bin, mit einem Messer nach mir wirft oder mich zu packen versucht oder auch sonstwie versucht, Schmerz zu verursachen oder gleich ganz das Lebenslicht auszulöschen. 
Nach diesem Traum der letzten Nacht war ich vollkommen durch, fühlte ich den pulsierenden Herzschlag bis kurz unter meinem Ohr und fand ich nur sehr schwer und auch nur noch sehr oberflächlich in den Schlaf.
"Ich kann nicht schlafen, wenn die Tür zu ist, dann fühle ich mich eingesperrt", klagt der Mann.
"Und ich kann nicht schlafen, wenn sie geöffnet ist, dann fühle ich mich so ausgeliefert", antworte ich.
"Ich beschütze dich."
Aber das kann er nicht. Weil er nicht da ist. Weil er nie da ist in den Träumen, in denen ich unterliege. Weil er nur da ist, wenn ich rechtzeitig erwache. Wenn ich erwache und sehe und fühle, dass er da ist, dass er neben mir liegt, dass er ganz ruhig liegt und auch ebenso ruhig atmet. Also alles gut. Alles gut, hör doch mal.
Und dann krieche ich zurück tief unter die Decke, ziehe sie mir bis an die Nasenspitze, beobachte argwöhnisch die halb geöffnete Tür und warte darauf, dass der wilde Herzschlag in meiner Brust wieder übergeht in den langsamen Takt. Warte darauf, dass die wilden Bilder in meinem Kopf aufhören zu kreiseln, die in meiner Vorstellung ermöglichen, dass Fremde sich in das Haus geschlichen haben. Dass Fremde sich in die zumeist menschenleere Tiefgarage geschlichen haben und nur darauf warten, dass... Wilde Bilder auch von wilden Fahrten auf den Autobahnen unter angekündigtem Schneefall - und allein schon der Gedanke an vermatschte, verschneite Autobahnen, verlängerte Bremswege, Ausrutschen, Weggleiten.. Alles schon gehabt. Nicht immer gut gegangen.
Es ist fast unglaublich, welch Blüten meine Phantasie um halb vier Uhr morgens treiben kann. Also stehe ich auf und hole mir einen Schluck kaltes, klares Wasser. Dieser Schluck, der mir ermöglicht, mich völlig von diesem letzten Traum und diesem komischen Mädchen und überhaupt all diesen dunkelgrauen Gedanken zu lösen. Die Augen zu schließen und einfach lieber nichts mehr zu träumen und vor allem nichts mehr zu denken. 

Es wird Morgen, der Mann neben mir regt sich verschlafen.
"Magst du auch einen Kaffee?"
"Oh ja bitte."
Es ist hell draußen, die Monster der letzten Nacht haben sich verflüchtigt, dankbar umfasse ich die Tasse Kaffee mit beiden Händen, genieße die ersten Schlucke und das entspannte Ankommen im Tag. 
Der Schnee der letzten Nacht ist getaut, doch der Morgen bringt neue Flocken. 
Ich gebe es zu: Ich fahre ausgesprochen ungern bei Schnee und Eis. 
Der Mann ist längst fort, als ich alles zusammengepackt habe, diesmal habe ich nichts vergessen, denke ich, als ich die Tür hinter mir zuziehe und den Schlüssel herumdrehe. Tief in mir ist alles ruhig, tief in mir fühle ich mich sicher, auch beim Betreten der Tiefgarage, beim Verlassen der Tiefgarage und dem Einfädeln in den grausamen Morgenverkehr einer lebendig gewordenen Großstadt. 
Ich spüre, wie ich mich verkrampfe. Und dann erinnere ich mich an früher.
Wie ich als Kind die Augen schloss, in der Ecke zwischen Wand und Schrank, in dem Glauben, wenn ich nichts sehe, dann sehen sie mich auch nicht. 
Wie ich als Kind sang, wenn ich den dunklen Weg allein zur Schule gehen musste oder abends nach Hause kam. Weil du dich nicht mehr so allein fühlst, wenn du dir selber etwas vorsingen kannst. Heute haben wir die Kopfhörer dafür - doch nein, es ist nicht dasselbe. 
Also beginne ich zu singen, während ich durch dieses Wetter fahre, durch Schnee, Schneeregen, Regen, Schneegraupel. Und so singe ich. Singe ich immer mehr. Und immer lauter. Und immer fröhlicher. Und erreiche nach einigen hundert Kilometer mein Ziel. Und kein Monster in Sicht.

Erst viel später fällt mir ein, dass ich das Wichtigste vergessen hab: Dir etwas an den Spiegel zu schreiben. 

Montag, 6. November 2017

22



Eigentlich wollte ich ja gar nicht mehr, aber Goldi meinte mal, ich könnte diese Tradition ruhig fortsetzen. Und in meinen Blog schaust Du, wenn überhaupt, nur zu den Geburtstagen - und dann liest Du und schmunzelst und sagst.. nix ;)

Im Sommer noch meintest Du, jetzt würdest Du schon 22 werden und dass Du Dich so furchtbar alt fühlst damit. 22 sei schon fast 30 und überhaupt! Ich lächelte und dachte an meinen 18. Geburtstag - da gings mir genauso wie Dir. Erwachsen - igitt! Nur noch Pflichten und Probleme, nahm ich an.
Ganz so ist es nicht, da kann ich Dich beruhigen.
Es ist Dein allererster Geburtstag, den wir nicht gemeinsam feiern. Vermutlich wird es ein Tag wie alle anderen auch - Du stehst irgendwas um 4.30 Uhr auf, es ist kalt und klamm draußen, dunkel sowieso; diesmal erwartet Dich kein Geburtstagstisch mit Kerzen drauf - auch so eine Tradition, die wir fortgesetzt haben, auch wenn Ihr aus diesem Alter genau genommen längst raus seid.
Aber ich sehs vor allem auch an Deinem großen Bruder: Es gibt nicht vieles, aber doch einiges aus der Zeit, als Ihr noch klein wart, als Eure Welt noch in Ordnung war - und an diesen Dingen hängt Ihr, die gebt Ihr auch nicht her und auch so ein Geburtstagstisch mit Kerzen zum Beispiel erinnert Euch an die Zeit, als wir noch zusammen wohnten und alles irgendwie noch leichter war.
Dann wirst Du abends irgendwann heimkommen, Dich auf Dein Bett werfen, vielleicht wird Dein Bruder etwas zum Abendessen zubereiten oder Ihr geht Euch wie so oft einen Döner holen, Du wirst entweder zocken oder fernsehen und dann einschlafen, bevor der nächste Tag kommt.
Das ist vielleicht ein Geburtstag wie bei vielen anderen auch - aber ich gebe zu, es ist nicht unbedingt ein Geburtstag, wie ich ihn Dir wünsche. Insbesondere die letzten Jahre haben mir immer bewusster gemacht, dass diese Tage einfach auch die besonderen Tage sind - eben weil es Dich und Deinen Bruder mit diesen Tagen gibt und das ist und bleibt einfach das Größte, das mir passiert ist. Und irgendwie.. möchte ich diesen Tag für den Menschen, den ich liebe, zu etwas Besonderem machen. Weil dieser Mensch etwas Besonderes für mich ist.
Darum habe ich entschieden: Ich schreibe diesen Post heute und hier - und nächste Woche zelebrieren wir das noch mal richtig :)

Wenn ich so darüber nachdenke, wie Ihr als Kinder wart, wie die Pubertätsphasen mit Euch waren, dann denke ich, dass ich richtig viel Glück mit Euch hatte. Ach klar, was haben wir uns gestritten, wenn es hieß "Räum dein Zimmer auf, überall trete ich auf irgendwas!"
"Das ist nicht von mir, das war [der Bruder]."
"Wer das war, ist mir ziemlich egal, ich will, dass es in Ordnung gebracht wird."
Das erinnert mich auch an so Aktionen, wenn Ihr vor dem Haus im Sandkasten gespielt habt. Es ging immer anschließend Streit los, wer was mitgenommen und also wieder mit hochzunehmen hatte. Irgendwann hatte ich das so satt, dass ich sagte "Okay, dann mach ich das jetzt - aber ich mach das mit dem Müllsack." Den ich anschließend im Kleiderschrank einschloss. Am Anfang hat Euch das noch auf die Beine gebracht, aber Ihr hattet schnell den Dreh raus "Wir kriegens ja eh bald wieder". Da warnte ich Euch: "Beim nächsten Mal fliegt alles in den Müll!"
Das habt Ihr mir nicht geglaubt und als ich es aber doch machte, drehte auch Euer Vater am Rad "Das kannst du doch nicht machen, weißt du, was das für Geld gekostet hat?"
Auch Dein Bruder war außer sich, doch im Gegensatz zu Dir stieg er in den Müllcontainer und versuchte zu retten, was zu retten war, bis ich ihn entdeckte und mit einem entschlossenen Griff an den Trägern seiner Latzhose und am Bein packte und aus dem Container hob.
Aber von da an hörten Eure Streitereien auf, ich hatte meine Ruhe und wenn ich sagte "Jungs, räumt eure Chaosbude auf", dann habt Ihr Euch beeilt zu sagen "Gleich!" oder "Nachher!"
Und auch später, als Du älter wurdest, habe ich lediglich zwei Anrufe bekommen.
Der eine vom Polizeirevier, die mir sagten, dass ich mein minderjähriges Kind abholen solle, man habe ihn erwischt, als er ein Videospiel mitgehen lassen wollte.
"Es wäre nicht mal aufgefallen", sagte der Beamte, "hätte er nicht mindestens eine halbe Stunde davor gestanden und überlegt, ob ers nun machen soll oder nicht."
Der andere Anruf kam von der Schule, da warst Du 15.
"Es gab einen Vorfall im Sportunterricht. Ihr Sohn und ein zweiter Schüler wurde mit dem Notarztwagen abgeholt. Wir vermuten Alkohol oder Drogen."
Da hats mich vom Stuhl gehauen. Drogen? Du? Wie soll das gehen? Das geht doch gar nicht!
Was Du damals konsumiert hast, wusstest Du nicht mal. "Es war grün und hat nach Lakritze geschmeckt. Und dann hats gebrannt in den Adern", sagtest Du später. Die Ärztin wusste sofort, worum es sich handelte und das Labor wies es auch nach. 500 ml Absinth, 1,7 Promille und ein anschließend bewusstloses Kind im Sportunterricht.
Offen gestanden, musste ich damals selber erst mal googeln, was Absinth genau eigentlich ist. Dein Kumpel hatte es mitgebracht in die Schule, umgefüllt in eine Plastikflasche.
"Ich hab gesehen, dass sie das getrunken haben", erklärte die schockierte Lehrerin, "aber ich dachte, das sei Waldmeister."
Dein Vater hat getobt: "Wieso ist der auch noch so blöd und säuft das Zeug in der Schule??"
"Wir können doch froh sein, dass es so war und nicht zu Hause oder sonstwo", entgegnete ich wütend, "stell dir vor, die liegen irgendwo bewusstlos, keiner merkt was und dann erstickt einer am Erbrochenen."
Drogen haben sich Gott sei Dank nicht bestätigt, mit so etwas habt Ihr glücklicherweise auch nie angefangen. Dass Du mir da die Wahrheit gesagt hast, haben ja auch diverse Bluttests bewiesen, die Du im Zuge Deiner Ausbildungsbewerbung und auch im Vorfeld beim Bund abgeben musstest ;) Zwar gehst Du heute gerne feiern und lässt es auch gerne mal krachen, aber Du weißt immer noch, dass Du betrunken kein Auto fahren darfst und selbst aus Rücksicht auf Restalkohol hast Du lieber einen Tag länger beim Kumpel gepennt als Deinen noch halbwegs frischen Führerschein zu riskieren.
Denn seit gut vier Wochen fährst Du nun auch Dein erstes eigenes Auto. Den Kauf haben wir gemeinsam abgewickelt, auch die erste Fahrt und ich war sehr erleichtert: Du fährst ruhig, entspannt und vorsichtig. Du hast Respekt, aber keine Panik. Und Du riskierst auch nichts: "Ich fahre diese Woche nicht, da zahl ich lieber die 20 Euro an den anderen", erklärtest Du mir gestern. "Mein Baby soll ganz bleiben."
"Meins auch!" antwortete ich und Du hast mir mit einem Herz geantwortet.
Der Mann verdreht immer die Augen, wenn er sowas sieht oder wenn Du mich "meine Seerose", "meine Seeanemone" oder so nennst - aber ich finde das schön. Andere küssen ihre Familie auch mit 50 noch auf den Mund, das zum Beispiel mag ich überhaupt gar nicht. Auf den Mund geküsst wird bei mir nur einer ;)

