Donnerstag, 8. Juni 2017

Mittwoch, 7. Juni 2017

Freudentränen


Die erste Überraschung des Mannes am heutigen Tag, die mich vor Freude lachen und mir zugleich die Tränen in die Augen springen ließ.
Damit das allgemeine Lebens-Motto auch gleich mal klar ist ;)

Gepaart mit einer Tasse herrlich aromatisch duftendem Kaffee, einem Stück Schokoladenkuchen und einem Schälchen Heidelbeeren war für mich der Morgen perfekt. Ja, mit so kleinen Dingen bin ich glücklich zu machen ;)


Herr Blau begrüßte mich zwar mit einer moderneren Version dieses Songs,
aber den konnte ich leider nicht finden und habe im Moment auch keine Zeit für ausgiebiges Suchen ;)
Ich fands jedenfalls einfach nur wunder-wunderschön.

Übrigens, weil schon woanders der Hinweis kam: Der Spiegel - der ist nicht schmutzig. Ich habe ihn so vor Jahren gekauft, ein wundervoller honigfarbener, dreitüriger Bauernschrank, da war noch nix mit Nägeln und Schrauben, alles nur gesteckt, und man überließ ihn mir für schlappe 150 Euro. Da habe ich vor Freude getanzt, könnt Ihr glauben. Und pfeife da auf so paar blinde Fleckchen und Streifen, ich will das auch nicht auswechseln.
Weil ichs gar nicht perfekt haben will. Sind wir doch alle nicht.
Wäre auch viel zu langweilig.

Dienstag, 6. Juni 2017

Of All the Things We've Made




"Für die seelische Gesundheit ist es wichtig, 
zu irgendeinem Zeitpunkt einen Abschluss zu finden - 
im Sinne von Akzeptanz, nicht im Sinne von Vergessen."


Über die Mediathek des SWR habe ich mir gestern die Sendung "Was einen nicht loslässt" angeschaut. Nachhaltig im Kopf geblieben ist mir nicht die Geschichte eines Mannes selbst - sondern wie er sich im Augenblick des Erzählens gefühlt haben mag. Sichtlich aufgewühlt, die Hände ineinander gelegt, die Finger, die krampfhaft umeinander schlingen, das Hemd großflächig durchgeschwitzt - der ganze Körper irgendwie in Aufruhr. Er soll nicht nur, er will auch von sich erzählen, sonst säße er nicht dort. Weil er aufmerksam machen will, weil er die Aufmerksamkeit Dritter sensibilisieren will, um insbesondere die zu schützen, die sich noch nicht wehren können. Die Kinder.
Missbraucht als Kind über Jahre hinweg hat er all das Geschehene so lange verdrängt, bis es 2013 in einem Dialog mit einem Freund mit aller Kraft herausbricht. Das, was immer da war, was immer auch im Kopf war und dennoch nie nach außen durfte.

Gute vier Jahre sind seit jenem Ausbruch und gleichzeitigem Zusammenbruch des Mannes vergangen. Vier Jahre Kopf- und Seelenarbeit, die bei weitem für ihn nicht ausreichen, um das, was er erlebte, zu verarbeiten. Aber er ist auf einem guten Weg, denke ich, während ich ihm zusehe. Weil er nicht stehengeblieben ist. Weil er kämpft. Und währenddessen einen Weg geht. Seinen Weg.
Ich schaue auf ihn und denke: Beinah genauso habe ich auch dagesessen, wenn ich erzählen musste. Und sollte. Und irgendwie auch wollte.

Wie ist es heute? Wie ist es, wenn Themen heute hochkommen oder wenn ich erzähle, ganz Belangloses, und dann kommt eins ins andere? Natürlich spüre ich, was das mit mir macht. Natürlich erinnere ich mich. Aber es hat sich.. verändert.
Nachhaltig im Kopf geblieben ist mir auch der obige Satz der beisitzenden Therapeutin über die seelische Gesundheit.
Worte, die ich in meiner Kopfarbeit in all den Jahren immer wieder gehört habe, die ich vielleicht damals so nicht wahrhaben wollte in Verbindung mit der Schmerzproblematik. Mich dabei immer wieder erinnernd an meine Neurologin, die ich bis heute insbesondere aufgrund ihrer Akzeptanz, ihrer Menschlichkeit und auch ihrer Ehrlichkeit "Ich weiß nicht mehr, wie ich Ihnen helfen kann. Sagen Sie es mir, ich mache alles, aber ich weiß einfach nicht weiter" sehr schätze. Und die schon 2006 zu mir sagte: "Das Problem ist, dass man nicht Ihr Blut unters Mikroskop legt und genau ablesen kann, was Ihnen fehlt. Man muss wissen, wonach man suchen soll."
Vieles, das einem dabei begegnet, sind Zufallsbefunde. Abweichungen von einer Norm, die nicht immer einen krankhaften Befund darstellen. Oder die unser Leben im Alltag beeinflussen. Wie zum Beispiel das Ding in meinem Kopf. Mein zweites Hirn, wie ich es manchmal scherzhaft nenne, seit es sich auf 4 x 5 x 2 Zentimeter ausdehnte und sich seither unverändert in meinem Kopf ausruht. Jeder Mensch ist sein eigenes Individuum, sage ich ja immer, sowohl in der Psyche als auch in der Physis, und während man anfangs noch etwas irritiert auf Abweichungen reagiert, gewöhnt man sich mit der Zeit an den Fakt und lernt, damit umzugehen.

Die meisten Menschen haben Dinge erlebt, die ihnen das Leben schwer machen. Ganz unterschiedliche Dinge in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Ausprägung.
"Es mag sein, dass Sie es heute verstehen. Aber das ändert ja nichts daran, was es mit Ihnen gemacht hat, als Sie Kind waren."
Jeder versucht auf seine Weise zu verarbeiten, zu bearbeiten. Einheitlich wird es im Grunde erst, wenn er sich der Hilfe bedient. Weil wir ja alle irgendwie nach Mustern reagieren, auch wenn unser Erlebtes sich grundsätzlich unterscheidet.
Und ich gebe Dir, Waage, recht, wenn Du sagst, dass es viel Kraft und Mut braucht, den oder die Korken zu ziehen und die Dinge herauszulassen, anzusehen, anzunehmen. Aber gerade Du müsstest (vielleicht) wissen, dass ich mich genau all dem gestellt habe. Mit Hilfe und auch ohne Hilfe. All dem gestellt, was gesagt, was getan oder auch nicht gesagt und nicht getan wurde.
Wir kennen uns seit 2005 und ich bin nicht sicher, ob Du es wissen müsstest oder aber mich vielleicht doch nicht wirklich kennst (woran ja auch irgendwie was dran ist ;)): Aber gerade DU solltest zumindest wissen, dass ich mich gestellt habe. Dass ich bearbeitet habe - und dass ich phasenweise auf dem Zahnfleisch gekrochen bin dafür und deshalb.
Was macht Dich also so sicher, dass ich meine/n Korken nicht gezogen hätte?
Was macht Dich sicher zu glauben, dass ich meinen Abschluss nicht gefunden, meinen Frieden mit dem einen oder anderen nicht gemacht hätte?
Was macht Dich so sicher zu glauben, Du würdest mich kennen, wenn Du zugleich kürzlich so überrascht warst, dass ich beispielsweise meine Furcht nach dem Unfall 2006 längst überwunden habe und inzwischen mit einer Geschwindigkeit über die Straßen jage, die Deiner so ähnlich ist und die Du mir aber nicht zugetraut hattest? Bis vor kurzem glaubtest Du, ich sei noch immer gefangen in dem Misstrauen gegenüber der Technik, die mich im August 2006 so verließ, und dabei bin ich längst sehr viel weiter... Meiner Seelenarbeit traust Du gleiches nicht zu?

Ich weiß bis heute nicht, warum mir seit Februar 2005 mein Körper linksseitig unablässig schmerzt - und seit diesem Jahr beide Hände. Niemand kann es mir sagen, niemand weiß es.
Du aber auch nicht.
Niemand kann mir helfen - jedenfalls bis jetzt nicht.
Aber bitte sagt mir nicht, ich hätte all die Jahre nichts bzw. nicht das Richtige getan und würde noch immer nur mir selber im Wege stehen.
Wie verletzend und frustrierend das sein kann, versteht am Ende auch nur ein Betroffener, der sich jahrelang quält und müht, Wege zu finden. Lösungen zu finden und ähnlich nicht oder kaum vorankommt wie ein Tinnituspatient.
Die Therapien bescheinigten mir, stark genug zu sein, reflektiert genug zu sein, interessiert genug zu sein. Offen genug zu sein.
Das Biofeedback bescheinigte mir, in mir selbst ruhen zu können, mich selbst zur Ruhe bringen zu können.
"Ich hätte es nicht gedacht, aber sehen Sie selbst, hier die Kurven: Sie können es sogar sehr gut."
Ich selbst stelle an mir fest, dass ich inzwischen auf- und hochgewühlte Dinge betrachten und wieder zurücklegen kann. Sie sind da, natürlich sind sie da und sie bleiben es auch. Das habe ich akzeptiert, schon vor langer Zeit, und ich habe es auch angenommen. Das bedeutet nicht, dass es nicht immer noch Momente gibt, in denen das, was hochkommt, mir die Tränen in die Augen treibt. Aber es entmutigt mich nicht mehr. Es schwächt mich nicht (mehr). Ich habe nichts vergessen - aber ich kann heute damit leben. Und muss es auch nicht ständig thematisieren.
Ich habe Methoden gefunden, mit denen es mir besser geht, vor allem auch physisch.
Nicht nur, was den Sport betrifft.
Ich kann neben Dir stehen und mich dennoch in meine eigene Welt zurückziehen. Mich auf meine Wiese denken und mich in die Blumen legen, wenn mir alles zuviel wird.
Ich kann noch immer hoffen, träumen, wünschen, glauben.
Ich kann immer noch leben.

Schmerztherapie, Waage, besagt am Ende nichts anderes als das.

Aber geholfen hat mir leider nichts davon. Gar nichts. Egal, wie viel besser es mir heute geht und was immer ich auch angegangen bin: Der Schmerz ist da, seit 12 Jahren jeden Tag, jede Nacht, jede einzelne Sekunde. Er ist das einzig Konstante der letzten 12 Jahre.
Also sage mir bitte nach all den Jahren und all der Arbeit nicht, ich müsse nur den Korken ziehen.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Besiegelt



Ich sitze hier und starre auf den Monitor. Eigentlich müsste ich arbeiten und eigentlich... will ich das auch. Also ich könnte es. Die Finger ruhen auf der Tastatur und ich starre auf das Video, sehe mir selber zu, wie ich da am Meer stand, barfuß trotz der Kälte, und irgendwie habe ich immer nur dort das Gefühl, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann. Dass ich am Ende immer kraftvoll genug bleiben würde, allem zu trotzen.

Die gute Nachricht ist, und ich empfinde sie als eine ausgesprochen positive Nachricht:
Der Küsten-Doc hat nichts gefunden. Alles ist so wie es sein soll, jedenfalls dem Labor und der Genetik nach.
Nichts zu haben, das den Körper oder das Leben lähmt, ist so unfassbar viel wert, weil Gesundheit... einfach das höchste Gut ist, das wir besitzen.
Insofern nahm ich das, was mir die Dame via Telefon mitteilte, auch durchweg optimistisch auf.

Doch nun sitze ich hier, nachdem ich Herrn Blau davon schrieb, ganz regungslos, und meine Augen füllen sich langsam mit Tränen. Denn nach und nach sickert mir in mein Bewusstsein, dass dies mein letzter, nein, mein allerletzter Versuch war, etwas zu bewegen, etwas zu erreichen, etwas zu tun gegen den Schmerz. Wie soll man etwas bekämpfen, das... im Grunde nicht existiert?

Für mich persönlich steht damit fest: Lebe mit dem scheiß Schmerz im Körper, so gut Du es kannst. Solange Du es kannst. Denn ein weiterer, ganz entscheidender positiver Aspekt bleibt ja trotz alledem: Er wird mir nicht das Leben nehmen. Nicht das Leben, an dem ich so hänge und in dem ich so unglaublich gerne bin. Meistens jedenfalls.
Aber selbst wenn ich tatsächlich einhundertundvier Jahre alt werden könnte: Ich werde nie mehr schmerzfrei sein. Seit zwölf Jahren und nun für den Rest meines Lebens.

Ja, mir ist bewusst: Es gibt vielfach Schlimmeres. Dieser Gedanke erdet mich. Aber immer hilft er mir auch nicht.

Running Around Part II




...es gab eine Zeit, in der ich in mir ruhte. Es war viel zu lange her, um mich daran zu erinnern, wie das war. Dieses Gefühl. So wie ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, wie sich Schmerzlosigkeit anfühlt.

...es kommt wieder, dieses Gefühl, in mir ruhen zu können. Es bleibt nicht, vielleicht kann es das nicht, vielleicht darf es das auch nicht - damit ich selber in Bewegung bleibe und mich auch außerhalb von mir um das kümmere, was wichtig ist.
Und selbst so ruhlose Nächte wie diese... erinnern mich an alles, was gut war. Was gut ist. Und was gut werden soll.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Running Around



In den vergangenen Tagen hatte ich mich ein wenig verloren. Es war nicht so sehr, dass ich mich... schlecht gefühlt hätte. Vielleicht war es aber auch nicht so, dass ich mich völlig eins mit mir gefühlt hätte. Hier und dort höre oder lese ich vom Leben anderer. Wie sie gerade an einem Punkt in ihrem Leben festhängen oder gerade einen Schritt weitergegangen sind. Wovon sie träumten und träumen, was sich davon erfüllen ließ oder sie es auf  Niemalswiedersehen verabschiedet glauben.

In wenigen Tagen werde ich ein weiteres Jahr älter und beinah bin ich versucht, es so zu halten wie in einem Film gestern Abend: Er kam einfach nicht nach Hause, an diesem Tag nicht, in dieser Nacht nicht, und er glaubte, wenn er diesen seinen Tag nicht feiern würde, dann würde er vielleicht auch nicht dieses eine Jahr älter werden.
Tatsächlich werde ich auch nicht an diesem Tag zu Hause sein, doch wie ich konkret diesen Tag erleben werde, wie ich ihn erleben möchte, wie ich ihn überhaupt gestalten möchte in der Zeit, die mir von diesem Tag bleiben wird - das weiß ich nicht. Weil ich es weder plane noch mir überhaupt irgendetwas vornehme. Und mir wird bewusst, dass mein halbes Leben lang genauso verlaufen ist:
Ich habe einfach nichts geplant.
Ich hatte Träume, ich hatte Wünsche - und das einzige, was mich in all den Jahren unverändert begleitete, war der Traum von und der Wunsch nach der echten Liebe. Nach der Liebe, die nichts fragt und nichts fordert. In die ich mich hineinfallen lassen wie in ein übergroßes Netz, nicht zu straff gespannt und auch nicht so, dass ich auf dem Boden aufkommen würde.
Und doch tat ich es.
Mehrfach.
Und es hat verdammt geschmerzt.
Ich stelle mir nicht die Frage, ob das Herz nur ein Muskel und die Liebe lediglich aus einem Cocktail aus Hormonen und chemischen Verbindungen in meinem Kopf besteht. Ich will das auch gar nicht wissen.
Weil mir an dieser Stelle genügt, was ich fühle, wie ich empfinde - und wie groß sich das Loch in der Brust anfühlt in dem Moment eines Abschieds.

Wie wir alle werde ich ein Jahr älter und ich beginne mich zu fragen, ob ich vielleicht nicht wieder zwanzig sein wollen würde, aber dennoch gerne... jene Sorglosigkeit zurück hätte, mit der ich daran glaubte, dass am Ende einfach alles gut werden würde. Und ob es daran liegt, dass ich eben älter geworden bin, Dinge bewusster wahrnehme, in mir, um mich herum und in jedem Moment, in dem ich Nachrichten schaue oder lese. Und mich frage, ob das alles immer schon so war, irgendwie, oder ob der Mensch tatsächlich immer verrückter geworden ist. Ob ich es mit meinen zwanzig, siebenundzwanzig, dreiunddreißig Jahren nur nicht so wahrgenommen hatte, weil ich insbesondere mit meinen dreiunddreißig Jahren damals ernsthaft glaubte, mir selber die Tür geöffnet und damit mir selber alle Möglichkeiten in meine Hände gelegt zu haben, mit denen ich mir jetzt einfach alles vorstellen konnte. Alles, was sich gut und richtig anfühlen würde. Dass ich es jetzt eben nur richtig machen musste. 



Vielleicht machte es den Eindruck, ziellos, planlos durch die "Welt" gelaufen zu sein, hierhin, dorthin, Menschen kennen gelernt zu haben, weitergezogen zu sein, ruhlos, rastlos, während im Weitergehen das Bisherige verarbeitet werden soll. Was nicht immer so geht, was mich zuweilen auch hemmte, mich zurückhielt und mich an einen Satz denken ließ, den ich einst auf einer Papiertüte las:
"Manchmal, wenn man gar nicht weiß, wohin man gehen soll, bleibt man am besten da, wo man gerade ist."
Und ich kann nicht mal sagen, ob sich das allgemein hin so feststellen lassen kann. Was, wenn ich nicht erkennen würde, dass es Zeit war, weiterzugehen? Was, wenn ich ewig feststehen würde, verharren würde und glauben würde, es gäbe kein... anders mehr? Was, wenn alles am Ende doch umsonst gewesen war? Für mich fühlte sich jeder Tag, jedes Jahr, das ich nicht vorankam, wie Stillstand an. Stillstand, der mir zäh an den Zehen klebte und es mir unmöglich machte, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen.
All die zergrübelten Nächte.
All die zerbissenen Kissen.
All die Tränen, die ungeweinten tief drinnen  und die, die ich mir aus den Augen und von den Wangen wischte, während ich auf Knien vor der Keramikschüssel hockte.
Erst im Nachhinein begriff ich: Das musste genau so sein. Für MICH musste das genau so sein.
Weil ich mich begriff.
Weil ich mich in all der Zeit aus all den Häuten schälte, in die ich mich gehüllt hatte über all die Jahre hinweg, damit ich.. einfach nicht zerbrechen würde. Damit.. einfach nichts umsonst gewesen war.

Ich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube auch nicht an Zufall. Ich glaube an Energie/n.
Das ist mir auch bewusst geworden, als mir mal jemand schrieb, dass meine roten Kleider dementsprechend wären. Ich will mich in nichts ergeben, das sich für mich nicht gut anfühlt - und das tue ich auch nicht. Aber ich habe gelernt zu warten. Auch in dem Bewusstsein, dass es vermutlich nie DEN richtigen Moment, den passenden Moment geben wird. Aber dass man in sich selbst genau den Punkt findet, in dem die Entscheidung steht - und dass sich ab diesem Augenblick auch jeder weitere Schritt richtig anfühlen wird.
Wenn mich all die vergangenen Jahre eines gelehrt haben, dann das, vor allem gut zu mir selber zu sein. Und zu begreifen, wie elementar das ist. Weil wir nichts von uns abgeben können, wenn wir leer sind. Weil wir niemanden glücklich machen können, wenn wir es selber nicht sind.
Mit dieser Begründung habe ich mich aus meiner Ehe verabschiedet. Weil ich es so dachte und so empfand.
Doch was das wirklich bedeutet, haben mir erst die folgenden Jahre und jede einzelne Begegnung danach gezeigt. Und das Gute... das Gute aus den Jahren... Das nimmt man mit sich mit und lässt den Rest irgendwann.. einfach zurück. Jedenfalls wünsche ich uns das.

Dienstag, 30. Mai 2017

"...aber Du bist schon speziell..."

Wenn ein militanter Raucher und eine leidenschaftliche Nichtraucherin einen Dialog beginnen, fängt mindestens die leidenschaftliche Nichtraucherin irgendwann an sich zu fragen, ob es nicht besser für ihr eigenes Seelenheil sei, sie ließe es ganz einfach sein und rede beispielsweise übers Wetter. Obwohl... Wetter... Ist ja auch so was, wo ich immer schmunzeln muss, wenn ich Facebook aufschlage: Es ist immer irgendwas! Kannste den Menschen einfach nie recht machen. Entweder ist es zu kalt oder es ist zu heiß - kaum dass Temperaturen nach oben oder unten ausgeschlagen sind.

Jedenfalls bekam ich gestern via whatsapp ein Bierglas aus irgendeinem Straßencafe (vermutlich) zugesendet - und schickte prompt das Gegenbild aus dem Biergarten.
"Cholera oder Pest - oder warum ist der Biergarten so leer??" wurde ich umgehend gefragt.
Und beging den Kardinalsfehler, der alsdann die Diskussion übers Rauchen im Freien und Rauchen allgemein auslöste, indem ich antwortete: "Ne, der war nicht leer, wir saßen im hinteren Teil, der nur zur Hälfte besetzt war. In der Meute sitzen macht weniger Laune, wenn ringsrum alles quarzt." Noch als ich das tippte, dachte ich für einen Augenblick "Lass! Es! Lieber! Es führt eh zu nix!" Aber ne, der Finger war schneller, außerdem stehe ich ja auch zu meinen Überzeugungen, solange man mich nicht eines Besseren belehren kann, also senden, zack, weg wars - und ebenso zack entbrannte die Diskussion bis in die Abendstunden und munter weiter heute Morgen.

"Frage mich, wie du bis heute überlebt hast.. Bis vor paar Jahren haben doch alle geraucht.. überall."
Ja das stimmt. Das war selbst in meinem Elternhaus so. Eltern, Brüder, Oma - alles hat geraucht und da wurde auch auf nix Rücksicht genommen. Nicht mal am Essenstisch. War der Papa fertig, ging die Zigarette an, egal, ob da noch jemand aß oder nicht.
"Das hier ist mein Zuhause, hier kann ich machen, was ich will."
Ähm. Ne! Wir alle wohnen hier! Es ist unser aller Zuhause. Diesen Widerspruchsgeist jedoch entwickelte ich erst mit der Pubertät, die bei mir wohl erst um den 15. oder 16. Geburtstag rum eingesetzt hatte. Glaube ich. Insofern war die Zeit bis zu meinem Auszug eine.. äh.. doppelt anstrengende für uns alle, aber wie die, die mich persönlich kennen, ja wissen: Es war keine lange Zeit mehr.
Mein heutiger Ex-Mann war auch Raucher, der es gar nicht einsah, zum Qualmen die Wohnung zu verlassen. OK, da war ja auch nix mit Terrasse oder Balkon, und für jede Zigarette ausm Dachgeschoss runter vor die Tür zu gehen.. Da kann man schon mal vom eigenen Schweinehund überwältigt werden, nicht wahr? Außerdem war ich mit meinen gerade 20 Jahren noch eine ganz andere Persönlichkeit, die sich überhaupt nicht durchzusetzen vermochte.