Diese Zeit mit Euch gerade genieße ich sehr. Gespräche über Gott und die Welt, Eure eigenen Gehversuche, Eure eigenen Ziele. Dennoch mischt sich dann und wann auch Wehmut bei mir in die Gedanken. Ich vermisse sie, die gemeinsame Zeit, das miteinander Abhängen, das Rumlümmeln nachmittags auf dem Sofa mit Keksen oder Kuchen, ich vermisse es, mit Euch zu sprechen, einfach beieinander zu sein. Ihr seid erwachsen, Ihr habt nun Euer eigenes Zuhause, das mal unser gemeinsames war, wovon aber nur noch wenig zu sehen ist, weil Ihr bis auf die Küche alles umgearbeitet habt. Es ist eben Eures. Aber ich wünschte doch, ich würde mehr in Eurer Nähe wohnen, mal auf ein Käffchen vorbeikommen können oder dass Ihr ab und zu vorbeischaut "War grad mal in der Nähe" oder so. Wahrscheinlich wäre die Realität sowieso eine andere. Nämlich dass Ihr vorbeikommt und einen Sack schmutziger Wäsche bringt ;) Oder weil Ihr irgendwas braucht. Oder weil eh grad nix anlag. Aber das ist mir egal. Ich rechne Euch nicht vor, wer wie oft anruft. Mir ist sowas wurscht. Wenn ich wissen will, wie es Euch geht, dann melde ich mich bei Euch. Und seit wir zu dritt diesen kleinen Familien-Chat gegründet haben, lasst Ihr mich auch so an dem einen oder anderen teilhaben. Dein Bruder nicht, der ruft lieber an, aber Du, Du bist wie ich - ich schreibe lieber. Telefonate liegen mir nicht wirklich, weil man dann auch wirklich nur telefonieren und sonst nichts anderes machen kann.
Du bist mir überhaupt in vielen Dingen ähnlich: Du hast es gerne ordentlich und gemütlich, aber to dos erledigst Du auf den wirklich allerletzten Pfiff. Ich erinnere mich noch an die Hausarbeit, die wir am Abend zusammenklamüstert haben, weil Du es so lange aufgeschoben hattest, bis der Termin ran war und Du bis auf eine Gliederung nix hattest. Bis in die Nacht rein haben wir gesessen und geschrieben, während Du irgendwann immer wieder einschliefst und dann, als wir fertig waren, noch sagtest: "Ich brauch das übrigens auch auf CD." Dein Glück, dass ich überhaupt noch 2 Rohlinge da hatte, von denen ich den ersten wutentbrannt durch das Zimmer schmiss, als das Gerät vermeldete "Dieser Datenträger kann nicht beschrieben werden" und um zwei Uhr morgens fauchte ich dich an: "Jetzt bete dafür, dass der letzte Rohling geht und wenn nicht, dann hast du eben Pech!"
Papierkram ist Deine Sache auch so gar nicht - ich erinnere mich noch, wie wir nach den 2 Jahren Ausbildung zum Sozialassistenten zwei Schubläden voller loser Blätter versucht haben zu sortieren, damit Du Dich auf die Prüfungen vorbereiten konntest. Von manchem wusstest Du nicht mal mehr, in welches Lernfeld die gehörten - und es gab acht davon ;)
Mit den ganzen Bescheinigungen seit Bund, Ausbildung und den Kontoauszügen handhabst Du das nicht viel anders, aber das sortierst Du seit zwei Jahren bittschön allein ;)
Da seid Ihr, Dein Bruder und Du, aus ein und demselben Holz und man fragt sich immer wieder, wieso Ihr am Ende trotzdem alles noch findet oder hinbekommt.
Du sagst offen Deine Meinung und vertrittst sie auch - oder hältst ganz einfach Deinen Mund. Du redest niemandem nach dem Mund, gräbst niemandem das Wasser ab und würdest Dich auch niemals auf Kosten anderer bereichern oder Dir ein schönes Leben machen. Das liebe ich an Dir. Auch das ;)

Manchmal wünschte ich, wir könnten noch mal von vorn anfangen. Ich würde so gern einiges anders machen, besser machen. Eine bessere Mama sein als ich es damals war - und ich würde Euch diesmal einen echten Papa aussuchen.

Aber nun bist Du 22 geworden, ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Liebe und dass alles so kommt, wie Du es Dir schon so lange wünscht. Und nächste Woche wird gefeiert :)

Samstag, 4. November 2017

If somebody believes in you



"Deine Musik ist immer dasselbe", sagt der Mann zu meiner heutigen Entdeckung und ich zucke die Schultern. Mir ist das ziemlich wurscht, weil ich gerade jetzt Musik bevorzuge, die mich auf die Beine bringt. Da spielts für mich überhaupt keine Rolle, ob sich alles gleicht oder nicht.
Ich habe auch einen halben Tag darüber nachgedacht, ob ich auf die letzten Kommentare mit einem eigenen Kommentar antworten soll - oder ob es doch mehr zu sagen gibt. Und für mich gibt es da wohl doch mehr zu sagen.



Zuallererst möchte ich einfach nur ganz herzlich Danke sagen. Denn nein, Gwen, den Link kannte ich noch nicht - jedoch scheint genau das darin Beschriebene mein Thema zu sein. Mein Thema, an dem sich meine Masseuse derzeit die Finger wundknetet und nicht wirklich vorankommt. Dazu möchte ich gleich noch was erzählen. Jedenfalls habe ich es mir durchgelesen, mir zwei Adressen in meiner Nähe herausgesucht und rufe Montag früh dort an. Ich hoffe nur, sowas gibts auch auf Kassenleistung, denn was ich in den letzten Jahren an Mitteln für Rehasport, Osteopathie & Co. versenkt habe, reichte wohl tatsächlich bald für ein kleines eigenes Zimmerchen mit herrlichem Holzfußboden hautnah am Meer.

Und auch Dir, Bohli: DANKE. Die Frau im roten Kleid wird sicherlich bald wieder tanzen. Ein bisschen zumindest ;)

Liebe Marietta, ich weiß schon, wie Du es meinst - und es ist ja letztlich eine Frage, die ich mir selbst auch schon stellte. Nur - ganz so einfach wie "ich liebe Eier, Milch und Fisch zu sehr, also versuch ichs gar nicht erst" ist es für mich eben auch nicht. Die vegane Lebensweise ist eine doch sehr.. wie soll ich sagen.. asketische Lebensform, deren positiven Aspekte ich gar nicht bestreiten möchte.
Wenn ich schrieb "bei Schmerzen wie meinen", dann meine ich Schmerzen, die ähnlich beschrieben werden, aber bereits diagnostisch katalogisiert worden sind - und bei mir sind sie das nach 13 Jahren immer noch nicht. Niemand kann mir sagen, warum, wieso, weshalb, woher und wie entsprechend die Lösung aussehen könnte. Anfängliche Verdachtsdiagnosen haben sich nicht bestätigt - und irgendwann hat man einfach aufgehört - und ich ebenso. Wobei ich für mich keine Diagnose brauchte, um meinen Frieden zu finden, sondern weil ich mir von einer konkreten Diagnose auch eine konkrete Lösung versprach. Inzwischen habe ich gelernt, dass es auch bei konkreten Diagnosen nicht immer eine konkrete Lösung gibt, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Der andere, für mich gewichtigere Punkt ist: Die Wissenschaft ist sich uneinig darüber, inwieweit die negativen Aspekte die positiven überwiegen. Mineralstoffmangel, Vitaminmangel, Mangel an Enzymen etc. - und man weiß, dass Mangelerscheinungen sich nicht von heute auf morgen einstellen so wie sich auch die Folgen daraus nicht von heute auf morgen einstellen. Und ich frage mich: Tue ich mir am Ende wirklich Gutes oder füge ich mir letztlich nicht nur noch mehr Schaden zu, an dessen Folgen ich dann nur noch mehr herumzuknabbern habe? Erst vor zwei Tagen las ich über Pro & Contra der veganen Lebensform - und darin wurde mein eigener Gedanke, mein eigenes Gefühl bestätigt: Vegan produzierte Lebensmittel, seien es Tofu-Wurst, Tofu-Schnitzel und was weiß ich, sind zumeist derart industriell "bearbeitet" und "gefertigt", dass in dem, was sich letztlich auf dem Teller findet, kaum noch Nährstoffe enthalten sind. Wenn da überhaupt noch was drin ist. Nicht umsonst benötigen viele Veganer künstlich erzeugte Zusatzstoffe, Vitamine etc. Soll das wirklich gesund sein? Ich habe da ebenso meine Zweifel.
Womit ich eher zurecht käme, ist die vegetarische Lebensform. Als mein Doktor vor einem halben Jahr meinte, ich hätte alle klassischen, eindeutigen Zeichen einer rheumatischen Erkrankung, aber das Labor wäre dahingehend einfach unauffällig, belas ich mich zu diesem Thema. Seitdem meide ich Schweinefleischerzeugnisse, ich hatte auch meinen Kaffeekonsum ein halbes Jahr lang fast auf Null geschraubt (und jeder, der mich kennt, kann sich vorstellen, dass ich da tatsächlich an Entzugserscheinungen litt ;)), ich esse Fisch auch der Omega-3-Fettsäuren wegen (ja ich weiß, da gibts auch Kapseln, hatte ich auch), in meiner Küche verwende ich für mich selbst statt herkömmlichem Fett das Kokosöl..
Um nur einige Beispiele zu nennen. Meine Ernährung ist - unabhängig von dem Einfluss auf den Schmerz - schon seit einigen Jahren wesentlich gesünder als es zuvor der Fall war.
Ganz so einfach, denke ich, mache ich mir das alles schon nicht ;) Ich versuche nur, das Richtige für mich zu finden, ohne mir dabei selber vielleicht noch mehr zu schaden.

Liebe Frau Vau, diesen Hinweis habe ich schon mal bekommen - nur in Form von Keksen ;) Und ich sagte, ich würde auch darauf zurückkommen, wenn ich es gar nicht mehr aushielte. Der Knackpunkt allerdings: die Frage der Fahrtüchtigkeit... Darf man? Kann man? Diese Frage fand ich auch auf den dort verlinkten Seiten nicht beantwortet, wäre aber ein entscheidendes Kriterium für mich. Kannst Du mir darüber was Genaueres sagen?? Aktuell ist auch nur die 3 %ige Variante verfügbar - die geringste Dosierung, aber für den Anfang sollte mir das ja vielleicht reichen.

Insgesamt muss ich sagen: Die letzten sechs Tage seit der letzten Massage waren echt.. beschissen. Ich spürte regelrecht, wie der Körper sich mehr und mehr verkrampfte und irgendwie in die Schieflage geriet. Heute Morgen, nach dem Duschen und Haarewaschen und dem Versuch, mir den letzten Schmerz aus dem Gesicht zu schminken, da kam ich ziemlich nah an den Spiegel heran, betrachtete mich argwöhnisch - und dann musste ich ein bisschen lachen "Schöne Scheiße! Wenn du nach außen immer so tust, als fehle dir nix, kann dich auch gar keiner ernst nehmen oder dir glauben, dass es dir beschissen geht." Immerhin hatte schon vor Jahren eine Mit-Patientin in der Schmerzklinik mich angegiftet: "Was willst du eigentlich hier, du nimmst anderen echten Kranken den Platz weg, den sie dringender brauchen als du. Andere Leben hängen am seidenen Faden, und so, wie du aussiehst, deins nicht."
Selbst zur aktuell wiederbelebten Leidenschaft, dem Kreuzworträtseln (eindeutige Schwachpunkte: Geografie und Geschichte! Ich weiß ja gar nix mehr! :D) mangelte es mir an Energie. Das Anheben von Teller und Tassen funktionierte nur noch mit zwei Händen statt einer. Und überhaupt. Da war ich wirklich unsicher: Heute trotzdem wieder zur Massage gehen oder doch lieber mal eine Woche Pause einlegen?
"Noch können wir absagen", meinte der Mann zum Frühstück, aber dann rang ich mich durch: Was, wenn wir vielleicht doch gerade am entscheidenden Punkt angekommen waren? Auch wenn es mir grad den Atem genommen hatte?
Was soll ich sagen... Ich hatte heute Chefinnen-Behandlung. Ihr war aufgefallen, dass ich seit einiger Zeit jede Woche in ihren Laden komme - und wir aber nicht wirklich weiterkommen. Sie meinte, sie würde heute etwas anderes versuchen und dass wir insgesamt drei Versuche hätten. Wenn auch das nicht helfen würde, dann wäre es ratsamer, einen Arzt aufzusuchen. (Ich war übrigens überrascht, wie gut wir beide trotz Sprachbarrieren miteinander kommunizieren konnten.)
Was sie dann mit mir veranstaltete, kann ich kaum beschreiben. Muskel-/ Faszienbehandlung auf thailändisch, holla die Waldfee! Ich konnte es kaum aushalten und weil man da ja nicht herumheult oder sowas, habe ich in das Kissen unter mir gebissen, die Hände in die Matte verkrampft - und der Körper zitterte, als sei ich auf Entzug. Holy Shit! Ich war wirklich, wirklich ganz knapp davor, in Tränen auszubrechen. Statt der geplanten 30 Minuten quälten wir uns ganze 50 Minuten, die sie mir nicht berechnen wollte und für die sie auch nicht mehr Trinkgeld als sonst wollte.
Jetzt fühlt sich mein Körper an wie innerlich wundgerissen, aber was soll ich sagen: Der schlimmste Schmerz ist ausgestanden. Der Pik der Woche sozusagen erreicht, jetzt scheint die Kurve wieder nach unten zu gehen. So fühlt es sich zumindest an - und ich wünsche mir das jetzt einfach mal. Immerhin habe ich heute Abend beim Entspannungskäffchen in der Stadt obiges Schildchen gelesen und mich doppelt motiviert gefühlt. (Kurz war ich sehr erschrocken, als der Mann entgeistert meinte, der Kaffee würde hier 5 Euro 90 kosten - aber glücklicherweise stellte sich das als Lesefehler heraus. Mit Brille wär das nicht passiert!)