Aber mal ganz ehrlich: Warum tut sich ein Raucher so schwer damit zu akzeptieren, dass eine Zigarette nun mal nicht "duftet", wie mir der Schreiber der abendlichen whatsapp wiederholt weismachen wollte - mal abgesehen davon, was es für die Gesundheit bedeuten kann? Es mag ja sein, dass es dem Raucher allgemein nicht einfach gemacht wird: Tabaksteuer, Preise überhaupt (ich "heule" jedesmal, wenn ich sehe, was Junior I für diese Qualmstengel hinlegt und wie viel Milchkaffee man beispielsweise dafür bekommen hätte), überall frei rauchen darf er auch nicht mehr, und wenn er das tut, beklagt sich das Umfeld etc. pp. Er kriegt permanent auf die Nuss - und eigentlich will der Raucher ja nur genauso genießen wie ich meinen Milchkaffee. Aber!
Das Blöde ist eben... Mit meinen Vorlieben für zum Beispiel Milchkaffee belästige ich niemanden, auch dann nicht, wenn er neben mir sitzt. Ich kann trinken, wie viel ich will - es stört niemanden! Mit meinen Vorlieben für ein Stück Kuchen belästige ich auch niemanden.
Ich dusche regelmäßig und benutze ebenso regelmäßig ein Deo (OK, das mach ich in erster Linie für mich selbst, aber immerhin!) und etwaige... äh.. Methanverpuffungen passieren auch nicht in der U-Bahn oder im aufgeheizten Bus. Nur mal so als Beispiel.
Warum ist ein bisschen Rücksicht an dieser Stelle so schwierig - und warum führen solche geäußerten Gedanken unter Rauchern und Nichtrauchern immer wieder zu Streit? (Also in unserem Falle diesmal nicht, gestern Abend schlief ich einfach ein und heute Morgen.. Ich nehme an, es war dem Herrn einfach noch zu früh ;))
Natürlich wurde früher überall geraucht - weil sie es einfach auch konnten bzw. durften. Die Raucher hats nie interessiert, ob da Nichtraucher saßen oder nicht, und die wiederum hatten nur eine Wahl: gehen oder bleiben und es hinnehmen. Aber mit welcher Berechtigung? Ich kacke dem anderen ja auch nicht vor die Füße, weil ich grad wollte, musste, konnte. 

"Deine Nikotinallergie ist schon anstrengend", bekam ich heute Morgen vorgesetzt - aber da lache ich ja nur drüber. Für mein Empfinden hat das mit Nikotinallergie tatsächlich gar nichts zu tun. Mir stinkt das einfach nur im wahrsten Sinne des Wortes - und wenn ich was genüßlich essen oder trinken will, dann will ich das nicht in einer blauen stinkenden Schmauchwolke tun.

"Ich kenne ja einige Nichtraucher, aber Du bist schon speziell."
Dass das ironisch gemeint war und vielleicht auch diplomatisch ausgedrückt sein sollte, war mir durchaus bewusst. Aber lieber bin ich speziell als Einheitsbrei, auch in dieser Hinsicht - und drehte seine Worte für mich einfach als Kompliment rum. Ist schließlich so ein sonniger Tag heute!

Donnerstag, 18. Mai 2017

Herzlich Willkommen im Club der Angearschten

Nach dem Abendessen heute legte ich mich ein wenig aufs Kanapee und beschloss, dass ich grad irgendwie nur mal ein paar Minuten Pause brauchen würde. Es war der Aufschrei von Herrn Blau, der mich hochschrecken ließ: "Das DARF doch wohl nicht WAHR sein!"
Erst dachte ich ja, es habe ihm ein wenig seine Börsensuppe versalzen, aber huch nee, das war nicht die Börsenseite, die er da fassungslos auf dem iPad anstarrte, sondern seine Kreditkartenabrechnung.
Und die besagte, dass Avis (Ihr erinnert Euch auch? Da war doch was :)) trotz wiederholtem mündlichen und schriftlichen Einspruch munter den unberechtigten (freilich zu hohen) Betrag eingezogen hatte.
"Ich hab der Kreditkartenfirma extra das Widerrufsformular per Fax geschickt."
"Aaah, wer weiß, wo das Fax jetzt liegt?"
"Mir doch egal! Ist doch ihr Service."
"Und dein Geld."
Womöglich besitzt das Faxgerät ja eine Schnittstelle mit dem Papierspender im Toilettenraum nebenan? Nichts Genaues weiß man ja schließlich nie!

Kreditkarten haben es so an sich, dass der Buchungszeitraum für gewöhnlich mitten im Monat beginnt und mitten im Folgemonat endet. Alles, was nach der "Endung" passiert, erreicht einen also erst zum Ende des Folgemonats. Für mich als.. äh.. treue Onlinekundin ist das eigentlich ein ganz guter Kniff, wenn man mit der einen oder anderen Rechnung bisschen jonglieren kann. Aber wenn man was zurückhaben will, isses natürlich blöd. Weils Geld erst mal weg ist vom Konto und man maximal 4 Wochen warten muss, eh mans wiedersieht.
Jedenfalls war ich nun wach und wurde latent genervt genötigt, aufzustehen und mich online an Avis zu wenden, da dieser ganze Buchungsvorgang über mich als ADAC-Mitglied lief. Wer über ADAC bucht, kommt nämlich günstiger. Also eigentlich. Also wenn alles reibungslos läuft. Also vielleicht.
Denn ich war ja eben nun wach und surfte ein bisschen im Internet herum. Gerne auch in Begleitung des Weißweins, den der frustrierte Herr uns beiden alsdann einschenkte.
Was man DA alles zu lesen bekam! Hättenmer mal vorher gelesen, nicht wahr? Nur angearschte Bürger wie wir unterwegs, und die Geschichten ähneln sich alle irgendwie.
Ich schwöre, es liegt am Weißwein, dass ich diese Geschichten amüsiert vorlas, insbesondere etwaige, sich stereotyp wiederholende Statements von Avis gleich dazu.

Irgendwann hatte ich jedenfalls in meinem inzwischen deutlich angeschickerten Zustand eine E-Mail an den Kundendienst abgeschickt, prophezeite angesichts der Stimmung des Mannes nur im Geiste eine Antwort in 10 - 15 Tagen (weil, der Kundendienst liegt denen doch am Häärzen, hamse gesagt!), und weil ich nun wach war, wollte ich auch Blogs lesen (Keine da! Was is los hier? Faul, oder wie?), kommentieren bei Wordpress geht momentan mal wieder gar nicht. Dafür ist die Stimmung des Mannes beim Herumsuchen im Netz besser geworden, nachdem er ein paar Stilblüten von Kindern fand, zum Beispiel "Mein Vater ist ein Spekulatius, er verdient das Geld an der Börse" oder "Schwanger werden ist einfach, man pinkelt auf ein bisschen Papier, das wars" oder "Wenn eine Frau ein Baby bekommt, wird sie eine Gebärmutter". Süß, nicht wahr? Jetzt kichern wir hier herum und jetzt hör ich mal auf mit Schreiben.
In der Hoffnung, dass wir demnächst aus dem Club der Angearschten austreten dürfen.

P.S. Nötige Deinen angeschickerten Partner nie niemals dazu, noch mal auf die nächtliche Terrasse zu kommen. Von wegen Sternenhimmel und so. Weiß doch jeder, dass Sauerstoff alles nur noch schlimmer macht. 
Als er mich beispielsweise ganz harmlos berührte, legte ich eine filmreife Harry & Sally Nummer hin.
Der Nachbar jedenfalls sitzt jetzt immer noch draußen und raucht.
Und ich werde diesen Post vermutlich morgen löschen, wenn ich wieder nüchtern bin!

Montag, 15. Mai 2017

Szenen einer Partnerschaft: "Das könntest du sein!"


Immer, wenn Herr Blau dieses oder ein ähnliches Bild irgendwo im Netz sieht, sagt er: "Das könntest du sein!" und "So warst du garantiert als Kind auch!"
Ja. War ich. Frech wie Oskar, bin jedem übern Mund gefahren (also nur denen, die ich gut kannte; Fremden erschien ich dagegen wie ein Heimchen, die in jedem Fall das Falsche von mir annahmen. Passiert mir auch heute noch, übrigens. So hin und wieder ;))
Grad wenn wir so diskutieren und ich drehe mich dann weg und will den Raum verlassen, dann ruft er mir nach: "Ich seh das, mein Frollein!"

Letztens die Heimreise von der Insel, erst fuhr er, dann ich. Er ist übrigens kein.. äh.. einfacher Beifahrer.
"Wieso fährst du so weit rechts?"
"Wieso fährst du so weit links?"
(Ich weiß nicht, was er immer hat, ich schwörs!)
"Da ist doch noch so viel Platz!"
"Fährst du eigentlich sonst auch immer so schnell?"
(Na aber man will ja irgendwann auch mal ankommen und nicht auf der Autobahn rumeiern.)
"Fahr doch nicht so dicht auf, Herrgott noch mal!"
(Fahr ich nicht, das kann ich beschwören! Aber die Beifahrerperspektive... ist keine einfache, wie es scheint.)
Wirklich, da kann auch frau Nerven lassen, ich sags Euch. Die Musik einfach richtig aufdrehen geht ja nicht, wegen seinem Tinnitus. Aber unlängst las ich, dass das Essen von Keksen übrigens neben dem sinnlichen Explodieren von Geschmacksknospen einen ähnlich entspannenden Effekt hätte: Man hört nicht mehr, was der andere sagt.
Sagen bzw. ihm Einhalt gebieten kannste aber auch nicht, weil das sofort in Streit ausarten würde. Bei irgendwas zwischen 180 und 200 kmh will ich keine Diskussionen führen, da will ich meine Ruhe haben und Musik hören, während er mit Angstgriff an der Tür klammert, um sein Leben fürchtet und mir also erzählen muss, wie ich besser fahren sollte, damit ER heil ankäme - oder aber ich solle ihn aussteigen lassen, und zwar jetzt hier und sofort!
Da bleibt einem ja faktisch nur ein bisschen Dampfausstoß aus der Nase, um wenigstens so ein bisschen den erzeugten Druck abzulassen.
Und... Bild siehe oben!

Vom letzten Einkauf habe ich mir ein paar Mini-Amerikaner mitgebracht. Die liebe ich seit meiner Kindheit. Und vor mir liegt schließlich eine Woche Home Office, die auch mit einigen Annehmlichkeiten gefüllt werden will.
"Boarrr", sagte der Mann gestern, "du hast einfach heimlich Amerikaner gegessen?? Ohne mich?!"
"Du hast doch geschlafen."
"Und da isst du heimlich und wartest nicht auf mich?"
"Woher soll ich wissen, wann du aufstehst?"
"Und da isst du einfach meine Amerikaner?"
"DEINE? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ICH sie gekauft hab."
"Wollten wir nicht immer alles teilen, du Ego-Schnecke?"
"Sind doch noch ein paar da, was regst du dich auf?"
Zwei davon haben ihn übrigens letzte Nacht angefallen, meinte er heute Morgen. Heimtückisch hätten sie sich in der Küche aus dem Hinterhalt auf ihn gestürzt und seien direkt in seinen Mund gefallen..
Bild siehe oben!

Könnte ich endlos fortführen, diese Liste. Macht immer wieder Spaß!

Mittwoch, 10. Mai 2017

Das Frische am Norden

Ich weiß jetzt nicht genau, woher der Spruch stammt, aus irgend ner Werbung in jedem Fall. Und mir fiel irgendwie grad kein besserer Titel ein. Es geht ja auch noch mal um den Norden.
Nämlich den Küsten-Doc. Man sagt von ihm, er sei der Beste im Norden, während meine Schulfreundin sagt, es wäre dort alles "wie am Fließband". Ich denk schon, dass sie recht hat damit, aber das für mich Wichtigste ist: Er nimmt alle seine Patienten ernst.

Er führt seine Praxis in einem Nebengelass der Klinik, alt, klein, knarriger Fußboden mit Linoleum, drei kleine Räume, Empfang und Bad, das wars - und das einzig Technische auf den ersten Blick sind die Rechner-Drucker-Kombi am Empfang und der Bildschirm beim Doc aufm Tisch.

Wir sind eine halbe Stunde zu zeitig (passiert mir eigentlich nie!), ich muss ein paar Fragebögen ausfüllen (im Gegensatz zu den letzten kein einziger, der in Richtung "Wir legen Sie mal wieder aufs Sofa" geht, dabei), die wollen nur wissen, wie groß, wie schwer, ob ich rauche und so. Als ich ankreuze "Nichtraucher" und "nein, auch früher nie geraucht", denke ich kurz an eine alte Schulfreundin, die vor vielen Jahren mal zu mir sagte "Bist du sicher, dass du das Kind deiner Eltern bist? Du bist so ganz anders als deine Familie." Denn in meiner Familie hat wirklich jeder geraucht, auch die, die einst Stein & Bein schworen, sie würden nie niemals und so. Selbst die Omma hat bis zur Herz-OP, die sie leider nicht überlebte, fleißig gepafft, nebenbei Karten mit dem Papa gespielt und zur Begrüßung immer einen Kognak genommen.
Es erweist sich als hilfreich, dass ich noch vor der Bestellzeit eintreffe; vor mir sind nur zwei Patienten, aber nach mir fallen sie ein wie ein Schwarm Fliegen. "Termin haben" zählt nicht so wirklich, das weiß man, das kennt man.

Und dann sitzt er mir gegenüber, ein weißhaariger alter Herr, der mich aus freundlichen Augen anschaut und lächelt "Na was führt Sie zu mir?"
Ich erwähne kurz die Frau Mama, dass sie ihm von mir erzählte, ihm dämmert was, er schlägt ihr Kapitel im Rechner auf und murmelt "Ah ja, Morbus Still, das war das" und dann wendet er sich mir wieder zu. Ich muss ihm meine Hände reichen und soll zudrücken.
"Ihre Hand zittert."
"Ja ein bisschen."
"Wurde das schon mal kontrolliert?"
"Ja. Weil aber im Kopf nix weiter gefunden wurde, geht man von einer harmlosen Ursache aus, der man nicht weiter nachgehen muss."
"Sie nehmens mit Humor, wies aussieht?"
"Das muss ich. Das hilft mir beim Überleben."
Wir grinsen uns an.
Er fragt mich dies und das, tippt alles in seinen PC und ich muss immer grinsen, wenn ich diese Adler-such-Technik des Tippens sehe. Aber ich finde cool, dass er sich in seinem Alter noch drauf eingelassen hat. Mein Hausarzt in L hatte überhaupt keinen Computer in seiner Praxis, auch nicht am Empfang. Die hat alles immer fein säuberlich ins Buch eingetragen.

"Stellen Sie sich mal vor mich. So. Und jetzt gehen Sie mal in die Knie. Ja, richtig runter. Und jetzt wieder hoch."
Ich stütze mich kurz rechts und links ab und ziehe mich wieder hoch.
"Und jetzt machen wir das Ganze noch mal, aber ohne Abstützen."
"Das wird nix, Doktor."
"Wieso nicht? Klar wird das."
"Ne, glauben Sie mir, das wird nix."
"Ach was, klar."
Natürlich schaffe ich das nicht, kippe stattdessen nach vorn und sage: "Sehnse, hab ich doch gleich gesagt, dass ich das nicht kann" und dann lachen wir beide.
"Sind Sie sicher, dass es die Gelenke sind, die schmerzen, oder ist es die Muskulatur?"
"Hm. Hätten Sie mich das vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich Stein und Bein geschworen, dass es die Gelenke sind. Aber wenn man sich über die Zeit mal damit befasst und weiß, dass die Muskelenden ja auf den Gelenken liegen... Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall spür ich den Schmerz nur in oder auf den Gelenken."
Statt einer Antwort drückt er mir zielgerichtet rechts und links mit dem Daumen in die Oberarme und ich weiß nicht, ob ich spontan an die Decke springen oder in die Knie gehen soll.
"Das ist aber beidseits."
"Ja, das war schon immer so. Schmerzen selbst hab ich trotzdem nur links. Und neuerdings in den Fingern." Und dort nimmts grad wieder zu.

Er lässt mir etliche Röhrchen Blut abnehmen.
"Diesen Flüssigkeitsverlust muss ich nachher gleich mit einem Käffchen ausgleichen!"
"Nehmense nen Pott."
"Natürlich!"
Und ich muss extra dafür unterschreiben, dass sie bestimmte Gene untersuchen dürfen.
"Welche denn?"
"Hat Ihnen der Doktor das nicht gesagt?"
"Nein, der hat gar nichts gesagt, nur, dass er viel Blut braucht."

Das Ergebnis kommt in drei bis sechs Wochen. Plus Schreiben an den Hausarzt mit einer Empfehlung, wie es dann weitergehen soll. Und ich erneuere mein Versprechen an Herrn Blau:
"Das hier war mein allerletzter Versuch. Wenn der auch nix bringt, dann lebe ich damit, dann ist es eben so. Hat es zwölf Jahre geklappt, schaff ich das die restlichen 56 Jahre auch noch. Vielleicht komm ich ja dann dafür ins Kuriositätenkabinett. Oder auf den Sondermüll."
"Mir egal", sagt er, "Hauptsache, du gehst nach mir."

Wir haben uns erfrischend lieb!

Dienstag, 9. Mai 2017

Eine Reise in Bildern

Eigentlich hieß es ja: Alle Feierlichkeiten sind abgesagt.
Eigentlich hieß es ja: Wir feiern irgendwann im Sommer nach.
Eigentlich hieß es ja: Wir kommen nur zum Gratulieren, dass wir nur mal kurz da waren.
Aber nicht umsonst heißt es wohl: "Eigentlich gibt es nicht."
Außerdem hatte ich ein Date mit dem berühmten Küstendoc, das wollte ich nicht verschieben. Man weiß ja nie, wann einem wieder Audienz gewährt wird!

Tag 1 - Die Ankunft
Mir hat der Arsch gebrannt - nach rund tausend Kilometern darf das ja auch. Aber wenn ich nur das Meer rieche, sehe, atme, schmecke... Hach ja, da vergisst man einfach alles. Ist wie mit der Geburt eines Kindes: Tut scheiße weh und kaum ist es da...



Bis zum Date war aber noch bisschen Zeit... Also an

Tag 2 - Altstadtbummel 
uuuuuuuunnndddd.....


...Käffchen natürlich! Der Kuchen gehörte natürlich zu Herrn Blau, ist ja klar. Ihr dachtet doch nicht etwa, oder? :D


Standesgemäßer Empfang in der Pension. Erst wollte ich ja ein Foto von dieser einfügen - habe mich dann aber doch dagegen entschieden. Man weiß ja nie! Wir waren beide jedenfalls ziemlich konsterniert, als wir den Raum betraten. "Omas gute Schlafstube" triffts vielleicht am besten, inklusive Dederon-Tagesdecke und nen Tiger drauf.
Herr Blau schaute mich an, ich schaute ihn an.
"Grrcchhhh", kicherte ich, "hier ist nichts mit Herrenbesuch nach 18 Uhr, mein Lieber!"
Am Abend jedenfalls hat er erst mal gefühlt einhundert Kissen entfernt inklusive des Tigers.
All das gute Zeug flog hinter irgendeinen Sessel.
"Ich hoffe, die Oma ist mir da nicht böse", sinnierte er.
"Ach wo, glaub ich nicht", winkte ich ab, während ich mir ein Kissen wieder hervorangelte. "Ich brauch was zum Anlehnen oder wie soll ich sonst am iPad spielen?"
Die war sowieso ziemlich doll unterwegs. Allein leben in diesem Haus und mit kleinem Hund, der zweifellos gut gefüttert wurde, vor einem halben Jahr einer OP am offenen Herzen unterzogen, und nun tigerte sie schon wieder munter durch die Stockwerke und besserte sich so ihre Rente auf.
Als sie erfuhr, zu welchen Feierlichkeiten wir angereist waren, winkte sie ab: "Ich finde ja, 25 Jahre sind genug. Man gründet eine Familie, zieht die Kinder auf, schmeißt die Kinder dann raus und den Mann gleich dazu und dann fängt man noch mal neu an. Ehrlich, die zweiten Beziehungen sind die besseren!" Als Herr Blau und ich feixten, sagte sie: "Ne ehrlich! Schauen Sie doch mal in die Natur! Die Meisen nebenan beim Nachbarn machen das doch auch nicht anders. Sind die Eier ausgebrütet, bringen sie ihnen das Fliegen bei, dann werden sie aus dem Nest gejagt und gut ist. So muss das auch! Wir haben grad erst wieder zugeguckt. Manche legen sie auf die Mauer, die können doch noch nicht fliegen oder nicht richtig, na gut, fallen sie halt runter und sterben. Das ist die natürliche Auslese."
Äh..... Manchmal bin ich doch froh, ein Mensch zu sein!

Tag 3 - Das Meer!


Man, war das ein Sturm! Er fegte durch die Kiefern, über den feinen Sand, durch die Haare und um die Ohren. Aber es gibt einfach keinen besseren Ort als diesen, sich dort ans Ufer zu stellen, die unfassbare Tiefe und Weite zu ahnen, das Kreischen der Möwen in den Ohren zu haben, während ich genüßlich die Augen schließe und an absolut nichts mehr denke. Nur noch genieße, genau gerade hier zu stehen, hier zu sein. Ein so herrliches Gefühl!!


...und er fährt immer noch, der Rasende Roland.
Nur an den Mietwagen mussten wir uns erst noch gewöhnen. Keine Hebel, kaum Regler für zum Beispiel Warmluft. Alles geht nur noch über das Display. Kein Problem, wenn man einen Beifahrer hat. Ohne diesen finde ich das ziemlich.. waghalsig, während der Fahrt etwas ein- oder umstellen zu wollen.
Den ersten Mietwagen tauschten wir übrigens schon nach gut hundert Kilometern. Keine fünftausend Kilometer Laufleistung - und das Vehikel schaltete mal eben in ein Notfahrprogramm mit der Bemerkung "Bring mich bitte ganz schnell in eine Werkstatt." Wir haben die Verleihstation bevorzugt und uns ein anderes Wägelchen geholt. Immerhin lag noch genug Weg vor uns, da kann man nicht großartig rumsitzen und Kaffee trinken.
Die mir nach dem Wechsel zugemailte Rechnung reklamierte ich - und die Antwort auf meine Reklamation wiederum amüsierte mich:


Sehr geil. Der Urheber des automatisierten Textes jedenfalls bewies einst Humor. Anders jedenfalls lassen sich "höchste Priorität" und "Antwort innerhalb von 10 bis 15 Tagen" nicht erklären.