Freitag, 3. November 2017

Old ways won't open new doors



"Letzte Nacht bist du gestorben", sagt der Mann. "Und die Nacht davor auch."
Er hat es geträumt, er erzählt davon, während ich den Frühstückskaffee zubereite, mich mit der Tasse Kaffee in beiden Händen auf das Sofa kuschle und die letzten ruhigen Minuten genieße, bevor das Tagwerk beginnt.
Und ich bin sehr froh, dass heute schon wieder Freitag ist, dass ich nächste Woche auch nicht verreisen muss und mir noch ein paar Tage bleiben, an denen ich hoffentlich etwas durchatmen kann. Auch wenn ich dem Chef in die Hand versprach, am Wochenende erreichbar zu sein und nach ihm ein paar Dokumente durchsehen würde. Termine drücken, das tun sie ja immer - aber einmal mehr denke ich, dass ich tatsächlich froh sein kann um dieses Home Office Modell. Kein morgens-aus-dem-Haus-hetzen mehr, die Tasche hastig über die Schulter geworfen, der Mantel noch offen, das Haar zu einem flüchtigen Knoten gewunden, ohne Frühstück, weil ich morgens unter Druck nichts hinunterbekommen kann.
Ich muss abwägen, was auch insbesondere jetzt gut für mich ist - ICH muss es MICH fragen, und ICH muss diese Entscheidungen treffen, auch wenn der Mann es bedauert: "Ich habe das Gefühl, du beziehst mich in deine Entscheidungen gar nicht mehr ein. Ich muss es nehmen, wie es kommt."
Nicht ganz.
Die Themen sind nicht neu.
Die Gedanken sind nicht neu.
Die Gründe sind auch nicht neu.
Ich mag mich nur nicht immer und immer wiederholen müssen - das ist vielleicht neu.
Am Ende ist es nämlich immer noch mein Körper, der mir schmerzt und schmerzt und schmerzt. Womit ich morgens aufstehe, das mich den ganzen Tag begleitet und mit dem ich mich nachts wieder in mein Bett lege.

Ja Gretel, das ist richtig, man hört vermutlich niemals auf, nach Lösungen zu suchen. Auch wenn ich mir im Mai schwor: "Ich versuche es nicht mehr, dreizehn Jahre sind genug."
Man beweint vielleicht still und kurz die Situation, man hadert, und doch.. beginnt man irgendwie immer wieder von vorn. Weil man sich nicht abfinden will mit Situationen, die sich vielleicht doch noch ändern lassen können.
Gestern schnappte ich mir den letzten Rest einer Sendung über Schmerz, fand anschließend eine weitere Sendung frei nach dem Motto "Wenn keiner mehr weiterweiß, dann komm zu Doktor Fred Feuerstein". Natürlich hieß der nicht so, aber wenige Minuten Sendezeit hinterließen doch eher das schale Gefühl einer nicht wirklich seriösen Sendung. RTL II-Niveau, sage ich nur.
Ich kann nicht mal sagen, dass ich nicht sogar diesen Weg versucht hätte, würde diese Sendung nicht in eben diesem Niveau herumgedümpelt haben.

Die vegane Lebensweise soll vielen Schmerzpatienten deutlich geholfen haben. Nicht jedem, aber immerhin vielen. Ich bin ehrlich: Diese konsequente Art zu leben und sich zu ernähren halte ich nicht durch. Ich mag Milch, Joghurt, Eier und Fisch. Bin ich also selber schuld, wenn ich blödes Weichei lieber Schmerzen beklage, anstatt einfach mal einen eisernen Willen zu entwickeln? Zumal die Wissenschaft noch darüber uneins ist, ob diese Form der Askese dem Körper letztlich aufgrund der Mangelerscheinungen nicht mehr schadet als dass man sich Gutes tut. Schwieriges Thema. Komplexes Thema.
Der Sport federt das Allerschlimmste ein wenig ab, also zwinge ich mich dazu, immer wieder.
Die Schmerztabletten habe ich wieder in den Karton zurückgelegt, zwei Tage nach intensiven Versuchen. Es hat dann doch nicht funktioniert.
Die Musik entführt mich und tut mir gut und für wenige Sekunden bin ich weggelenkt vom schmerzhaften Pochen. Ähnlich dem von Zahnschmerzen - nur eben nicht in den Zähnen, sondern im Körper. Irgendwann wird man irre davon, irgendwann muss man zwangsläufig irre davon werden - oder nicht? Ich ertappe mich immer wieder, dass ich mich an anderen messe, denen es noch sehr viel schlechter geht als mir - und dass ich mich dann zur Contenance mahne. Weitermachen wie bisher, weil es ohnehin keine andere Möglichkeit gibt. Nicht jetzt, nicht hier.
Aber vielleicht.. doch noch eines Tages? Trotz der Theorie über das Schmerzgedächtnis?
Der Mensch ist ein Mysterium, eins, das noch lange nicht bis zuende erforscht werden konnte.
Eine irgendwie komische Lebensphase gerade. Die Ernüchterung breitet sich immer weiter aus, aber die Hoffnung hält am Ende dann doch wieder dagegen... dass es immer noch Möglichkeiten gibt. Wege, die man gehen kann, auch wenns vielleicht ganz andere als je zuvor sind.

Donnerstag, 2. November 2017

Sometimes we forget to liv ... cause it hurts to liv



Als ich Freitag Nacht nach Hause zurückkehrte, erschienen mir die anschließenden fünf freien Tage als ein unermesslicher Reichtum, ein Reichtum an unendlich vielen Möglichkeiten, was man an diesen freien Tagen alles tun könnte..
Malen. Musik hören. Schreiben. In der Sonne spazieren. In Cafes eine Tasse Kaffee trinken. Menschen zusehen. Erzählen.
Die Wahrheit ist, dass ich nichts von all dem gemacht habe. Weil ich nichts von all dem tun konnte.
Jeden Samstag besuche ich inzwischen die kleinen, freundlichen Thai-Frauen, die kaum mehr als "Wenn weh tut, sagen" sagen können und mir eher mit Händen und Füßen erklären, was ihre kleinen, zarten, aber unfassbar kraftvollen Finger ertasten.
"Ihr Problem die Sehne!"
Sie bestätigt damit etwas, das ich schon sehr lange im Gefühl habe - ob der Schmerz"bahn" in meinem Körper.
Jeden Samstag verließ ich diese kleinen freundlichen Thai-Frauen - und zumeist fühlte ich mich besser. Beweglicher. Gelöster.
Bis zum letzten Samstag.
Schon die Behandlung selbst empfand ich dieses Mal als sehr, sehr schmerzhaft - und ich fühlte auf den Punkt genau, wo eine weitere Blockade festhing und sich partout auch nicht lösen ließ.
In der darauffolgenden Nacht quälte mich der Schmerz derart, dass ich in meiner Verzweiflung entgegen meiner Gewohnheit Schmerztabletten nahm, mich in das aufgewärmte Bett legte - und heimlich weinte wie ein Kind. Zusammengerollt wie ein Kind, mutlos auch, denn auch wenn der Kopf weiß, dass man zumindest nicht daran kaputtgehen kann, so fragt man sich, wie man (über)leben kann, wenn es so sehr weh tun kann zu leben..
Bis heute ist das Schmerzlevel wieder auf ein halbwegs erträgliches Maß gerutscht, hat der Mann heute auch die Blockade mit einem beherzten Griff gelöst, schüttelt besorgt den Kopf ob der Menge an Schmerzmitteln, die ich derzeit nun doch mit etwas Verwunderung darüber wähle, dass sie zum allerersten Mal seit dreizehn Jahren tatsächlich eine Linderung bewirken.

Am Wochenende, das ich eigentlich mit malen, Kaffee trinken in der Sonne und überhaupt einfach nur Genießen verbringen wollte, lese ich vieles über diese Form von Schmerz, mögliche Ursachen, mögliche Behandlungsmethoden, Verhaltensweisen, die einem den Alltag leichter machen sollen - und lese, dass diese Form von Schmerz meist für immer bleibt...
Dann lasse ich das iPad sinken und starre vor mich hin. Es werden schmerzlose Phasen beschrieben, die ich aber nicht habe. Die ich nie hatte in all den dreizehn Jahren.
Und so soll es jetzt bleiben.. Tatsächlich?
Früher war mein erklärtes Ziel, einhundertundvier Jahre alt zu werden.
Jedoch wenn es so weh tut zu leben... dann weiß ich nicht, ob ich das wirklich immer noch möchte. Wie lange ich das aushalten möchte, so zu leben.
Mein Leben hindert mich nicht, optimistisch zu sein.
Aber es hindert mich auch nicht, realistisch zu sein.

Mittwoch, 1. November 2017

In meinen Schuhen

Vermutlich hat sie es längst bereut, dass sie mir davon erzählte. Und vermutlich hat sie es eher auch nur beiläufig erwähnen wollen und im Traum nicht daran gedacht, dass und wie nachhaltig es mich beschäftigen würde. Oder dass ich auch überhaupt so eindringlich darauf reagieren würde.
"Ich glaube, du interpretierst da zuviel rein", hat sie geantwortet.

Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Abend vor vielleicht sieben, acht Jahren. Zu viert haben wir an einem Tisch gesessen, Erzählungen kommen nur schleppend in Gang, eigentlich unterhält sich eher der Mann mit ihr, während mein Jüngster und ich meistens schweigen oder nur wenige Worte miteinander wechseln. Irgendwann fragt sie meinen Jungen etwas und weil er nicht sofort antwortet, tue ich es. Völlig gedankenlos, gestehe ich mir später ein.
"Lass ihn doch selber antworten", sagt sie, "er ist doch alt genug."
Damals hat sie noch keine Kinder, ich nippe an meinem Glas, lächle verlegen und denke, dass sie es eines Tages sehr viel besser machen wird als ich das je tat.

Manchmal schaue ich auf meinen Ältesten und frage mich: Wie viel seiner Persönlichkeit liegt in ihm selbst begründet, und wie viel oder wie wenig hat er durch mich mit auf den Weg bekommen?
"Er könnte es besser, wenn seine Mama ihm nicht immer alles abnehmen würde", höre ich die Erzieherin nachsichtig mahnen, als er ungefähr zwei oder drei Jahre alt gewesen sein mochte.
"Er kann es selbst", entschuldigte ich mich, "aber ich habe keine Zeit zu warten."
Sie weiß nicht, wie mir jeden Morgen die Zeit im Nacken sitzt, wenn ich unmittelbar nach sechs Uhr morgens abgehetzt im Kindergarten durch die Tür trete, ausziehen, umziehen, Hausschuhe anziehen, erst dann dürfen sie den Spielraum betreten. Erst dann kann ich ihn in die Obhut der Erzieherin geben und zusehen, dass ich es noch bis sechs Uhr dreißig an meinen Schreibtisch im Nachbarort schaffe.
Sie weiß nicht, wie manchmal der Chef vor mir steht, wenn ich das Büro betrete, abgehetzt um sechs Uhr fünfunddreißig, und er schaut demonstrativ auf seine Armbanduhr, verdreht demonstrativ die Augen und lässt die Tür zu seinem Büro hinter sich ins Schloss fallen.
Gleitzeit. Wir haben Gleitzeit. Eigentlich.
Er schaut niemals demonstrativ auf seine Armbanduhr, wenn ich irgendwann zwischen fünf und sechs oft fluchtartig das Büro verlasse, um rechtzeitig daheim zu sein, vorher einkaufen, Besorgungen erledigen, Post wegbringen, das Kind bei der Oma einsammeln, Essen zubereiten, Haushalt, immer die Uhr im Nacken, weil ich mich auch in meinem Zuhause einem fragwürdigen Zeitplan zu beugen habe, der keinen Widerspruch duldet oder zulässt.
Ich muss funktionieren - also muss es das Kind möglichst auch, es darf mir nichts passieren.
Und weil ein Kind ein Kind ist und sich eben keinem Zeitplan unterwirft, mache ich lieber schnell selbst... Es ermöglicht mir das Ausweichen vor noch mehr Konflikten, noch mehr Diskussionen und noch mehr Streit, wofür mir mit den Jahren und dann dem zweiten Kind beinah vollständig die Energie fehlt. Morgens vier Uhr dreißig aufstehen, Frühstück zubereiten, Brote für den Ehemann, der beklagt, dass in seinem Verpflegungspaket für den Tag keine liebevollen Überraschungen bei sind wie das die Frau seines Kollegen immer macht; Brote für die Kinder, die Kinder essen, während ich mich für das Büro zurechtmache, die Kinder anziehen, unter den Arm packen, zum Hort, zum Kindergarten, denn sechs Uhr dreißig beginnt der Job bis in die Abendstunden, Besorgungen oder einkaufen, Post wegbringen, Abendessen zubereiten, Kinder versorgen, Haushalt - ein ewiger Kreislauf.
Wenn ich mir all das vor Augen führe, dann nicht, um mir gegenüber zu rechtfertigen, dass ich gar nicht anders gekonnt hatte. Doch, kann man, das kann man immer - aber in diesem Stadium meiner eigenen Persönlichkeit war es zumindest mir nicht möglich. Nicht ohne Unterstützung von außen, die mit dem Tod der Mutter des Ehemannes ein halbes Jahr nach dem vierten Geburtstag meines Ältesten vollständig wegbrach.

Manchmal frage ich mich, welche Art Mama ich eigentlich damals war. Nicht so liberal wie heute, denke ich. Eher eine gestresste Mama mit einem genau getakteten Zeitplan und immer der Sorge im Nacken, was mir widerfahren würde, wenn auch nur irgendwas diesen Zeitplan durcheinander brachte.
Ich glaube, ich war früher eine wesentlich autoritärere Mama als ich es heute bin. Meine Kinder durften nicht alles und sie bekamen auch nicht immer alles. Dinge wurden erklärt, aber auch nicht alles gnadenlos ausdiskutiert, sondern festgelegt: "So ist es jetzt." Es gab niemals einen Zweifel: Die Mama bin ich - das letzte Wort den Kindern gegenüber hatte ich.
Ich weiß noch heute, wie schockiert ich war, als meine Freundin ihrem damals Dreijährigen eine Ohrfeige gab.
Ich weiß noch heute, wie unvermittelt meine Mutter mir hin und wieder eine Ohrfeige gegeben hatte.
Ich weiß noch heute, wie unvermittelt mir mein Ex-Mann eine Ohrfeige gab. Oder mir die Schulter verdrehte.
Ich weiß noch heute, wie der Älteste zurückzuckte bei einer schnellen Bewegung von mir - obwohl ich nie niemals auf die Idee gekommen wäre, ihn in sein Gesichtchen zu hauen.
Ich hasse es. Ich hasse und verabscheue es zutiefst. Gewalt kann ich nicht aushalten, nicht ertragen, weder verbale noch körperliche.
In Streitgefechten kann ich flammend werden, leidenschaftlich - auch ironisch oder gar zynisch, wenn ich mich provoziert fühle - aber Gewalt verabscheue ich damals wie heute.
Bis heute reagiere ich sehr empfindlich auf jegliche Form von Gewalt.
Keinem meiner Söhne wäre je in den Sinn gekommen, mich zu hauen oder zu treten. Nicht mit drei Jahren, nicht mit dreizehn Jahren und erst recht nicht jetzt. Umso verdutzter reagiere ich auf Begründungen wie "Zahnungsprobleme" oder "Persönlichkeitsentwicklungen". Zahnungsprobleme bei einem Fünfjährigen?
"Das ist jetzt aber wirklich sehr weit hergeholt."
"Es ist kein Schlägerkind, so ist es nicht."
"Das sagte ich gar nicht. Aber es macht nach, was ihr ihm vormacht. Und dass es keine Konsequenzen hat, wenn einer den anderen schlägt."
"Ich glaube, du interpretierst da gerade zu viel rein."
Ich weiß, dass Kinder sich austesten. Dass sie ihre Grenzen ausloten. Das tun auch wir Erwachsenen, immer wieder neu. Und ich weiß, dass das bis zu einem gewissen Grad auch gesund so ist. Dennoch frage ich mich: Kann und muss man alles und jedes verstehen, analysieren wollen, begründen wollen und ein Pseudo-Verständnis aufbringen, das uns daran hindert, Grenzen auch aufzuzeigen? Unmissverständliche Grenzen? Dem Kind? Und dem Partner?

Ich hab einiges versäumt und falsch gemacht in der Erziehung meiner Söhne. Aber über eines bin ich sehr, sehr froh: dass sie niemals jemanden geschlagen haben. Erst recht nicht jemanden, den sie lieben.

Manchmal betrachte ich die Kinder in der U-Bahn, in der Stadt, in den Straßen, in den Cafes. Die meisten lassen mich lächeln. Und manche lassen mich unendlich dankbar sein, dass meine Kinder inzwischen erwachsen sind. Ich liebe Kinder, aber ich finde sie nicht alle niedlich und drollig. Und diese gnadenlos Verzogenen, diese Prinzen und Prinzessinnen, die "heiligen Kühe" mancher Eltern, die, die alles dürfen und am lautesten plärren, wenn nicht alles nach ihrem Kopf geht und dann ist das Geheule auch noch okay, weil, "dafür sinds ja Kinder", die habe ich besonders "gern". Auch wenn ich eigentlich eher wütend auf deren Eltern bin.

Dienstag, 24. Oktober 2017

Lady (not) in Red



Wenn ich bildlich beschreiben sollte, wie ich mich in den letzten Tagen fühlte, dann... würde ich sagen.. Jogginghosen, zerknittertes T-Shirt, wilde ungekämmte Haare, ungeschminkt, ein Raum voller leerer Flaschen, irgendwo ein Sofa, irgendwo in einer Ecke ich, die Beine nachlässig irgendwo runterhängend, der Blick müde, der Körper antriebslos - und der Geist wie gelähmt von all dem, das der Kopf sagt, was zu tun wäre und zu dem man sich dennoch einfach nicht aufraffen kann.
Nachts wälze ich mich ruhlos, schlaflos hin und her, überlege tausend Wege, lege mir abertausend Möglichkeiten zurecht, wäge ab, zwinge mich in den Schlaf, träume von längst Vergangenem.. und manchmal habe ich zwischendrin ein wenig Angst, dass mich alles überrollt, dass mir alles aus der Hand gleitet und dass ich ganz am Ende auch mich selbst verlier. Aber diese Angst fühle ich nur nachts zwischen den Träumen, wenn ich erwache und auf die weiße Wand starre, an der sich das schwache Licht des Radioweckers bricht.

Andere sagen über mich, ich sei so stark - und dann sehe ich mir selber zu und denke: Wenn ich stark wäre, wie kann es dann sein, dass Niederschläge mich so aus dem Tritt bringen?
In dieser einen Woche war ich froh, dass ich die wichtigsten Dinge erledigen konnte, zuallererst den Job. Und den Anruf bei einer meiner längsten Freundinnen. Das liebe ich so an ihr oder uns: Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht gesehen, genau genommen vor einem Jahr zu ihrem Geburtstag. Das war auch der Moment, in dem wir das letzte Mal miteinander gesprochen hatten.
Aber keiner ist sauer auf den anderen oder enttäuscht vom anderen. Jeder weiß um den anderen und dass es nur einen Anruf braucht, nur einer Zeile bedarf. Wenn man kann. Man ist selten beieinander und dennoch nie voneinander weg.
Und dann schickt sie mir einfach so eine Postkarte und dazu ein Tütchen Badesalz der Marke Schokolade und rosa Pfeffer. Dabei habe ich weder Geburtstag noch gab es sonst irgendeinen Anlass. Vor allem kam es in einem für mich genau richtigen Moment, um mich wenigstens - bildlich! - aus der Sofaecke zu erheben und den Blick wieder neugierig werden zu lassen.
Sie liest ab und an in meinem Blog, dennoch vergewisserte sie sich über das eine oder andere noch einmal und am Ende sagte sie: "Gibt es eigentlich auch etwas Positives zu berichten?" und ich antwortete ohne zu zögern: "JAA! Ich habe gestern Post bekommen mit einer herrlichen Postkarte drin und einem wunderbaren Badesalz!" und dann haben wir beide gelacht.
Vielleicht lag in genau diesem Moment neben wenigen anderen positiven Impulsen der Woche genau der Antrieb, der mir gefehlt hatte. Das Vermögen, wieder mit mehr Hoffnung und etwas mehr Zuversicht nach vorn zu schauen und vor allem dem Jungen wieder etwas mehr Standsicherheit einzuhauchen.
Die Entlassung der drei Mitarbeiter zieht tatsächlich doch etwas größere Kreise - und der Ausgang ist derzeit noch ungewiss. Er birgt jedoch eine winzige Hoffnung, an die sich der Junge klammert. Er, den nichts so sehr beflügelt wie ihm entgegengebrachter Respekt, Achtung - und Wertschätzung. Klingt so selbstverständlich - und ist es so wenig...
Dennoch haben wir beide uns wieder auf die Beine gestellt, online alle erforderlichen Anträge gestellt, Bewerbungen zusammengestellt und versendet. (Was bin ICH froh, dass heutzutage so vieles, wenn nicht gar alles online möglich ist...) Auch habe ich mein Haushaltsbuch wieder hervorgekramt, wiederbelebt, Zahlen geprüft, Ausgaben geprüft und festgestellt, dass vielleicht sogar beides möglich ist: dem Jungen helfen und parallel dennoch am eigenen Wunsch basteln. Erkannt, dass die eine oder andere Angst vielleicht doch nicht so begründet war.
Was am Ende bleibt, ist Hoffnung. Es ist immer vor allem immer nur die Hoffnung darauf, dass die Dinge sich zum Positiven wenden, so oder so.
Letzte Woche waren wir in der Oper. Ich hatte mich für ein taubenblaues, bodenlanges Kleid entschieden und als wir die Treppe hinaufstiegen, fragte ich mich urplötzlich, warum ich eigentlich nicht das bodenlange rote Kleid gewählt hatte. Es hätte definitiv besser gepasst.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ampel auf Rot



Freitagnacht nach M zurückkehren, die Tür aufschließen, die Tasche abstellen, im Badezimmer klares kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen und nach der Zahnbürste greifen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, dass ich mich so unendlich müde fühlte.
Kaum mehr nachvollziehbar noch jene Erleichterung, mit der ich Anfang August noch glaubte, von nun an würde das Leben.. einfach nur ein wenig leichter. Kaum mehr nachvollziehbar noch jene ungläubige Freude.
Nur um nach diesen Wochen seither nachts in den Spiegel zu starren und mich zu fragen, wieso einfach niemals wirklich was "nach Plan" laufen kann. Wieso man immer und immer wieder über irgendwas stolpert, strauchelt und wenn man sich gefangen hat und weiterlaufen möchte, begegnet einem das nächste Hindernis.
Die letzten Wochen, die letzten Auseinandersetzungen, die irgendwie nahezu alles Bisherige in eine einzige große Frage stellten. Bereit zur Konfrontation, bereit zur Konsequenz werden Kämpfe ohne eine einzige Träne ausgefochten und in den schlaflosen Nächten Pläne geändert, neu aufgestellt und die Frage nach einem möglichen neuen Lebensmittelpunkt endet zunächst mit einer Suche im Netz, während man tagsüber den Menschen und den Söhnen begegnet, als sei alles wie immer.
"Mut steht am Anfang des Handelns. Glück am Ende."
Das steht in dieser Woche auf meinem Kalenderblatt. Ein Kalender, der mir so langsam etwas Angst macht. Ein Kalender, der mir jeden Montagmorgen eine neue Weisheit bringt. Eine Weisheit, die irgendwie in genau in jede einzelne Woche passt, so verschieden sich diese Wahrheiten auch anfühlen mögen.
Es ist nicht, dass mir der Mut fehlte.
Nur...
Noch vor einigen Wochen fühlte ich den älteren Sohn angekommen.
Noch vor wenigen Wochen begann ich gemeinsam mit dem jüngeren Sohn, die veränderten Bedingungen zu akzeptieren und eine Lösung zu schaffen, die uns drei voneinander unabhängig machen sollte, ohne uns voneinander zu trennen.
Noch vor wenigen Wochen glaubte ich, auch in meinem eigenen Leben auf einem guten Weg zu sein.
Diese drei Säulen meines Lebens, für die ich bereit war, alles zu geben.
Und kaum denke ich, dass wenigstens zwei Säulen stabil sind und ich mir die dritte neu errichten muss, bröckelt auch die zweite.
Dass sich der Weg meines eigenen Lebens in Frage stellte, dass die Richtung noch offen blieb - damit konnte ich umgehen. Jedoch die Söhne... Sie sind der Punkt, der mich am verwundbarsten macht. Für mich selbst.. werde ich immer einen Weg, eine Lösung finden - auch wenn das manchmal länger dauert als ich es wünschte. Für mich selber kann ich stark sein. Aber die Jungs... Wenn es ihnen nicht gut geht, stürze ich sofort ab. InnerlichGefühlt.
Die bisherige berufliche Reise des Älteren ist zuende, bevor sie richtig begonnen hat. Für ihn und für zwei weitere Mitarbeiter. Das Warum und die Zusammenhänge bleiben unter Verschluss, zumindest so lange, wie noch unklar ist, welche Kreise es da noch ziehen wird. Aber es ist eine Information, die mir am Freitag in die Kniekehlen tritt, die mich innerlich einknicken lässt - und die mich von einem Moment auf den anderen ermüdet. Leert. Erst jetzt steigen mir die Tränen in die Augen.
"Ja was soll ich dir sagen... Du weißt, wenn ich dir helfen kann..."
Ich nicke, aber ich meine es nicht so. Ich will sie nicht, die Hilfe. Ich will mich nicht auf einen anderen Menschen verlassen, weil ich mich auf keinen anderen Menschen verlassen kann. Denn am Ende hat kaum jemand etwas von sich abgegeben, ohne damit einen Zweck zu verfolgen. Ohne damit im Gegenzug auch etwas zu erwarten. Kaum jemand tut etwas einfach nur, weil er es tun kann. Jedenfalls nicht meiner bisherigen Erfahrung nach.