Tag 4 - Die Feierlichkeiten


Die Goldene Hochzeit UND der 70. Geburtstag der Mama - ne, da darf man gar nicht Nein sagen, wenn der Babba zum Tanz auffordert. Aber ich gestehe: Ich hasse Tanzen, ich mag das überhaupt gar nicht. Und ja, ich gebe zu, weil ich es einfach auch nicht kann. Ich bin da typisch norddeutsch: Starr wie eine Eiche, es sei denn, man hätte sich heimlich einen hintergegossen. Es war also äußerst kontraproduktiv, dass ich das Buffet bevorzugt hatte.
Nu ja. Papas Füße habens überstanden.


Ein bisschen zufällig gefundenes Feuerwerk und Böllerei um Punkt Null Uhr für die Mama, und unmittelbar danach kam die Polizei mit Blaulicht. Sie haben uns aber nicht gefunden :D

Tag 5 - Die Heimreise


Genau mein Motto.
Thats it.

Dienstag, 2. Mai 2017

Alles wie immer!

Bildquelle: http://weheartit.com/entry/283050932/via/mlktalv?context_type=inspirations&inspiration_id=30


Wonnemonat Mai. Na wurde es jetzt endlich doch mal soweit, auch wenn die Temperaturen noch ein wenig hinterherhinken und es so wohl eher nix mit nem Kleidchen zum Geburtstag der Mama wird. Die haben zwar eindeutig schöneres Wetter da auf der Insel - aber auch die eindeutig kälteren Tage.
Kann man sich nun aussuchen, was man will - mild und Regen oder sonnig und kalt.
Egal: Geburtstagskuchen schmeckt mir auch bei 5 Grad, Hauptsache, der Kaffee ist schön heiß!

Am letzten Wochenende jedenfalls ließ ich schon mal einen Blumenstrauß auf die Insel schicken - Goldene Hochzeit feierten sie nämlich auch noch.
Fünfzig Jahre. Holladrihö! Das muss man erst mal aushalten und ich finde schon, dass da insbesondere die Mama eine Tapferkeitsmedaille verdient hat!
"Das Wetter ist jedenfalls besser als vor fünfzig Jahren", meinte der Papa, der inzwischen immer fitter wird und schon wieder auf irgendwelchen Dächern rumkriecht, um hier und da was festzunageln.
"Hats bei euch geregnet?"
"Ne", rief die Mama aus dem Back off, "es hat geschneit damals!"
"Waaaa? Geschneit? Und da erzählen sie uns was von globaler Erwärmung - dabei gibts auch nach fünfzig Jahren immer noch bis Ende April Schnee!"
Haben wir ein bisschen herumgegackert, auch als wir feststellen mussten, dass die zum Blumenstrauß mitbestellten Pralinen nicht mitgeliefert wurden.
"Das Schwein hat die selbst gefressen, weil wir es wagten, ihn bei DEM Wetter auf die Straße zu euch zu schicken!"
Der Papa hat dann dem Ganzen kategorisch ein Ende bereitet: "So Schluss jetzt, wir müssen uns fertigmachen, dein Bruder hat einen Tisch für uns bestellt, wir gehen jetzt schön essen."
Gönn ich Euch ja, von Herzen.
Solange Ihr Kuchen übrig habt, bis wir da sind. Ist ja bald soweit!

Die fehlenden Pralinen habe ich übrigens heute reklamiert und auf Nachfrage gestand der Florist: "Oh Gott ja, das kann gut sein, dass uns das untergegangen ist!"
Hmpf. In Deiner Tasche untergegangen, meinst Du wohl?
Hatte der Babba also den Strauß auch noch ganz umsonst verwüstet, nur um festzustellen: "Zwischen den Blumen ist auch nix!"
"Wir liefern die auf jeden Fall nach!"
Ich weiß nicht wieso, aber ich musste unwillkürlich an den einen Witz denken, wo die Oma immer großzügig Nüsse verteilt und irgendwann fragt mal einer, warum sie immer die Nüsse verschenkt. Und sie sagt dann: "Ich ess doch die Ferrero Küsschen so gerne, aber die Nüsse kann ich nicht mehr beißen!"
Aber ich hab nachgeguckt: Mit Nuss hatte ich nix bestellt.

Montag, 24. April 2017

Ich bin verlieeebt!! Ach ne, doch nicht.

Letztens aus Gründen fragte ich Herrn Blau, was für ein Weltbild ich seiner Meinung nach außen vertrete und er sagte: "Weiß ich doch nicht?!" Ich fand das komisch, schließlich kennen wir uns persönlich jetzt seit 13 Jahren, 6 Monaten und 10 Tagen. Gut, es gab lange Auszeiten dazwischen, aber... Na gut. Er sagt ja auch nicht umsonst, dass ich ihn besser kennen würde als er sich selbst - wie sollte er da erst mich kennen?
Dafür weiß ich zum Beispiel, dass ich auf bestimmte Antikmöbel steh und er auf bestimmte Antikfahrzeuge. Hat zwar jetzt nix mit Weltbild zu tun, macht jetzt aber auch nischt.
Und während ich einige ausgewählte Schmuckstücke mit in diese Beziehung brachte, für die uns hier aber irgendwie ein bisschen Platz fehlt (fragt bloß nicht, was die Wohnungssuche macht), fügte er im Sommer vor drei Jahren (nach ausgedehnter, wohlüberlegter Suche) sein Schmuckstück hinzu, das winters sein Dasein in der Tiefgarage fristet und sommers gerne ausgeführt wird. Mir wäre das ja nix! Das wäre ja so, als würde ich mir ein Paar Manolo Blahniks gönnen und dann nicht ausführen, damit die rote Sohle nicht zerkratzt. Ausgedehnte, wohlüberlegte Suche ist bei mir aber auch eher nicht so. Ich bin da eher der Affektmensch: Sehen, gefallen, mitnehmen.
Habe ich jedenfalls mit dem Mann so gemacht, damals.
Aber er hat ja recht: Ab einem gewissen.. äh..  Budget wäre dieses Verhalten durchaus fatal.
Jedenfalls - er liebt sein Antikschnittchen. Er liebt es so sehr, dass er gerne auch einmal im Jahr auf die Wiese fährt, wo alle Freaks ihre Schnittchen zeigen. Und wenn ich nicht will, dass wir auch die Wochenenden getrennt voneinander verbringen, ja dann lasse ich mich halt mitschleifen, friere mir den Arsch ab trotz des Mantels (wie kann es von einen auf den anderen Tag glatte zehn Grad kälter sein?), atme irgendwann nur noch flach und kurz, weil ich von der benzolgeschwängerten Luft irgendwie schon ganz kirre geworden bin - und dann verliebe ich mich auch noch!



Hach! Das wäre mal ein Traum! N flotter Roter wäre mir ja zwar lieber, aber hey, in der Not...
Ich schlich um den Kleinen rum wie einst um Herrn Blau: "DER wäre doch was! Für den Sommer! Für Italien! Für das Meer! Für Südfrankreich! Für..."
Aber ich gab mich geschlagen: Fahrspaß auf der Autobahn ist bei mehreren hundert Kilometern dann vielleicht doch was anderes (man ist ja doch nicht mehr die Jüngste!), Spaß im Auto wäre vielleicht auch nur mit tollkühnsten Verrenkungen irgendwie so halbwegs möglich (wahrscheinlicher wäre aber dann eher ein anschließender Termin beim Chiropraktiker), aber das entscheidende Kriterium:
Der kleine Knaller hat keine Musik drin. Nix. So gar nix. Nicht mal Radio. Dafür einen Feuerlöscher. Ernsthaft jetzt. Da, wo neue Autos ihre Mittelkonsole haben, trägt dieser Kleine einen Feuerlöscher. Ich vermute mal, aus Gründen.
Ja sorry.
Dann geht das leider nicht mit uns.

Dienstag, 18. April 2017

Blue Monday

Der Tag fing schon irgendwie komisch an. Nicht nur weit vor der Zeit erwacht - ich war mir zunächst auch nicht sicher: "Wo bin ich? Welcher Tag ist heute? Hab ich heut noch frei?"
Äh... Ne! Leider nicht.
Trotzdem noch mal die Decke bis an die Ohren ziehen und die Augen schließen.
"Noch fünf Minuten!"
Herr Blau musste mich dann wecken und auch den Kaffee kochen, den er normalerweise immer von mir serviert bekommt. Also jedenfalls wochentags.
Der Blick aus dem Fenster... och ne oder?!
War angekündigt, trotzdem hatte ich gehofft, dieses Schietwetter würde einen Bogen um uns machen. Einen möglichst richtig großen Bogen! Aber neeee....


Kaum vorstellbar, dass man vor ein paar Tagen noch im T-Shirt draußen geschwitzt hat. Ja, im T-Shirt!
Er hat sie dann von der Terrasse gerettet, der Herr Blume die Blauen. Ach ne, andersrum - der Herr Blau die Blumen.
"Musst du heut nicht arbeiten?" fragte er dann, bevor er ging und ich schaute entspannt auf die Uhr.
"Ja, aber erst ab acht und es ist erst halb."
Um 8.20 Uhr fiel mir dann ein, dass es da ja noch ein Diensttelefon einzuschalten gab. Die ersten Anrufe waren dann auch schon aufgelaufen von Kollegen, die glaubten, ich sei im verlängerten Osterurlaub. Wäre mein gesamtes Urlaubstagekontingent nicht schon arg verplant - ich hätte dann wohl doch noch ein paar Tage drangehangen. Tat gut irgendwie, diese lässige Pause von vier Tagen, an denen man zu nix verpflichtet war. Ich befand mich noch eine Stunde nach dem Aufstehen in dem Modus, der unlängst im Web beschrieben wurde mit "In mir schlummert ein Tier. Ein Faultier."
Angesichts dieser slow motion hätte ich mich ja gerne so hier auf Trab gebracht:

Bildquelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1241889025924166&set=a.166168533496226.34860.100003092423253&type=3&theater

Es war dann aber eher das lahmarschige Netzwerk, das mich in Nullkommanix bis an den Rand des Erträglichen brachte, so dass ich mich nur mit Müh und Not selber davon abhalten konnte, Laptop, Maus & Co. über die Brüstung zu werfen - und das nervige, permanent klingende Diensttelefon gleich hinterher. Da denkt man, die Allgemeinheit ist noch im verlängerten Ostermodus - Scheißchen! Jeder will was, alles muss gleich - und nix geht bei diesem verdammten Drecksnetzwerk, das mich, wenn es ihm zuviel wird, auch mal gleich ganz rausschmeißt und mir dann irgendwas von Tunnelfehlern erzählen will. Pfffff!
Innerlich gar gekocht war ich dann aber beim Einwählen in das Kundencenter der Telekom.
Ich hab mich ja früher schon über diese pinken No-Gos aufgeregt, aber heute fühlte ich mich einmal mehr bestätigt darin, dass mir privat DIESE Leute nie niemals nicht ins Haus kommen. Da eher schreibe ich lieber wieder Briefe oder rufe auch sogar mal an (was jeder, der mich kennt, weiß, tatsächlich was zu bedeuten hat - denn Telefonieren mag ich so gar nicht).
Nicht nur, dass die seit rund 3 Jahren unfähig (oder unwillig) sind, eine E-Mail-Adresse zu akzeptieren, wohin man sich die Rechnungen schicken lassen kann - nein, man muss sich partout in diese blöde Kundencenter einwählen - und die Rechnung durfte ich online nicht anschauen - dank Ad Blocker, mir aber auch nicht ungesehen herunterladen, ohne meinen Ad-Blocker temporär zu deaktivieren.
Inzwischen klingelte die Mittagsuhr (also der Bauch) - und ich durfte feststellen, dass das vier Tage alte Brot sich über Nacht fröhlich ein paar grüne und weiße Blumen hatte stehen lassen.
Na toll! Zumal es sich hier um das allerletzte zu beißen im Hause blaues Ziggenheim handelte. Sieht man von etlichen Puddingbechern ab - aber davon kannste ja jetzt auch nicht satt werden! Ganz toll dann auch, in genau diese Stimmungsphase ein lecker Foto vom Mann zu bekommen und dem mit noch fröhlicheren Smileys unterlegten "Mahlzeit!"
Nun war mir alles egal - ich habe den Kühlschrank geplündert, was auch immer der noch hergab. Ein etwaiger Kalorienzähler wäre an dieser Stelle vermutlich explodiert, mir aber auch grad sowas von scheißegal - Hauptsache, die Synapsen beruhigten sich wieder.