Heute Nachmittag bin ich in der Sonne spaziert. Eine so wunderbare Herbstsonne, es sind über zwanzig Grad, die Sonne streichelt meine Haut und meine Seele. Ich sammle rotgoldene Blätter, lese die letzten Kastanien auf. Für einen Moment denke ich an nichts, fühle ich nichts Bedrückendes, fühle ich mich wieder wie als ich sechs Jahre alt war. Sehe mich in den weißen Kniestrümpfen und den neuen gelben Lederschuhen und den viel zu dünnen Beinen, wie ich begeistert durch das Laub wusele und mich freue, während die Mama die Augenbrauen hochzieht, weil die Schuhe noch neu sind und Ersatz nicht so einfach beschafft werden kann.
Und dann sehe und höre ich einen Rettungswagen, so einen, wie der Ältere ihn bis zuletzt fuhr, und alles in mir krampft sich erneut zusammen, überkommen mich einmal mehr die Sorgen und die Gedanken, die Ungewissheit.

"Alle Ampeln auf Rot", antwortete ich dieser Tage auf die Frage, wie es mir ginge.
Aber ich will mich nicht so fühlen. Ich will nicht, dass wir uns unterkriegen lassen. Und überhaupt... Auf jedes Rot folgt doch auch immer noch ein Grün.
Daran ziehe ich mich hoch - denn Rot lasse ich nur als Kampfansage gelten. Nicht als Stoppschild.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

"Mein Misthaufen ist viel größer als deiner." - "Dafür stinkt meiner doller!"

An mein breites Grinsen über die Karikatur der zwei Schweinchen auf ihrem Haufen kann ich mich noch gut erinnern - auch wenn das bereits ein halbes Leben lang her ist. Sie kam mir wieder in den Sinn, als ich heute Abend einen Blogpost über Alleinerziehende las - und ein Resümee darüber, ab wann man sich überhaupt alleinerziehend nennen darf. Dass es einer Frechheit gleichkäme, wenn Frauen, deren Männer entweder permanent arbeiten oder wochenlang krank im Bett liegen, auch nur im Scherz sagten, dass sie "allein erziehend" wären. Überhaupt wurde mir erst heute jene Begrifflichkeit bewusst - dieser Unterschied zwischen "allein erziehend" und "alleinerziehend".
Und ich habe mich schon ein wenig gewundert. Auch über Kommentare in jenem Post, die von unguten Erfahrungen erzählten mit Frauen, die dieses "Alleinstellungsmerkmal" für sich ganz allein beanspruchten. Kein Mann, keine Freunde, keine Familie in der Nähe - man ist allein mit den Kindern und auch nur dann ist man alleinerziehend. Und alles andere eine Frechheit oder wenigstens Anmaßung.

Ich lehnte mich zurück und schüttelte leicht und ein wenig ungläubig den Kopf. Weil ich nicht umhin kam, mich zu fragen, mit was für einem - sorry - Scheiß die Menschen sich eigentlich auseinandersetzen? Haben sie echt nicht Wichtigeres in ihrem Leben zu tun, als anderen Menschen begreiflich zu machen "Du verwöhnte Göre, du hast schließlich einen Mann und genug Geld und überhaupt - damit bist du nie im Leben alleinerziehend, du weißt ja gar nicht, wovon du da eigentlich sprichst!" Man ging ja selbst so weit zu behaupten, dass Single-Mamas auch dann nicht mehr als alleinerziehend angesehen werden, wenn sie ihre Kinder aller vierzehn Tage zu ihrem Papa geben können und auch regelmäßig Unterhalt bekämen.
Oh. Mein. Gott.
Wo ist sie, die Fähigkeit der Menschen, gönnen zu können - ohne Neid und Häme?
Wieso sich nicht einfach mal für einen anderen freuen können, so ganz vorbehaltlos?
Wieso nicht einen anderen an der eigenen Schulter ausweinen lassen, ohne darüber zu befinden, ob zu recht oder zu unrecht?
Wieso nicht den anderen einfach mal in den Arm nehmen, an sich drücken und sagen: "Hey... Wo drückts?"
Warum bei der Freude eines anderen über ein Kompliment antworten mit: "Ach, das geht mir jeden Tag so"?
Warum beim Kummer des anderen sagen: "Ach, daran ist er selber schuld, er hätte ja..."
Warum nicht einfach mal anerkennen, dass wir alle nur Menschen sind mit einer uns eigenen Belastungsgrenze? Und dass es manchmal einfach nur ausreicht, ein bisschen von diesem Druck rauszulassen und aufgefangen zu werden - und schon fühlt man sich um einiges besser.

Woher kommt das, dass der Mensch nicht nur immer höher, schneller, weiter sein will, sondern vor allem auch der Beste von allen?
Woher kommt es, dass man sich selbst nicht einfach auch mal zurücknimmt, um den anderen vortreten zu lassen?
Wie ist das möglich, sich selbst als das Maß der Dinge zu nehmen und alles andere abzuwerten?

Gerade wandert mein Blick hinaus vor das Fenster, wo sich blattgoldene Bäume und Tannen im Wind wiegen, ich höre nebenbei Musik und während ich daran denke, mir einen wunderbar aromatischen Kaffee zuzubereiten und die Stricksockenfüße auszustrecken, genieße ich, dass ich es hier warm und gemütlich habe, dass es mir soweit gut geht, dass ich die Ruhe in meinem Kopf und in meinem Bauch grad unendlich genieße. Manchmal, wenn ich in der Küche stehe und darauf warte, das heiße Wasser über den Kaffee gießen zu können, schaue ich auf das Haus gegenüber. Auf die großen, einladenden Fensterfronten, die den Blick in ihr Inneres freigeben. Grad am Abend, wenn die ersten Lichter angehen. Hinter dem einen Fenster Mutter, Vater und Kind jeden Abend am Tisch sitzend, während sie essen und meistens nicht reden. Hinter dem anderen Fenster den Mann, wie er an seinem Schreibtisch vor dem Computer sitzt, abwechselnd schreibt und sich durch die Haare fährt, während sein Mann nur ganz selten dieses Zimmer betritt, vielleicht, um ihn nicht zu stören. Dort das andere Fenster, wo das Kind Abende lang auf einem riesengroßen Sofa turnt, während es nebenbei in den Fernseher schaut, der so groß ist, dass ich bequem mitschauen könnte, während Mutter und Vater abwechselnd durch die Zimmer wuseln, Essen zubereiten oder Wäsche sortieren, immer irgendwie in Bewegung sind. Oder da das andere Fenster, wo sich das Paar sehr heftig in der Küche stritt und man hernach beide sehr lange nicht sah, die Blumen in den Blumenkästen verdorrten und dann die Wohnung mit einem Mal leer war.
Menschen.. Ich betrachte sie, weil Menschen mich immer noch faszinieren können.
Es gibt so unfassbar viele von uns, jeder ist sein eigenes Wesen mit seiner eigenen Gefühlswelt und seiner eigenen Gefühlstiefe. Mit seiner eigenen Belastbarkeit, mit seiner eigenen Grenze von Freude zur Traurigkeit, von Hilfe geben bis Hilfe brauchen, mit der eigenen Grenze von Stärke zur Schwäche. Große Menschen, kleine Menschen. Dünne Menschen, dicke Menschen. Niemandem steht es zu, einen anderen zu bewerten oder gar abzuwerten. Niemand ist besser oder schlechter in den Phasen, in denen es uns nicht so gut geht wie dem anderen. Wir sind alle... eins: Menschen.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

...so that we can choose each other



Es scheint verkehrte Welt, in der der Mann diese Tage in L verbringt, während ich hier in M Abende lang damit zubringe, mich auf dem Fußboden auszustrecken, die Augen zu schließen und die Musik durch den Raum perlen zu lassen. Das ist beinah wie früher...
Und es ist die Musik, die mich an jene Zeit erinnert. Die Zeit vor dem Sprung in ein anderes Leben.
Das Gefühl vor diesem Sprung, das sich anfühlte wie... auf einem Fünfmeterturm zu stehen, natürlich mit Fingern, die krampfhaft die Brüstung umklammert halten und im Kopf immer nur dieser Gedanke: "Wenn du JETZT nicht springst, dann tust du es nie." Und in deinem Kopf laufen Bilder ab, ganz viele, Bilder, die du noch gar nicht kennst, die du noch nicht gelebt hast, und Bilder, die die bisherigen Jahre in die Zukunft tragen. Und innerhalb dieser Sekunden wägst du ab: Willst du die kommenden Jahre wie die vergangenen leben und kannst du das noch aushalten?
Und obschon die Antwort auf diese Frage noch nicht ganz klar im Bewusstsein formuliert ist, klopft dir dein Herz so arg, dass du glaubst, man könnte das Pochen in den Schläfen sehen - und ob du wirklich schreist oder auch dieser Schrei nur noch in deinem Kopf ist, ist vollkommen egal:
Du bist bereits gesprungen.
Da war etwas in dir selbst, das dein eigenes Ich an den Rand des Sprungbretts gedrängt hatte und dir gar keine Wahl mehr blieb.
Und dann bist du eingetaucht, du bist untergegangen, aber wo du vorher noch dachtest, du würdest dir mindestens den Hals brechen oder wenigstens alles würde dir weh tun, stellst du verwundert fest, dass du nicht ertrinkst - und dass das Wasser dich sogar trägt, wenn du nur die Arme ausbreitest und du dich mit beiden Füßen kraftvoll vom Boden abstößt.

Die letzten Tage habe ich viel gelesen und wenig geschrieben. Ich habe gelesen von Beziehungen, die erst welche werden mögen - oder auch nicht. Ich habe gelesen von Verantwortung, die wir für die Menschen übernehmen bzw. haben, die wir lieben. Und ich mag das, es so zu sehen, so zu empfinden und so auch zu leben. Ich mag es zu sehen, wenn Menschen füreinander einstehen, wenn Menschen einander helfen - oder sich einfach nur zwei Fremde anlächeln, irgendwo zwischen U-Bahn und zwei Terminen.
Verantwortung übernehmen bedeutet für mich persönlich nicht, in einer Beziehung zu bleiben, die nichts Erfüllendes mehr hervorbringen kann, egal von welcher Seite. Möglicherweise hat man sich zu Beginn einer Beziehung noch gar nicht wirklich gekannt - und sich auch nicht die Zeit gelassen, herauszufinden, wer der andere eigentlich ist und was ihn ausmacht. Ob das mit dir selbst harmoniert, harmonieren kann für länger als ein oder zwei Monate, ein oder zwei Jahre. Denn für den anderen kannst du nicht denken und auch nicht entscheiden - aber für dich.
Und ich erinnerte mich beim Lesen fremder Posts an die Worte einer klugen Frau, die vor einigen Jahren zu mir sagte: "Wenn ich noch einmal höre, dass jemand sagt, dass er Sie nicht liebt, dann werde ich aber mal so richtig wütend. Natürlich liebt er Sie - aber er tut es auf seine Weise. Und es ist ganz allein an Ihnen, herauszufinden, ob seine Liebe das ist, was SIE wollen. Ob es das ist, was SIE glücklich macht."

Liebe ist für mein Empfinden, für meine Vorstellung sehr viel mehr als die Biochemie in unserem Kopf, sehr viel mehr als endlose Stoffwechselketten. Natürlich, weil ich es so sehen möchte. Natürlich, weil ich es so fühlen möchte. Und heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass für das, was wir sind, ohne es sein zu wollen, der Grundstein bereits in der Zeit gelegt wird, wo wir noch Kind sind. Auf unsere kindliche Art und Weise Zuneigung geben und erfahren (wollen). An irgendeinem Punkt in unserem Leben verzweigt sich unser Weg und dann kommts wohl darauf an, wann wir wohin abgebogen sind.
Ich denke jedoch auch, dass wir nicht nur Verantwortung für die Menschen in unserem Leben haben. Wir haben diese genauso auch für uns.
Mit diesem Gedanken habe ich mich von meinem Ehemann und der Ehe verabschiedet. Dass ich schon sehr lange nicht mehr glücklich war - und dass ich nicht einmal meine Kinder glücklich machen kann, wenn ich es selber nicht bin. Dass wir jedoch nicht nur dafür zu sorgen haben, dass sie ausreichend zu essen, zu trinken, ausreichend anzuziehen und zum Spielen hätten. Damals hat er mich nicht verstanden, vielleicht auch nicht verstehen wollen - und für ihn war die Antwort auf alles zu einfach: Der andere Mann war schuld und all die Filme über Liebe, die mit der Realität so gar nichts gemein hätten.
Jedoch in meiner Vorstellung von einer Liebe, von einem Miteinander passte einfach auch nicht, dass man lediglich nach außen das Bild einer intakten Familie gab, während im Inneren alles kaputt war und vielleicht auch nie wirklich funktioniert hatte, weil die zwei Menschen, die einander begegnet waren, viel zu verschieden waren. In meine Vorstellung gehörten all die Erniedrigungen, Verletzungen von innen und außen nicht, die Ohrfeige das fehlende Argument ersetzte oder Tritte gegen eine verschlossene Tür eine vermeintliche Macht symbolisierte, die nur eines erreichen sollte: Angst und Nachgiebigkeit.

Also bin ich gesprungen, mit oder ohne einen anderen Mann - ich bin gesprungen.
Bis heute habe ich diesen Sprung nicht ein einziges Mal bereut, in keiner einzigen Sekunde, in keinem einzigen Atemzug. Alles hat sich seither verändert. Ich habe mich verändert.
Nur dass ich heute auch nicht sicher weiß, ob ich da bin, wo ich immer sein wollte.
Und so habe ich diese einsamen Tage beinah herbeigesehnt. Um nicht mehr nur noch zu reagieren auf all das, das um mich herum geschieht. Sondern mich selbst sehr bewusst wahrzunehmen, mich selbst wieder sehr bewusst zu fühlen und für mich herauszufinden, ob und was ich vermisse. Um für mich herauszufinden, was ich mir eigentlich (immer noch) wünsche.
Und so langsam formt sich mehr und mehr und immer deutlicher meine innere Überzeugung, dass ich mich von nichts und niemandem zu etwas drängen lassen werde, das nicht ich bin. Das nicht meinem Wesen entspricht. Wenn das, was mich, was meine Persönlichkeit ausmacht, nicht ausreicht, mich so zu lieben - dann ist es niemandes Schuld und dann ist dies auch nicht das Ende meines Lebens. Nicht das Ende der Welt. Jedoch dann sollte man sich einander in die Augen schauen und dazu bekennen.
Denn auch das ist Verantwortung gegenüber dem anderen: nicht nur sich selbst, auch dem anderen die Chance zu geben, sein Leben richtig leben zu können.
Ich hab sehr lange dafür gebraucht zu erkennen, dass jener Sprung damals ohne diesen anderen Mann das einzig Richtige war, das mir passieren konnte. Heute weiß ich, dass wir einen zu hohen Preis gezahlt hätten und so nicht miteinander glücklich geworden wären. Doch was ich stattdessen bekommen habe, ist für mich immer noch wertvoller: mich selbst.

Dienstag, 19. September 2017

"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."



"Dieser Ort passt nicht zu meinem Leben."
"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."

"Warum singt er ihnen was vor, Onkel Henry?"
"Für ihn gibt es nicht nur Sonne und Regen.
Auch die Balance und Harmonie sind wichtig."




Manchmal denke ich, dass ich zuviel Zeit habe, wenn ich Zeit habe. Dann denke ich von einem ins andere, vom hundertsten ins tausendste - doch meistens geht es mir gut dabei. Dann wühle ich alte, verstaubte und auch noch nicht ganz so alte Träume und Wünsche wieder hervor, betrachte sie im Sonnenlicht wie unter Glas, mit einem zusammengekniffenen Auge und schiefem Mund, ganz konzentriert - und dann frage ich mich: Ist JETZT dieser richtige Zeitpunkt?
Gibt es einen richtigen Zeitpunkt - oder verpassen wir all das, was wir wollten, während wir darauf warten, dass der perfekte Moment eintreten möge?

Inmitten allen Geschehens möchte ich mich treiben lassen - einfach so, wie ohne Zeit und Raum, und dann möchte ich mich davon auch nicht abbringen lassen.
Ruhe genießen, wenn Ruhe ist.
Ich muss nicht auf den höchsten Berg steigen und auch nicht in das tiefste Meer tauchen, ich muss mich nicht aus Wolken werfen und mit giftigen Tieren um die Wette laufen.
Ich verfalle nicht in Trübsinn, wenn es in den wenigen Tagen des Urlaubs regnet; stattdessen hole ich mein Spiel hervor und strecke mich wohlig aus. Natürlich kann ich das auch zu Hause. Man kann alles zu Hause oder an einem anderen Punkt der Welt machen. Aber man muss nicht alles machen.
Vielleicht ist es mein Manko, zu wenig Ehrgeiz für das immer höher und das immer weiter wollen zu haben.
Vielleicht ist es aber auch ein Pluspunkt, in einer Zeit wie dieser, die gefühlt immer schneller zerrinnt, anhalten und stehenbleiben, sich umschauen zu können. Wahrzunehmen. Zu hören. Zu riechen. Zu schmecken. Und befinden zu können, was davon gut für mich ist und was nicht - und sich nicht unter Druck zu setzen mit all dem, das man nun noch nicht getan hat.

Insofern ließ ich mich gestern auch so gar nicht von der "selbst gemachten" Hektik des Büros anstecken, ich ließ auch nicht zu, dass angespannte Stimmungen gleich einem mittleren Hurrikan über mich hinwegfegen und mich beugen würden. Und auch altbekannte Vorwürfe "Ich bin der Dümmste von allen, denn IHR macht alle einfach Urlaub" liefen an mir vorbei, einfach so, auf Wiedersehen, gute Reise.
Ich will nicht, also tu ich nicht. Ich gebe zu, es fällt mir oft genug schwer, mich zu disziplinieren, mich zu ermahnen. Vermutlich muss es die Macher unter uns geben, die die Entwicklungen, die Wirtschaft und was weiß ich noch alles vorantreiben. Da ist für die Träumer kaum mehr Platz. Weil sie unproduktiv sind und keinen Gewinn erbringen. Glaubt der Macher. Glaubt er zu wissen.
Und verwechselt Träumerei mit Faulheit, mit Antriebslosigkeit. Während der Träumer weiß, dass er seine Energie aus genau den kleinen Inseln zieht, die er rings um sich herum erschaffen kann.
In den letzten zehn Jahren war ich sehr oft krank, die Muskulatur, der Magen, der Bauch, die Lunge.
Im Gegenzug war ich erfolgreicher als je zuvor, erarbeitete mir Position und Verdienst - und verlernte beinah das Träumen. Verlor mich beinah, weil ich mich mitreißen ließ in einem Strudel aus permanenter Erreichbarkeit, Arbeit bis spät in die Nacht, Aufstehen halb zwei Uhr morgens, weil man aus einem Traum hochgeschreckt ist und sich fragt: "Habe ich dieses und jenes schon beantwortet und erledigt? Habe ich dies und jenes richtig bedacht und getan?" und schaltet den Rechner ein, prüft, nur um zehn Minuten später erleichtert zwischen Decke und Laken zu kriechen, während der Schreck noch immer schmerzhaft in den Schläfen pocht.
Im Moment stehe ich auf dieser Position, ich entwickle mich nicht weiter - und ich bin unschlüssig.
Könnte ich noch weiter? Würde ich noch weiter wollen - und was wäre der Preis dessen?
Die Gesundheit opfern für den Erfolg?
Früher habe ich mich oft gefragt, ob ich einfach auch nicht stark genug bin, wenn ich all das nicht abfedern kann. Doch dann betrachte ich die Macher um mich herum - und sehe: Es geht ihnen am Ende genauso wie mir.

Vermutlich ist es eine Frage des Alters, dass ich mir die Frage stelle: Will ich so immer noch weiter, will ich etwas ganz anderes - und was davon will ich wirklich? Manchmal verblassen diese Fragen und manchmal leben sie umso deutlicher wieder auf, als würden sie in großen roten Lettern an die weiße Wand vor mir gemalt.

Möglicherweise warten wir alle mehr oder weniger auf den Anlass, die Chance, die uns ermöglicht, hier auszusteigen und an dem anderen Ort... wieder einzusteigen. Wohl wissend im Grunde, dass wir es selbst in die Hände nehmen müssen, wenn wir etwas verändern wollen.
Es gibt schon Dinge, in denen ich ausgesprochen spontan und vielleicht auch unüberlegt handelte.
Aber in den wirklich - für mich - elementaren Dingen lasse ich mir die Zeit, die ich brauche. Ich kann nur in meinem eigenen Tempo gehen.

Montag, 18. September 2017

Gut gegen Nordwind



Gestern nun sind wir zurückgekehrt, nach einigen Tagen Auszeit. Lange schon geplant und dennoch gerade irgendwie zum genau richtigen Zeitpunkt.
Und während der Mann sich in den visuellen Motorsport vertieft, versinke ich in den Weiten der Musik. Und muss bei diesem Video hier unwillkürlich lächeln. Ungefähr so hat es ausgesehen, als ich am Samstag zum Mann sagte "Lass uns Sonntag schon früh heimfahren, dann können wir den Sonntagabend entspannt ausklingen lassen" (Wie ewig lange hab ich mich eigentlich nicht mehr in der Badewanne geaalt? Viel zu lange nicht, wie mir schien.) Und er antwortete: "Wenn du so früh fahren willst, musst du aber heute noch alles packen." Das versprach ich und meinte es auch vollkommen ernst und ehrlich. Und dann kam mir die Musik dazwischen. Die mich dazu brachte, ähnlich durch das Zimmer zu tanzen, zu singen, die Sachen zwar zu sortieren, was kommt in welche Tasche und so weiter - aber das Einpacken selbst...
Jedoch fühle ich mich im Moment.. leichter, unbeschwerter, losgelöster von allem und ähnlich der Empfindungen nach dem Indienurlaub im letzten Jahr wünsche ich mir, diese Leichtigkeit einfangen und ein wenig bei mir behalten zu können.
Stimmungen wie gestern Abend zwar zu erfassen, aufzufangen, mich davon jedoch nicht niederbeugen zu lassen, sondern einfach zu sagen: "Oh du hast grad miese Laune, dann lass mal gut sein", mir alsdann die Kopfhörer auf die Ohren zu schieben und mich unbekümmert in die Musik zu vertiefen. Das gelingt mir auf diese Weise selten genug ;)

Dafür habe ich in den nur wenigen freien Tagen seit langem auch wieder ein Buch gelesen. Nein, es waren zwei Bücher - was für meine zuweilen (selektiv) nachlassende Konzentration tatsächlich viel ist.
"Gut gegen Nordwind" - ein Buch, das alles Erlebte, alles Fühlende, alles Denkende zweier Menschen ausschließlich in ihren Mailwechsel verpackt, die sich ungeplant und lediglich aufgrund eines Tippfehlers in der E-Mail-Adresse virtuell begegnen - und bald darauf feststellen, dass diese Art der Kommunikation durchaus.. ihre Reize hat.
Eine Buchform, mit der ich mich zunächst etwas schwer tat. Ich bin ein Augenmensch, der will erfassen, erspüren, berühren, wahrnehmen, riechen, schmecken. Selbst das nur geschriebene Wort, das vor meinem inneren Auge Begegnungen entstehen lassen kann, genügt hierbei. Wenn dieses geschriebene Wort es vermag, eben jene Begegnungen vor meinem Auge ablaufen zu lassen, das Aufeinanderzu, das Einandererkennen, das Lächeln, das Reden, ja selbst den Klang meine ich hin und wieder wahrnehmen zu können.
Gut gegen Nordwind erreichte in mir, jenen Zauber einer noch nicht real erlebten Begegnung zu erschaffen, mich wieder zu erinnern, wie war das eigentlich bei mir, solange mir ein Mensch noch nicht real begegnet war und es auch noch kein Foto hin und her gegeben hatte.
Ich lächelte, weil ich daran dachte, wie oft und wie sehr ich mir zuweilen den anderen Menschen vorgestellt hatte. Einfach nur anhand seiner Möglichkeit, sich auszudrücken, Worte zu wählen, die etwas in mir berührten, anklingen ließen. Ihn an den Farben seiner Seele erkennen zu wollen.
Dass mir das immer so gelungen wäre, kann ich nicht sagen. Ganz im Gegenteil. Wie oft bin ich an den Abenden in die Stadt gefahren, vollkommen erfüllt von dem Gedanken, nun jenem Menschen real zu begegnen, den Zauber nicht nur aufrechtzuerhalten, nicht nur auch in der realen Person zu finden, sondern vielleicht auch.. dem Gleichklang zu begegnen, festhalten...
Und dann steht man dem anderen Menschen gegenüber und ist verwundert ob der Leere im Gesicht, in den Augen des anderen. Und dann sucht man, wo war jene Farbe, wo war jener Klang, wie hat er solche Gedanken in jene Worte fassen können, die mich tagsüber lächeln und in der Nacht das Herz klopfen ließen? Dann schaut man dem anderen in die Augen und spürt: Ich kann da nicht eintauchen...
Wie oft bin ich heimgefahren, ein wenig ratlos, ein wenig enttäuscht, ein wenig mutlos mit dem Gefühl dieser zarten Flügelchen, die sich nun zerdrückt und unordentlich an die Schultern pressten.