Und siehe da: Der erste Schnee des Morgens taute wieder, das Netzwerk hatte sich auch eingekriegt und der Junge hatte vermeldet, dass er trotz Schneechaos und Blitzeis gut wieder zu Hause angekommen war. Ist vielleicht doch nicht alles blöd am Montag!


Sonntag, 16. April 2017

Von Milchkaffee in der Sonne, Raviolis und Frieden für alle








Viel zu oft vorgenommen und viel zu wenig gemacht: Städtetouren.
Angesichts der bevorstehenden freien Tage ein Länderticket gebucht und diesmal fiel die Auswahl auf Augsburg. Viel gehört, einiges gelesen - eine sehenswerte Stadt soll es sein - und davon wollten wir uns dann selbst überzeugen.

Was hat mich nun am nachhaltigsten beeindruckt? 
Der Dom Mariä Heimsuchung.
Ich bin weder ein Kirchgänger noch bin ich auch nur irgendeinem offiziellen Glauben anhängig.
Der Mann auch nicht - aber ihn faszinieren die Bauten.
Ich bin durch das Tor getreten und es ist schwierig zu beschreiben, was das in mir auslöste.
Da war eine Aura, die nur sehr schwer in Worte zu fassen ist.
Eine Aura, die mich still und zugleich so wunderbar ruhig fühlen ließ.
Den Blick nach vorn auf das bunte Ornamentfenster gerichtet, blieb ich stehen, es ist wirklich nicht so einfach zu beschreiben, aber da... war einfach etwas. Um mich herum, auf mir.
Ich wandte den Kopf nach rechts und da stand er immer noch, der alte Mann, der Bettler mit dem Becher in der Hand, draußen vor der Tür, und er schaute auch mich an. Machte ein, zwei Schritte, als wolle er auf mich zugehen. Natürlich ist mir bewusst, dass er lediglich in meiner Körpersprache erkannte: Da gibt es was. Mir sind ebenso all die Tatsachen über Bettlermafia bekannt.
Dennoch nahm ich all meine letzten Münzen, ging zurück vor das Tor und legte sie ihm in den Becher. Er lächelte freundlich aus braunen kleinen Augen.
Hernach war er fort.
"Warum machst du sowas?" kopfschüttelte der Mann, "kann man dich nicht mal einen Moment aus den Augen lassen? Du weißt doch, dass das alles Mafia ist."
"Ich weiß", lächelte ich ihn an und irgendwie.. war da einfach so eine.. unfassbare, zugleich aber wunderbare Ruhe in mir.
"Und warum machst du es dann? Warum die Mafia noch reicher machen?"
"Es war ein alter Mann, vielleicht Mafia, vielleicht aber auch nicht."
"Siehst du, der ist jetzt weg. Geld zählen vermutlich."
"Vielleicht, vielleicht aber auch nicht."
"Oder der ist jetzt in Ruhe frühstücken gegangen von deinem Geld."
"Ja, vielleicht, aber das wäre ja dann auch das Richtige."

Was hat mir am meisten gefallen?
Das "Barfüßer Café", das sich völlig unauffällig im Hinterhof einer Häuserzeile befindet und nur entdeckt werden kann, wenn man genauer hinschaut.
Ich liebe Cafés mit selbstgemalten Bildern, die dort überall an weißgetünchten Wänden hingen, und Tulpen auf den Tischen.
Wenn sie jetzt noch selbstgebackenen statt industriell gefertigten Kuchen anbieten würden, wäre dieses Kleinod kaum übertrefflich.

Was hat mich am meisten bewegt?
Der Ostermarsch mit dem Transparent "Frieden für alle und für immer". Überhaupt hörte man in den letzten Jahren deutlich weniger von Ostermärschen, von Friedensbewegungen - und dabei ist dieses Thema in dieser Zeit bedeutsamer als je zuvor.

Was ist mir eher unangenehm aufgefallen?
Die Blicke anderer Menschen. Sie haben mich verunsichert und mich fragen lassen, ob möglicherweise das Kleid zu kurz war. Wenn es nicht verrutscht (worauf ich eigentlich immer achte, dass das nicht passiert), endet es normalerweise kurz über dem Knie - und dann wieder dachte ich... Ich lebe in Europa, den Minirock (oder eben das kurze Kleid) gibt es seit rund 90 Jahren - und eigentlich möchte ich mich das nicht fragen müssen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend Menschen anderer Kulturen waren, die mich musterten.
Als wir in Indien unterwegs waren, trug ich entweder bodenlange Röcke oder lange Hosen - aus Respekt vor der dortigen Kultur.
Ich möchte, dass man unsere hier in Europa genauso akzeptiert, dass man uns Europäer akzeptiert und nicht, wie auch im Post von Nila dargestellt, als Ungläubige empfindet, die keinen Respekt verdienen.

Was hat mich am meisten überrascht?
Der Stadtmarkt zwischen Fuggerstraße und Ernst-Reuter-Platz. Eher auf der Suche nach einer Lokalität um die Mittagszeit, fanden wir diesen Markt beim Herumstreifen in der City - und waren überrascht von der Vielfalt und den vor allem überall freundlichen, redseligen Menschen. Man begegnet einander freundlich, höflich, hilfsbereit ("Sie schauen so suchend, wo wollen Sie denn hin, kann ich Ihnen helfen?"), das Essen (Steinpilzravioli) war ausgesprochen lecker und die Johannisbeerschorle mit deutlich mehr Saft und weniger Wasser als man das beispielsweise hier in M serviert bekommt.

Als wir am Nachmittag mit der Bahn wieder heimfuhren, lehnte ich den Kopf an die Schulter des Mannes und schloss die Augen. Ich fühlte mich leichter, gelöster - und auf entspannte Art müde.
Dieser Tag hatte mir gut getan, so insgesamt.
Aber ich bin gerade nicht sicher, ob ich als Frau noch allein verreisen möchte.
Möglicherweise aber verreise ich im Moment auch sowieso viel zu selten.
Möglicherweise sollten wir das einfach wieder viel öfter tun.

Freitag, 14. April 2017

"Überall", flüsterte sie, "überall."

Bildquelle: http://www.imgrum.org/media/1301889646090928760_284178080



Bevor ich selber Kinder bekam, gehörte ich so gar nicht zu den Menschen, die verklärt und verzückt auf Babies und überhaupt Kinder reagierten. Im Gegenteil: Ich konnte mit ihnen gar nichts anfangen.
Legte man mir ein fremdes Kind in den Arm, reagierte ich eher mit Panik: "Nehmt es mir bloß wieder ab, bevor ich was kaputtmache."
Ich hatte so gar keine Idee, so gar kein Gespür dafür, was ich mit einem Baby, mit einem Kleinkind anfangen sollte.

Meine Kinder, meine Söhne haben mich über die Jahre eine Liebe gelehrt, die ich bis dahin nie gekannt hatte: tiefe, bedingungslose Liebe. Heute empfinde ich sie mehr denn je als einen Teil von mir, untrennbar, unlösbar - und wenn sonst nichts mehr geht, für sie geht es.
Der Älteste war von Beginn an mein eigenes Abziehbildchen: verträumt, verklärt, ein Seelchen, das alles hinterfragte, alles wissen wollte und so lange keine Ruhe gab, bis er all seine Fragen beantwortet fand.
Als er anfing, abends auszugehen, lag ich die ersten Nächte so lange wach, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Als er den Führerschein erwarb und sein erstes Auto kaufte, lief ich die ersten Wochen immer so lange unruhig durch die Wohnung, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Der Jüngere war ein Sonnenscheinchen, meist friedlich, meist selig und er hat viel gelacht.
Wenn ich weiß, dass er ausgeht, ertappe ich mich oft dabei, dass ich nachts oder gleich morgens in whatsapp schaue, wann er zuletzt online war - und sinke erleichtert in die Kissen zurück.
Auch er besitzt jetzt einen Führerschein und sucht sich derzeit rauf und runter, welches sein erstes Fahrzeug sein soll. Viel zu viele PS, viel zu große Maschinen - und auch wenn ich das dank Testosteronspiegel nachvollziehen kann, so hänge ich aktuell dennoch flehend an seinen Beinen: "Als erstes Fahrzeug sollte es nicht so eins sein."

Die Entscheidung, ihnen die Wohnung zu überlassen und über vierhundert Kilometer weit weg zu gehen, ist mir sehr schwer gefallen. Mein Lebensmodell hatte eigentlich nicht vorgesehen, den Jüngeren schon "herzugeben", der zehn Wochen später erst 19 wurde. Meine Wunschvorstellung war immer die, dass wir in einer Stadt wohnen, von mir aus jeder in seiner Wohnung, aber wenn man einfach Lust drauf hat, lädt man sie sich auf einen Kaffee, auf ein Mittagessen oder was auch immer ein, ratscht über Gott & die Welt, löst all die kleinen Alltagsproblemchen... Man lebt sein Leben, aber irgendwie lebt man es immer noch miteinander.

Sie sind beide noch dabei, ihren Weg im Leben zu finden, und während der eine ziemlich genau weiß, was er will, ist der andere dabei, zunächst das Chaos in seinem Inneren zu ordnen und zu lösen.. Als feststand, dass der Ältere das Unternehmen verlässt, in dem auch ich arbeite, habe ich mich viele Nächte schlaflos herumgewälzt und mich am meisten vor dem Moment gefürchtet, in dem auch er es erfuhr. Ich fürchtete mich vor dem, was es mit ihm machen würde.
Mir ist völlig klar, dass man seine Kinder nicht vor allem im Leben beschützen und bewahren kann, dass sie lernen und wissen müssen, wie sie die schwierigen Situationen bewältigen können.
Dass ich ihnen auch gar nicht alles abnehmen darf.
Mir ist jedoch auch bewusst, dass jeder Mensch mit unterschiedlicher Resilienz ausgestattet ist, und was den einen stärker hervorbringt, kann den anderen eines Tages zerbrechen.

Ich schaue auf die Fotos meiner Söhne, die auf meinem Schreibtisch stehen.
Ich betrachte meine Söhne, wenn wir auf dem Sofa lümmeln. Wenn sie essen, wenn sie schlafen, wenn es ihnen gut geht.
Seit 27 Jahren lebe ich mit dem einen und seit 21 Jahren mit dem anderen - und ich weiß, ohne meine Kinder bin ich.. nichts mehr. Es wird mich zerstören, wenn einem von ihnen etwas geschieht. Ich weiß, dass ich so stark nicht bin, das zu überstehen.