Mit meinen allerersten Internetauftritten lebte ich noch die Überzeugung, sich zunächst ein ganzes Weilchen, vielleicht ein paar Wochen oder auch wenige Monate zu schreiben, weil ich glaubte, ich müsse erst (zwischen den Zeilen) herausfinden, wer der andere war. Doch je öfter ich diesem Trugschluss unterlag, desto eher gewöhnte ich mich daran, Menschen nicht nach einer mir auferlegten Zahl von Wochen zu begegnen, sondern dann, wenn es sich ergab - und die Neugier auf den anderen ohnehin ausreichend groß geworden war.

Und dennoch... Das Buch erinnerte mich an so viele Abende, ausgestreckt auf meinem Bett, neben mir immer eine Tasse wunderbaren Kaffees oder auch einer heißen Schokolade, zurechtgemacht, obschon das doch ohnehin niemand sehen konnte (aber es machte das eigene Wohlfühlen um so vieles größer), mit aufgeregten rosa Wangen und glänzenden Augen und fast immer einem Lächeln im Gesicht. Es hat so unfassbar viel Spaß gemacht, so vielen Menschen begegnen zu können, so vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen, sich ihnen zu widmen oder sie sich mir, sich auszutauschen über Gott und die Welt, über alle möglichen und unmöglichen Dinge, die man sonst kaum zu fragen wagt, und im Kopf immer diese Idee, diesen Traum, diesen Wunsch zu haben: Eines Tages finde ich ihn... oder er mich.

Auf die Empfehlung des Buches hin kaufte ich mir für den Urlaub alle beiden Bücher - und hernach befragt, musste ich gestehen: "Mit dem Eintritt in die Realität, mit dem Eintreten aller Konsequenzen verblasste der Zauber.. Nein, langweilig empfand ich das zweite Buch nicht, aber eben... entzaubernd irgendwie. Das erste Buch passte durchaus mehr in meine romantischen Verklärungen ;) Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein HappyEnd her musste, aber eigentlich nicht gesollt hätte. Schwierig zu beschreiben. [...] Aber ein Leben hat nicht immer ein HappyEnd und es ist trotzdem gut so wie es ist."
"Ach du Romantiktante", antwortete mir die Freundin und ich konnte ihr Schmunzeln deutlich vor mir sehen.

Vielleicht... ist es ja einfach auch die Tatsache, dass er einmal mehr begonnen hat, der melancholische Herbst. Da werden nicht nur all die Farben und die Klänge weicher, da fühle auch ich mich... eben anders. Und kein bisschen schlechter.

Mittwoch, 6. September 2017

Raindrops Keep Falling On My Head


"Excellent work, Parker. Keep it up!"
Ich hab mir dieses Video, das ich bis soeben gar nicht kannte (weil ich auch die Filme nicht kenne), ziemlich bewusst ausgewählt. Weil mir diese Szenen so bekannt vorkommen. Dass immer irgendwas schiefgeht, ob nun auf charmante Weise oder nicht.

Manchmal, wenn mir etwas langweilig ist (ha ha) und es mir grad "unterkommt", lese ich Horoskope. Meins versicherte mir, dass das Tal vorbei, überwunden sei - und jetzt die goldene glückliche Zukunft vor mir liegt. Jaaahaaa, ich weiß, Horoskope sind Quatschscheiße. Ich nehms ja auch nicht ernst. Aber ich musste trotzdem dran denken, als ich gestern Nachmittag durch die Tür meiner Ärztin auf die sonnengeflutete Straße trat, mich in Black Beauty setzte und dann eine halbe Stunde nur da saß und weinte, weil ich so überhaupt gar nicht auf Aussagen wie "deutliche Gewebeveränderung" und "Krebsvorstufe" vorbereitet war. Und weil ich vor allem nicht wollte, dass meine Jungen mich so sehen. Weil ich ihnen zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nichts davon sagen möchte. Ich will sie nicht belasten mit Dingen, von denen momentan noch völlig offen ist, was es zukünftig für mich bedeutet.

Eins kann ich versprechen: Egal, wie das hier ausgeht, dieser Blog hier wird kein Zeitdokument werden, das alle möglichen und unmöglichen medizinischen Details oder körperliche Veränderungen oder gar einen körperlichen Verfall protokollieren wird. Ich kann es verstehen, wenn andere Menschen Krebsblogs führen, ob nun als Blog oder bei FB - aber für mich ist das nichts.
Als mich vor zwei Tagen von einem Freund, den ich seit 13 Jahren kenne, die Message erreichte "So Sonne, der Dicke ist jetzt in Hamburg angekommen", da musste ich lächeln, weil mir wieder einfiel, wie oft ich zu jener Zeit trotz aller Belastung von verschiedenen Menschen als "Sonne" bezeichnet wurde. Zwar hat das schon lange keiner mehr zu mir gesagt - und vielleicht ist man ab einem gewissen Zeitpunkt einfach auch raus aus diesem "Alter", wo einem sowas Schönes gesagt wird :) - aber mir läge zumindest doch einiges daran, lieber als Sonne als als Schatten empfunden zu werden.
Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass dieser Blog insbesondere in den ersten Jahren - meinem Empfinden nach - wesentlich locker-flockiger geklungen hat als er dies seit den letzten Jahren tut.
Aber nu ja, Leben ist eben nicht nur, dass einem die Sonne aus dem Allerwertesten scheint - und wer einen nur in Sonnenzeiten begleiten kann oder will, auf den ist dann auch insgesamt geschissen. Sage ich jetzt so direkt wie ich es denke und verzichte auch an dieser Stelle auf meine gewohnt blumigen Umschreibungen.

Den Rest gab mir gestern Abend mein Ex. Wir haben schon lange keinen direkten Kontakt mehr zueinander, seit unser beider Handynummern sich änderten - und ich verzichte wohlweislich darauf. All die Jahre hat sich immer und immer wieder bewiesen, dass ich mich auf ihn nicht verlassen kann, dass er nur Stress bedeutet und alles, was aus seinem Mund kommt, nichts als heiße Luft bedeutet.
Im Gegenzug empfand ich die gestrigen Äußerungen, die Sohn I am Abend mit heimbrachte, als einen Tritt in den Magen. Er lässt sich feiern, wie toll er als Vater für seine Söhne sorgt und ich musste mich fast erbrechen: Wo tut er es? Wie tut er es? Passiert vielleicht doch mehr als ich weiß?
Sohn I schweigt, Sohn II schüttelt den Kopf: "Ich bin so froh, dich als Mum zu haben. Sonst hätte ich hier gar niemanden. Er fragt ja nicht mal, wie es uns geht und wie wir hier so zurechtkommen."
Aber Hauptsache, so ein Mensch will vorgeben, was ich wie zu tun hätte, weil "kann doch deine Mutter machen, die hat doch Zeit." Die Mutter, die 420 Kilometer weit weg wohnt - und nicht 12 wie er. Hauptsache, so ein Mensch kann sich vor Sohn I aufbauschen: "Ich hab mich all die Jahre zurückgehalten und keinen Kontakt zu deiner Mutter gesucht. Damit Ruhe ist. Wenn aber irgendwas mit dir oder [Sohn 2] passiert [wegen den aktuellen Plänen wegen Sohn 2 und C], dann steh ich bei deiner Mutter auf der Matte, dann lernt die mich kennen, dann mache ich ihr das Leben zur Hölle." Wie lustig. Das macht er doch schon seit 14 Jahren.
Ich erinnerte mich an die Worte meiner Thera vor sieben Jahren: "Sie sollten endlich mal mit Ihrem Ex abrechnen. Ihm einen Brief schreiben und mal alles rauslassen." Und dass ich daraufhin abwinkte "Geschenkt. Ehrlich. Es ist schade um meine Energie. Weil es zu nichts führen würde außer zu noch mehr Stress."
"Aber es würde Ihren Kopf erleichtern."
Ich bin mir dessen nicht sicher, auch heute nicht. Aber nach gestern wünsche ich ihm einfach nur mal... einfach nur die Rechnung für all die 14 Jahre, für all den Dreck insbesondere den Jungen gegenüber. Es wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Ich denke, man kann mir einiges nachsagen, auch ich habe meine dunklen Seiten. Aber eins lasse ich mir nicht nachsagen: Dass ich eine Versager-Mutter bin. Erst recht nicht von so einer dummfrechen Hohlbirne. Sorry, aber auch das muss ich jetzt so rauslassen. Ich kenne kaum einen Menschen, der so hohl ist - und ausgerechnet so einen habe ich einst ausgesucht und zum Vater meiner Kinder gemacht.
Das ist die größte Verantwortung, die eine Frau hat: Es ist nicht wichtig, ob und wie viel ein Kind zum Spielen und zum Anziehen hat. Es ist entscheidend, wen man sich als Vater seiner Kinder aussucht. Leider habe ich auch da in den größten Scheißtopf gegriffen. Ein glückliches Händchen besitze ich offenbar nicht.

Nächste Woche habe ich eine Woche Urlaub. Bis dahin muss noch einiges organisiert werden, weil ich mir für diese eine Woche Urlaub, die erste seit Jahresbeginn, vor allem nur eines wünsche: Ruhe und ausspannen. Und neue Energie und Zuversicht sammeln für das, was auch immer noch kommen mag.

Montag, 4. September 2017

Fliegende Container



Der Kopf ist schon ein Mysterium für sich. Unendlich vieles, das tief im Bewusstsein verankert ist, so tief, dass es uns lenkt, obschon wir uns an Vergangenes mitunter gar nicht mehr erinnern (wollen).
Und zugleich unendlich vieles, das wir im Tageslicht ausblenden und das sich nachts hinter unsere Stirn schleicht, so dass wir uns entweder ruhlos in den Laken wälzen oder von Bedrohungen, Mord, Überfall oder auch Krieg träumen.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag träumte ich komische Dinge. Der Mann und ich und - ich glaube - meine Eltern (ich bin nicht mehr sicher, ob sie es waren, aber es waren zumindest in jedem Fall Menschen, die eine Bedeutung für mich haben), wir saßen in einer Holzhütte mit kleinen Fenstern, aus denen wir dann und wann schauten. Der Blick nach vorn gerichtet führte auf einen Hof und Wiese. Der Blick aus dem hinteren Fenster gerichtet führte auf riesig aufgefüllte Sandhaufen, auf denen Bagger standen oder fuhren. Und dann sah ich sie geflogen kommen: riesige, tonnenschwere Container, die von den Sandhaufen stürzten, durch die Luft flogen und rechts, links, mittig vor dem Haus kraftvoll in die Erde schlugen.
"Bis jetzt hat uns keiner getroffen", habe ich zum Mann gesagt - und dann kam einer geflogen, über das Haus, und er schlug mit den Zähnen eines Schaufelbaggers direkt vor unseren Augen in den Hof.

Ich erwachte, mir klopfte das Herz bis zum Hals und bis zum Morgen schlief ich nur noch im halbwachen Zustand. Manchmal kann ich mich dazu bringen, wieder einzuschlafen und meine Gedanken von solchen Träumen wegzulenken. Manchmal aber habe ich trotzdem Angst, wieder einzuschlafen.

Eine Freundin fragte mich heute Abend, wie es denn nun so sei mit Sohnemann in C und ich glaube, ich klang beim Schreiben der Antwort genauso müde wie am Nachmittag in einer Sprachnachricht.
Und ich denke, es werden noch weitere schlaflose Nächte auf mich zukommen.
"Du lässt alles viel zu sehr an dich heran", sagte der Mann vor einigen Tagen und ich schwieg dazu, hob nur die Schultern, ließ sie wieder fallen und dann murmelte ich "Ja vielleicht hast du recht."
Für die Übergangszeit, in der noch immer offen ist, ob nun doch für die Zeit der Ausbildung C oder L oder doch wieder etwas anderes, hatten wir uns für das Pendeln mit der Bahn entschieden. Der erste Tag sollte acht Uhr beginnen, was für ihn bedeutete, fünf Uhr am Bahnsteig zu stehen.
Als um 5:10 Uhr mein Handy klingelte, war ich irgendwie schon wach, als würde ich es geahnt haben: Die Bahn fiel aus. Und sofort erinnerte ich mich wieder daran, warum die Bahn als Reisemittel die letzte meiner Wahl sein würde. Lebte ich noch in L, hätte ich spontan gesagt: "Komm heim, ich fahr dich." Aber ich lag hier in M im Bett, besser gesagt, ich saß kerzengerade und hellwach. Man kann nicht gleich am allerersten Tag zu spät kommen. Das kann man auch so nicht - aber hier würde er zusätzlich gleich noch am ersten Tag einen Eindruck erwecken, den er nicht verdiente.
Sohn I konnte ihn jedoch auch nicht fahren - denn der musste nur eine Stunde später in die Frühschicht und bis C braucht man eine gute Stunde.
Glück im Unglück: Die Ersatzbahn kommt mit nur ein paar Minuten Verspätung, die beiden Anschlussbahnen später warten.
Erster Tag geschafft.
Ernüchterung folgt bei Erkundigung wegen Pendelticket. Stelle Dir zwei Kreise vor. In einem Kreis lebt mein Sohn, im anderen Kreis geht er nun zur Fachschule. Für den Wohnkreis hat er bereits ein Abo-Ticket. Also dachte ich, jetzt braucht er doch nur ein Abo-Ticket für den zweiten Kreis.
"Das ist verboten", sagt mir die Dame von der Hotline, "kreisübergreifend dürfen keine zwei Abo-Tickets zur Anwendung kommen. Er muss ein Abo-Ticket von L nach C kaufen."
"Aber für L hat er doch schon eins."
"Das ist egal."
Kostenpunkt: 190 Euro im Monat.
"Da lohnt sich vielleicht doch eine zweite WG", sage ich zum Sohn, "viel teurer wirds nicht, aber du hast mehr Ruhe und mehr Zeit zum Lernen."
Hinzu kommt: Ab heute fallen alle Bahnen vom Wohnort bis C komplett aus. Irgendwelche Bauarbeiten, vermutlich - aber wie bekomme ich jetzt den Jungen zur Schule?? Und wieso sehe ich das nur zufällig im Fahrplan und die Dame von der Hotline sagt "Also ich hab da keine Information drüber, dass die nicht fahren sollen." Tun sie jedoch tatsächlich nicht.
Hinzu kommt: Ab heute beginnt die Ausbildung 7 Uhr, nicht 8 Uhr. Das heißt, er muss um 6:30 Uhr in C sein, um noch die Uniform anzuziehen, die er nicht mit nach Hause nehmen darf.
Selbst wenn die Bahnverbindung stünde - er käme damit nicht pünktlich an und hätte auch keine Zeit mehr, sich umzuziehen.
Flixbus bietet zu diesem Ziel keine Fahrten an.
Mitfahrgelegenheiten starten ab 6:00 Uhr in L. Außer einer, der startet 4:45 Uhr irgendwo tief in L - aber er fährt nicht in der Zeit vom 4. bis 11. September.
Vom HBF in L gibt es eine einzige Verbindung - um 5:18 - mit dieser ist er 6:44 Uhr in C - zuzüglich 20 min Fußweg - kann man also auch vergessen.
Bis tief in die Nacht rein am Samstag wälze ich Internetseiten, klappere jede Möglichkeit ab.
Da fährt noch eine Bahn.
23 Uhr irgendwas - mit der ist er 5:30 Uhr in C - und Schlaf bekommt er dann überhaupt keinen mehr.
Ohne Worte.
Langsam stehe ich Kopf. Und der Mann ist genervt, weil ich mich da so reinhänge und den "Sohn das nicht mal alleine machen lasse".
"Aber er macht doch", verteidige ich mich und ihn, "aber die Zeit sitzt uns im Nacken, denn bis Sonntagabend brauchen wir eine Lösung, damit er Montag früh pünktlich in der Schule ist. Und ich kann verdammt noch mal mich nicht entspannt zurücklehnen und denken, dass ers schon machen wird. Diese Ruhe habe ich einfach nicht."
Sohnemann richtet inzwischen Accounts bei Ebay Kleinanzeigen und Mitfahrgelegenheiten ein und ich stoße auf wg-suche.de.
Wir loten alles aus - aber auf die einzigen 8 in Frage kommenden Anzeigen antwortet nur ein einziger. Der wird mein Anker in der Not. Und in der Zwischenzeit hat Sohnemann ausgemacht, dass sein Bruder ihn Montag gegen 5:00 Uhr nach G bringt und dort von dem einzigen jungen Mann mit dem Auto mitgenommen wird, der auch pendelt. Den Rest der Woche übernehme ich, am 11. muss es noch mal so laufen wie heute und dann muss er mit der Mitfahrgelegenheit mitpendeln, bis wir eine Lösung haben..

Also fahre ich heute Morgen los.. Stelle fest: Das Navi ist nicht mehr da, wo es immer war. Ich drehe fast durch. Ohne Navi habe ich kaum eine Chance, den Jungen in C zu finden - auch wenn ich mir alles vorher auf der Karte angeschaut habe. Also starte ich das Handy - und verzweifle fast an der Bedienung. Eine Navigon- App, die zum Schreien ist. So verschenke ich kostbare fünfundzwanzig Minuten, ehe ich 25 min zu spät loskomme. Chaos auf den nächsten rund hundertzwanzig Kilometern, ich bin mehrmals kurz davor, verzweifelt in das Lenkrad zu beißen - und dann die übergroße Tafel "Sperrung der A xx". Keine Info über Umleitungen, keine Umleitungen ausgeschildert. Instinktiv weiche ich auf die A 6 Richtung Prag aus, werde angerufen, Navigation bricht ab und muss manuell wieder in Gang gebracht werden. Ha ha. Auf der Autobahn bei Sonnenschein, wo das Display des Androids fast blind wird. Also anhalten auf einer Raststätte ohne Klosett, ich muss mal dringend, aber die Wiese ist leider mittels Zaun geschützt. Also nur Navigation neu in Gang bringen, weiter. Noch ein Anruf, Navigation bricht ab, ich erbreche fast vor Zorn.
Endlich erreiche ich C, das Navi will mich trotz "optimaler Routenführung" ständig auf Bundesstraßen oder quer durch die Großstadt führen - aber ich kann mich erinnern, was ich auf der Karte gesehen hatte - und fahre weiter nach Bauchgefühl.
Erreiche endlich C, finde den Sohnemann, und an der nächsten Tankstelle fülle ich nicht nur Black Beauty, sondern auch mein hungriges müdes Kind.
"Das mit der WG wird nichts", sagt er dann,"wir wurden heute darüber informiert, dass wir immer Blockunterricht haben - 6 Monate Schule, dann zwei und vier Monate Praktikum. Das Praktikum kann aber an allen Standorten sein. Wünsche können geäußert werden, entscheiden aber tut der Lostopf. Also kanns durchaus passieren, dass ich aller 6 oder 4 Monate eine neue Unterkunft brauche, und dann bezahle ich Wohnungen, die ich über Wochen oder Monate gar nicht nutze."
Auf diese Info muss ich selber erst mal einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher trinken, einen richtig herzhaften Schluck - und verpasse die Abfahrt, also weiter, nächste Ausfahrt raus und wieder zurück...
"Dann gibt es nur noch eine Variante: Wir müssen dich mobil kriegen."
Einen Fahranfänger, der den Schein im April erhielt und seitdem nicht mehr am Steuer saß.
Damit ist klar: Die nächsten Monate werden schlaflos. Für mich jedenfalls.
Wir sind uns einig: Egal, was er kauft, er braucht erst Praxis, bevor er selber nach C pendelt. Also entwerfen wir Plan B: Auto suchen, auswählen, mit seinem Vater begutachten (das wird er doch hoffentlich für ihn machen, er muss ja nix dazubezahlen), am ersten Wochenende danach sonntags auf Parkplätzen der Einkaufsmärkte üben, anfangs nach G pendeln (das sind rund 30 min und fast alles Autobahn, sehr einfache Strecke), Auto dort abstellen und mit dem anderen mitfahren...
"Das wird der machen, denk ich", sagt der Junge, bevor ihm die Augen zufallen.
Bis dahin wird er 3 Uhr aufstehen müssen, um 4:30 in der Innenstadt zu sein, wo ihn dann die 4:45er Mitfahrgelegenheit einsammelt...

Am Abend, in L angekommen, gehe ich einkaufen, wasche Wäsche und bereite Abendessen. Mir gehen so unfassbar viele Gedanken durch den Kopf und als meine Freundin schreibt, dass aber dafür beim Großen gerade Entwarnung zu sein scheint, muss ich unwillkürlich auflachen.
Ja, da hat sie recht. Entweder ist es der Große oder es ist der Kleine. Und wenns beide nicht sind, ist es die eigene Gesundheit - oder die Beziehung.
Irgendwas ist einfach immer.
Immer in Sprungbereitschaft. Immer auf der Hut. Immer kampfbereit und kampfeswillig. Und mit all dem... immer alleine. Weil sich der Vater nicht kümmert und der Mann sich raushält, weil er zu vielen Dingen eine andere Auffassung hat und mich nicht versteht. Ich kann es nachvollziehen. Aber manchmal.. wünschte ich es mir doch ein bisschen.. einfacher. So ein mimi-bisschen.
Wünschen kann man ja.
Hoffen kann man ja.
Und dann wunder ich mich, dass mir nachts tonnenschwere Container um die Ohren fliegen.
Bekloppt.

Jedoch: Es gibt auch wirklich echtes Schlimmeres. Ich will mich auch gar nicht beklagen.
Nur.. ein wenig Druck herauslassen.

Donnerstag, 31. August 2017

Hitzigkeit kennt keine Grenzen

Gestern war ich irgendwie genervt. Meine Freundin schickte mir einen Link, so einen Wal-o-mat, der meine Antworten auf 38 Fragen mit dem Parteiprogramm der von mir ausgewählten Partei/en vergleicht und mir so auf die Sprünge hilft, wer denn nun im September meine Kreuzchen bekommen soll.
Offen gestanden, wirklich schlauer war ich hernach nicht, denn letztlich fühlte ich mich nur darin bestätigt, wem ich meine Stimme nicht gebe. 
Auch geriet ich (warum auch immer) nach und nach in Zorn, vor allem, als Herr Blau sich ebenfalls an die Befragung machte, freilich insbesondere in Finanzfragen andere Antworten gab und mit mir dann eruieren wollte, warum ich was wie beantwortet hatte etc. An sich eine gute Sache, aber gestern...
Mir wurde das gestern alles irgendwie zu viel: immer jeden Sachverhalt haargenau hinterfragen, keiner Antwort wirklich trauen und am Ende trotzdem mit dem Gefühl zurückzubleiben, dass man irgendwie.. nichts wirklich bewegt. Nichts wirklich verändert. Und dass selbst die, die ordentlich dafür bezahlt werden, keinen Plan haben, wie sie was machen sollen - Hauptsache, es wird erst mal ordentlich Geld verdient. Immer nur Probleme, immer nur Kopfarbeit, gestern Abend mochte ich dann einfach nicht mehr. 

An Herrn Blau schätze ich sehr, dass er durchaus mir konstruktiv diskutieren, sich austauschen möchte - aber irgendwie.. war ich gestern allgemein und insbesondere nach einem Chataustausch offenbar schon zu "angefixt", um mich darauf einlassen zu können oder zu wollen. 
Denn eigentlich mag ich das, wenn man mich argumentativ überzeugen kann (oder ich den anderen ;)), als dass man mit anderen, für mich wichtigen Menschen Diskussionen führt, in denen ich das Gefühl habe, dass sie zu nix führen außer dass es mir so vorkommt, als brenne mir der Hut.










Ich war übrigens die "Blaue".
Mir gehts heute übrigens wieder besser. Ein paar Stunden Schlaf, ein guter Kaffee am Morgen - thats it. Dafür war wiederum Herr Blau heute morgen nicht gut drauf - aber wozu gibts schließlich ein Büro, in das man jemanden schicken kann.

Und noch 24 Tage zum Nachdenken. Wobei ich mich schon frage, warum ich mich so schwer damit tue. Wenn ich doch ohnehin nicht daran glaube, dass die Dinge besser gemacht würden?