Oft lese ich Nachrichten, höre Nachrichten, wenn ich unterwegs bin.
Ich sehe Bilder von Kindern, in ihrem Gesicht, auf ihrer Kleidung ist Blut, ihre Kleider sind zerrissen, die Augen leer.. Es ist mir völlig egal, wer solche Bilder für sich propagiert. Weil die Tatsache, dass ein Kind, ein Mensch überhaupt in einen Krieg, zwischen die Fronten geraten ist, einen innerlich zerreißt. Alles krampft sich zusammen, weil man sich schuldig fühlt. Und es ist dabei ganz egal, ob man sich an einem Krieg beteiligt oder nicht.
Ich sehe die Bilder der hungernden Kinder in Afrika und in mir verkrampft sich alles auch bei dem Gedanken daran, wie unfassbar viel an Essen allein bei uns achtlos in den Müll geworfen wird.
Mir wird schlecht dabei, dass Nestle Brunnen in Afrika bohrt und Geld für Wasser von denen verlangt, die ohnehin schon zu den Ärmsten in der Welt zählen. Die ohnehin schon nichts mehr haben und zu Tausenden verhungern und verdursten.
Wie kann man weltweit Spezialisten nach Afrika entsenden, wenn die Ebola ausbricht, aber tatenlos zuschauen, dass Menschen verhungern??
"Das Versprechen eines Lebens", ein Film aus der Zeit des ersten Weltkriegs, basierend auf einer realen Geschichte. Drei Söhne hat die Familie weit über das Meer in den Krieg geschickt, und der Vater hinderte sie nicht daran. Er glaubte, es gehöre dazu, sie zu Männern gemacht zu haben. Während die Mutter der Söhne daran zerbricht, dass alle drei Söhne aus dem Krieg nicht heimkehren, schwört er ihr an ihrem Grab, dass er alle drei heimbringen wird, um sie zu Hause zu beerdigen.
"Sei gesegnet, wenn du vor deinen Kindern gehen kannst", heißt es darin.

Noch vor zwei Jahren, auf dem Weg zwischen M und L, betrachtete ich den blauen friedlichen Himmel über mir, hörte ich Musik und empfand so unendliche Dankbarkeit dafür, dass ich hier so in Ruhe fahren konnte und meine einzige Frage lediglich darin bestand, ob ich ein, zwei Stunden früher oder später am Ziel ankommen würde.
Der Krieg in Serbien, der Krieg in Tschetschenien, die Annektierung der Krim, der Krieg im Irak, in Syrien, in Afghanistan; es fühlt sich an, als sei die ganze Welt irre geworden, als sei die ganze Welt in Aufruhr, als bekämpfe jeder jeden; die Bombenanschläge in England, in Frankreich, in Spanien, in Schweden und auch bei uns.
Dass Trump über Afghanistan - angeblich im Kampf gegen den IS - eine Bombe abwerfen ließ mit über 8.000 Kilogramm Sprengstoff in ihrem Inneren, ließ mich fassungslos und stumm auf den Bildschirm starren.
Von 36 toten IS-Kämpfern ist die Rede - wer soll das glauben bei einer Reichweite der Druckwelle von einigen Quadratkilometern, in denen kein Überleben möglich sein soll? Wer soll glauben, dass es nicht wieder Unschuldige getroffen hatte - wie in jedem verdammten scheiß Krieg, weil sich niemand, einfach niemand dafür interessiert und jeder tote Zivilist als Kollateralschaden abgetan wird?
Und Trump legt sich zugleich mit Korea an.
Dabei hatte er etwas ganz anderes versprochen. Er hatte gesagt, dass er sich aus allem raushalten wollte, weil er nur ein einziges Ziel erklärte: "Make America great again". Als Präsidenten eines Landes habe ich ihn nie empfunden, aber als einen Kaufmann. Nennt mich naiv, aber ich dachte wirklich, er sei die bessere Wahl als die Clinton. Ich hatte doch wirklich darauf gehofft und gewünscht, dass er sich auf das konzentrieren würde, womit der sich auskannte: auf die Wirtschaft des eigenen Landes - ohne Kriegsmillionen. Aber ein Mensch wie er wird wohl immer nur nach seinen Beratern agieren können, er wird also nie etwas anderes als eine Marionette bleiben können.
War er nun tatsächlich die bessere Wahl - oder macht er alles nur noch schlimmer?
Im Grunde jedoch.. sind es doch aber alle Politiker, egal woher sie kommen.
Und hatte nicht unser Innenminister erst vor Wochen betont, dass Afghanistan zu den sicheren Herkunftsländern gehöre? Weil man ja offenkundig nicht nach Syrien abschieben kann, nimmt man die Afghanen, um noch rechtzeitig vor den Wahlen im September Zeichen zu setzen?
Nachdem man monatelang keinen Zweifel an der Richtigkeit dessen äußern durfte daran, unkontrolliert Millionen Menschen in das Land kommen zu lassen, weil sie ja auf der Flucht vor dem Krieg waren - wenn man sich nicht als Nazi beschimpfen lassen wollte?
Warum ist auf einmal der Amerikaner der Gute, der seit 1950 ungefähr alle zwei, drei, vier Jahre in mindestens einem fremden Land Krieg führte - und warum ist der Russe auf einmal der Böse?
Ich fühle mich an den kalten Krieg der 80er erinnert. Damals warens die Kapitalistenschweine und der Russe war der Gute, der Befreier. Heute ist es andersrum.
Amerika wählt den Trump statt Clinton.
England wählt den Brexit statt die EU.
Italien wird vielleicht folgen.
Ich hatte irgendwie die Hoffnung darin gesehen, dass die Menschen eines Landes sich nicht mehr beirren lassen, dass sie sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Dass sie einen anderen Weg wollten als den bisherigen. Eine bessere Alternative als überall Krieg zu führen. Dass die Politik aufmerkt und Achtungszeichen versteht. Meinetwegen auch die im letzten Jahr gestiegenen Prozente der AfD. Glücklicherweise immer noch viel zu wenig Prozente, um tatsächlich in die Politik eingreifen zu können, andererseits frage ich mich: Welche wirklichen Alternativen zur jetzigen Regierung gibt es? Keiner hat es je besser gemacht - und auch unter einem hochgehobenen Martin Schulz sehe ich das nicht.

Ich will meine Kinder nicht in einem Krieg wissen. Ich will nicht meine Kinder begraben müssen. Schaue ich auf den Film mit Russell Crowe, dann hat sich die Kriegstechnik von damals so sehr verändert, da werden keine Kanonenwagen mehr herangekarrt und Bajonette geschwungen.
Hat die heutige Welt überhaupt noch eine Chance? Hätte sie die - wenn sie alle durchdrehen?
Fragt sich denn kein einziger von denen, was aus ihren eigenen Familien, Angehörigen, Kindern würde in einem solchen Fall? Sorgt sich denn kein einziger von denen um seine Familie?
Wir leben eine so moderne Zeit, wir haben so vieles entdeckt, entwickelt, vorangebracht - und den Menschen könnte es so gut gehen.
Stattdessen bereichern wir uns, indem wir den einen Kriegstechnik verkaufen und den anderen vorschreiben, wie viel sie für ihren Kaffee, ihren Kakao und ihre Gurken vergütet bekommen, vorausgesetzt, sie erfüllen die EU-Gardemaße. Stattdessen betreiben wir ausgewählte Medienberichte, um rechtzufertigen, dass man gar nicht anders konnte. Stattdessen wird der Mensch zugemüllt mit "Schwiegertochter gesucht", "Berlin Tag und Nacht" und all diese sinnbefreite, gequirlte Scheiße, von der ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass man sich so etwas auch nur anschauen kann.

Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Abgesehen davon, dass ich überzeugt davon bin, dass es mehr Dinge zwischen Himmel & Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - und sie passieren trotzdem. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem.
Ich schaue auf meine Kinder und alles, was ich mir wünsche, ist ein Leben in Frieden. Ein gutes Leben. Ich denke an den Rückflug von Indien vor einem halben Jahr und daran, wie inniglich ich das Beten lernte. Ich denke an Menschen, die sagen, für wen sie ihr Leben hergeben würden und wo ich immer dachte: "Das sagt sich alles so leicht."
Ja, das sagt es sich.
Aber ich für mich weiß: Ohne meine Kinder kann ich nicht sein. Wenn, dann mich - aber nicht sie. Nicht sie.

Montag, 3. April 2017

Ein Versprechen






I've been living like a pretender
Ready for a reason to fall apart
Demons living deep in the center of my heart

But listen I have made a decision
I am finished fading into the dark
I need another shot at beginning 
Let's restart

I'll tell you once
I'll tell you twice
And I don't care who listens I will shout it to the northern lights

I'm gonna keep 
All these promises, promises, promises, promises, promises
And you're gonna see
I want all of it, all of it, all of it, all of it, all of it

Patient but it's making you restless
Turn into tomorrow you follow moons
Cigarette you're tracing the edges
Of your room

Front door, what have I been waiting for 
You're out back, you should know that

Sonntag, 2. April 2017

Von Sackgassen und Blumenwiesen




Wenn ich heute noch ein Wort zu "Papier" bringen möchte, müsste ich mich jetzt beeilen. Denn in ungefähr dreißig Minuten schaltet sich hier alles automatisch aus - und ich weiß leider nicht, wie ich das umgehen kann, ohne Herrn Blau aus dem Schlaf zu rütteln.
Aber irgendwie... will es gerade nicht fließen. Also es will schon, aber es kann nicht. 
Und fühl mich zugleich so müde, innerlich, äußerlich. 
Vor allem bin ich dankbar für die kleinen und großen glücklichen Fügungen. Dass der Papa nun wieder wieder nach Hause gekommen ist - mit einer reparierten Herzklappe und einer damit nunmehr deutlich längeren Lebenszeit. Dankbar für erreichte Meilensteine der Söhne. 





Ich schaue auf meine Hände, betrachte mich im Spiegel.
"Sie machen schon einen bedrückten Eindruck auf mich", sagt mir am Freitag jemand, der mich seit etwa dreißig Minuten kennt und für den ich einen ungefähr zehnseitigen Fragebogen ausfüllen musste, die ich mit Beginn der Schmerzerkrankung wieder und wieder vorgelegt bekommen hatte. Und nun schaue ich ihn an und spüre, wie ich unwillkürlich lächeln muss.
"Ich bin doch einfach nur... grad ein bisschen müde", antworte ich.

Manchmal weiß ich nicht, was Menschen von einem erwarten. Du hast vielleicht nicht die allerbeste Biografie, aber du hast schon vor langer Zeit dein Leben in Ordnung gebracht und dir selbst deine Ruheinseln geschaffen. Du weißt, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen und ein wenig Seelenpflege zu betreiben. Du weißt, was dir guttut und du hast gelernt, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und zu diesen auch zu stehen. Du weißt um all das Unerledigte und du hast akzeptiert, dass sich nichts erzwingen lässt - aber es für alles einen Weg gibt, früher oder später.
All deine Themen, die dir in der Seele immer noch weh tun, hast du lang und breit mit deinem Seelendoc auseinander genommen. Bis es - vermutlich beiden - zu den Ohren wieder rauskam.
"Ich hab den Schmerz akzeptiert und mich inzwischen an ihn gewöhnt", sage ich, "meistens jedenfalls." Und während der aktuell behandelnde Hausarzt "genau darin die Gefahr sieht", will die allgemeine Schmerztherapie nichts anderes bewirken: Akzeptanz. Wahrnehmung weglenken vom Schmerz und damit leben. Also lebst du damit und sagst dir an den meisten Tagen eines Jahres, dass es nur den Frühling und den Sommer braucht, um es erträglicher zu haben. Dass du während der intensiveren schmerzhaften Phasen nicht unbedingt auf dem Tisch tanzen möchtest, findest du nachvollziehbar.
Du hast dich auf jeden möglichen Lösungsweg eingelassen, monatelang, jahrelang, und keiner davon hat dir aber Erleichterung bringen können.
Nach zwölf Jahren darf einem auch mal ein wenig die Puste ausgehen.
Findest du.

Ich betrachte den Mann interessiert, wie er da vor mir sitzt, die Augen müde, die Stimme schleppend und fast muss ich lächeln: Am Ende sind wir beide müde aus denselben Gründen - langer Tag gewesen, es ist warm draußen und man will einfach nur in der Sonne sitzen und wahlweise einen Milchkaffee oder eine eisgekühlte Limonade genießen, statt hier drinnen in einem kleinen warmen Zimmer ohne Frischluft festzuhängen. Und während er sich vermutlich zugesteht, dass er müde sein darf, sieht er in meiner den Beweis dafür, dass ich erneut auf ein Sofa gehöre.
"Was möchten Sie? Was denken Sie?"
Ich lehne mich zurück, spüre den glatten harten Sitz unter mir und in meinem Rücken und denke daran, wie ungern ich auf solchen Plätzen sitze.
"Dass ich hierher gekommen bin ohne jede Erwartung oder Vorstellung", antworte ich auf seine Fragen. "Dass ich seit ungefähr drei Jahren, mindestens, nicht mehr bei einem Arzt war in der Hoffnung, Erleichterung zu finden. Eigentlich sitze ich nur hier, weil man mir Sie empfohlen hatte und weil ich seit ungefähr drei Wochen in beiden Händen einen neuen, anderen Schmerz in den mittleren Gelenken habe, mit denen ich anfangs weder einen Stift noch eine Tasse halten konnte. Das ist jetzt etwas besser geworden, aber ich kann nach wie vor keine Flasche öffnen oder irgendwas Schwereres wie einen Topf oder so in der Hand halten. Wenn mir jemand an die Hand stößt oder an der Hand zieht, tut das weh, als hätte ich da einen großen blauen Fleck oder sowas. Am Anfang hatte ich Fieber und ich hab mich krank gefühlt, das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin aber nicht gleich zum Arzt gegangen, weil ich Angst davor hatte, dass jemand denkt, ich sei hysterisch."
Wir schauen uns an, wir sind beide immer noch müde und jetzt will ich nur noch raus an die Sonne, mich irgendwo in ein Straßencafe setzen und an nichts mehr denken müssen, während im Zimmer nebenan sein nächster Patient wartet.
"Soll ich Ihnen noch anderes ein Medikament aufschreiben, das man noch ausprobieren könnte?"
"Hm nein, ich denke nicht."
Es scheint mir zu ziellos, planlos.
ER scheint mir zu ziellos, planlos.

"Es gibt nichts mehr, das ich Ihnen noch mit auf den Weg geben könnte", hatte mir vor Jahren eine Therapeutin gesagt. "Nichts, das Sie nicht schon selber wissen. Sie sind reflektiert genug, Sie lassen sich nur zu schnell durch Ihr Umfeld verunsichern."

Wir stehen auf, wir geben einander die Hand und ich sage: "Ich melde mich wieder", und ich weiß schon jetzt, dass ich das nicht tun werde. Möglicherweise weiß er es auch.

Mittwoch, 29. März 2017

"Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot."



Der Mann, den du liebst, verlässt dich eines Tages. Warum, das weißt du vielleicht oder weißt es auch nicht so genau, aber das einzige, worin du dir völlig sicher bist: Es liegt an dir. Es kann nur an dir gelegen haben. Dass du nicht genügt hast, dass du einfach nicht die Eine warst und es im Grunde auch nie sein konntest.
Also kehrst du nach Hause zurück und irgendwann fängst du neu an, lernst jemanden kennen und obwohl du dir nicht sicher bist, wagst du den Sprung und ziehst bereits nach kurzer Zeit mit diesem neuen Mann zusammen.
"Ich will es richtig oder gar nicht", begründest du. "Das Leben ist so, was soll da noch kommen?" fügst du hinzu und zuckst die Schultern.
Du versuchst, dich in deinem neuen Leben zurechtzufinden, einzurichten, und weil die Ablehnung nicht nur von deinem Mann, sondern auch öfter in verschiedenen Jobs kommt, zweifelst du immer mehr an dir und glaubst deinem Mann, wenn er dich beschimpft, verflucht und irgendwann auch zuschlägt. Du glaubst, dass er recht hat, auch wenn du dich zugleich dagegen wehrst.
"Oh Gott, er hat recht, du bist so hässlich", denkst du, wenn du morgens in den Spiegel schaust und an seine Worte denkst: "Dich will sowieso keiner, du fette Sau", und du weißt genau, es spielt gar keine Rolle, ob du gerade dabei bist, in Kleidergröße 34 abzurutschen oder eine 44 trägst. Es spielt einfach keine Rolle.
Du bist ein liebevoller Mensch, der das, was er tut, auch gern tun möchte. Der gerne Überraschungen bereitet und es seinen Liebsten einfach nur schön machen möchte. Aber du kannst nicht verhindern, dass das, was er dir ständig sagt und was er tut, an dir nagt, dich immer kleiner, wertloser, unbedeutender fühlen lässt und sich deine Mundwinkel mit jedem weiteren Jahr immer mehr nach unten neigen.
Du glaubst, dass das gemeinsame Kind etwas in ihm verändern könnte, und du glaubst, dass du es mit diesem Kind auch schaffst, dich zu beweisen, am meisten vor ihm. Vermutlich weißt du noch nicht, dass es egal ist, was du tust und wie viel du tust. Vermutlich ist das Problem, dass er sich dir unterlegen fühlt. Und während er bemüht ist, dich weit unter ihn zu stellen, zeigst du ihm nicht nur, sondern sagst ihm auch, dass er einfach nichts kann, weder im Haushalt noch im Umgang mit dem Kind.
Wenn er sich nachts auf dich rollt, schließt du die Augen und denkst, dass du gerade eigentlich und am liebsten ganz woanders wärst - und sowieso auch mit jemandem anderen. Es ist egal wer, Hauptsache einer, der viel mehr Liebe in Dein Leben bringt. Du träumst von einem anderen Leben, einem einfacheren Leben, in dem du nicht schon zu Beginn des Monats weißt, dass dein Geld nicht reichen wird für dich und das Kind, du den zweiten Job machst, während du in deinem Kopf noch seine Worte hörst, ob du nicht endlich mal den Arsch hochkriegen willst.
Ihr lebt gemeinsam in einem Haus und noch ist dir nicht bewusst, dass du bereits jetzt schon genau das lebst, wovor du im Grunde am meisten Angst hast: allein zu sein. Zu glauben, dass du es allein nicht schaffen wirst. Du weißt noch nicht, dass du es bereits all die Jahre schon allein geschafft hast.
Niemand kann verstehen, warum du bleibst, warum du nicht gehst, warum du nicht springst.
Niemand kann verstehen, dass du erst in dir selbst den Punkt erreichen musst, an dem du sagst: "JETZT ist es genug."
"Dabei ist es schon jetzt genug", sagst du leise, aber was noch in Kopf und Bauch arbeitet, reicht noch nicht aus, den Sprung zu wagen.
Eigentlich möchtest du ganz anders leben, du möchtest Kirschen aus Nachbars Garten klauen und mit Graffiti "Ich wünsche mir für die ganze Welt Frieden" an Häuserwände schreiben.
Du möchtest Cocktails trinken und die Seele baumeln lassen können.
Du möchtest im Regen tanzen, barfuß durch die Pfützen springen und fühlen, wie sehr und wie gerne du lebst.
Aber eigentlich bist du die ganze Zeit immer nur müde und während du bedauerst, dass ein weiterer Tag herum ist, bist du zugleich auch wieder froh, wenn es ein Tag war, an dem man dich in Ruhe gelassen hat.
Und während du nicht verhütest und er bereit ist, dir ein weiteres Kind zu machen, fragt er dich, wie du dir das alles eigentlich vorstellst und wie du das eigentlich alles schaffen willst.
"Ich hab mir schon immer zwei Kinder gewünscht. Eigentlich wollte ich immer vier Kinder."
"Ich auch. Aber ich habe R. zu spät kennen gelernt. Mit ihm hätte ich mir alles vorstellen können, mit dem anderen nicht."

Fassungslos rühre ich in meinem Milchkaffee.

Dienstag, 28. März 2017

Die Affäre

Meine Finger sind schon seit einigen Tagen wieder befreit von den Tapes, der Hausarzt ratlos ob der Blutwerte, das Rezept ist eingelöst und hat bislang zumindest erreicht, dass ich Stifte nicht nur halten, sondern auch wieder schreiben kann. Zwar benötige ich für diesen Blog keinen Stift, aber... ach egal.

Aufmerksam geworden durch diesen Post von Anna haben der Mann und ich (mehr ich als er) jedenfalls die letzten Abende der nicht ausgelebten Fingerfertigkeiten genutzt, uns auf das Sofa zu lümmeln und zwischen Kräckern und Weißwein eine Folge nach der anderen aus "The Affair" reinzuziehen.


In den bisherigen 3 Staffeln wird die Geschichte eines vierfachen Familienvaters erzählt, hauptberuflich Lehrer, nebenbei seit Jahren versuchter Schriftsteller, der nie richtig Erfolg hat - bis er im Familienurlaub einer junge Frau begegnet, ebenfalls verheiratet, deren einziges Kind beim Baden ertrank. Mit der er eine Affäre beginnt (okay, da sind sie sich beide nicht einig, wer hier wen verführt hatte) und die ihn damit zu einem Buch mit fiktivem Ende inspiriert, das - natürlich - irgendwann zu einem Bestseller wird.
Ihre Geschichte, anfangs erzählt aus jeweils ihrer und aus seiner Sicht mit kurzen Einblendungen des Verhörs auf dem Polizeipräsidium, erschien zunächst gewöhnungsbedürftig, später jedoch interessanter, weil man einfach wissen wollte, worum es konkret eigentlich ging und wer nun der Mörder war. Und weil man alles irgendwie nachvollziehen konnte.
Es war der Mann, der bereits während der 1. Staffel gähnte: "Das ist mir zu langweilig" und zu Bett ging, während ich ganz gespannt bis in die Nacht hinein schaute. Die Psychologie eines Menschen interessiert mich, reizt mich, fasziniert mich - oder stößt mich auch ab.
Gleichwohl will ich verstehen, ergründen: Warum macht der Mensch, was er macht, was bringt ihn dazu, und wie viel Untiefe steckt in jedem von uns?

Dass mit Beginn der zweiten Staffel die Erzählepisoden nicht mehr nur aus den Augen der beiden Protagonisten, sondern nunmehr auch aus dem Blickwinkel der jeweils betrogenen Ehepartner dargestellt wurden, empfand ich zunächst als interessant, späterhin jedoch als anstrengend. Inmitten der zweiten und auch inmitten der dritten Staffel ermüdete schließlich auch ich.
Der Fall war gelöst, ein Unschuldiger ging aus Gründen freiwillig in das Gefängnis und ab diesem Moment, wo man denkt, es ist alles vorbei, die Geschichte ist auserzählt, beginnen Nebengeschichten, beginnen neue Geschichten, die im Hinblick auf die eigentliche Story einige elementare Fragen entstehen lassen. Empfanden wir alles immer verworrener, die Figuren immer skurriler und immer weniger nachvollziehbar.

Durch die dritte Staffel habe ich mich insofern eher gequält und verzichte damit auch auf das Schauen der 4., die irgendwann ausgestrahlt werden soll.
Manchmal sind Geschichten einfach auserzählt und dann sollte man es dabei auch belassen, bevor es dröge wird. Sowohl in der Fiktion als auch in der Realität.