Mittwoch, 19. Juli 2017

10,000 Miles



"Was genau liebst du eigentlich an Herrn Blau?" bin ich in den frühen Jahren so oft gefragt worden. Ich bin es so oft und manchmal so hartnäckig gefragt worden, dass ich mich irgendwann ganz verschloss und überhaupt nicht mehr darauf antwortete.
Wir haben uns kennen gelernt, wir wurden nach einigen Wochen ein Paar und wir trennten uns zum ersten Mal nach sechs wundervollen erfüllten Wochen.
Möglicherweise war es einfach nicht der richtige Moment.. Es war das Jahr meiner Trennung vom Ehemann, vom Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und einem Neubeginn, bei dem ich zum allerersten Mal ganz allein und ganz eigenverantwortlich und mit leicht zittrigen Händen einen Mietvertrag unterschrieb. Es war das Jahr des schlimmsten Rosenkriegs, es war das Jahr meines ganz persönlichen Umbruchs und auch eines irrsinnigen Verlustes - und demgegenüber stand ein Mann, der das alles schon hinter sich hatte.
Möglicherweise war es einfach auch nicht der richtige Moment, weil ich irgendwie.. noch gar nicht bei mir selbst angekommen war. Zu sehr reagierte ich auf Einflüsse von außen, zu wenig selbstbestimmt, weil mir einfach nicht klar war, was ich mir wünschte und was ich eigentlich brauchte.

Und dennoch...
Man steht sich gegenüber und es ist... einfach da.
Ein so unwirkliches, nicht zu greifendes Gefühl und zugleich eine Sicherheit, die jeden einzelnen Zentimeter des Körpers durchatmet und die von diesem Moment an völlig Besitz von einem ergreift... Und es endet auch nicht, nur weil sich die Wege trennen, die Gedanken und die Körper sich voneinander lösen und man über Wochen, Monate, manchmal auch ein Jahr lang in völlige Wortlosigkeit versinkt.. Auch dann, wenn es über die Zeit aufhört, sich wie ein inneres Feuer in einem auszubreiten, auch wenn es aufhört wehzutun, innerlich jeden Tag neu so zu verbrennen..
Auch wenn man lacht, obschon man innerlich weint.

"Was genau liebst du denn so an ihm?" Und ich verstand die sich wiederholende, bohrende Frage nicht, die mich irgendwann einfach auch.. bockig werden ließ: Ich liebe ihn nicht für etwas. Nicht für etwas, das er tat, das er tut. Für mich ist Liebe ein Gefühl, das da ist, einfach so, ohne das Zutun, ohne Gründe, ohne Anlass und nicht aus Dankbarkeit für etwas heraus... Es ist einfach da. Ein allumfassendes Gefühl, mit dem ich abends einschlafe und morgens erwache. Mit dem ich in der Nacht erwache, ganz gleich, ob wir beieinander liegen oder auch nicht. Wir kennen uns so viele Jahre, und immer noch erfüllt es mich mit Glück, wenn ich an ihn denke. Immer noch erfüllt es mich mit Vorfreude, wenn ich mich auf den Weg zu ihm begebe. Immer noch liebe ich es, wenn meine Hand in seiner liegt. Wenn seine Hand auf meinem Bein ruht, wenn wir uns irgendwo niedergelassen haben. Ich liebe sein Lächeln, das bis in den kleinsten Winkel seiner Augen kriecht und ich liebe es, wenn wir herumalbern wie die Kinder und uns genauso auch ernsthaft über so viele Dinge unterhalten können. Wir sind weiß Gott nicht immer einer Meinung, und manchmal können wir uns so nachdrücklich darüber auseinandersetzen, dass man wutentbrannt die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt.
Ich liebe ihn, weil mit ihm... einfach alles Spaß macht. Weil sich mit ihm alles so erfüllt anfühlt und mir kaum mehr etwas fehlt, wenn wir zusammen sind. Weil ich mir mit ihm niemals die Frage gestellt habe, ob es so jetzt die nächsten fünfzig Jahre so weitergehen soll und ob es das jetzt war.
Wir sind so viele Wege gegangen, getrennt und gemeinsam, allein und miteinander, und heute frage ich mich nicht mehr, ob das so hatte sein müssen, um bis hierher zu gelangen.
Heute bin ich dankbar, dass wir uns nicht verloren haben in all der Zeit dazwischen.

Vor einigen Tagen hatte er Geburtstag und ich überlegte mir, was ich ihm in ein Kärtchen schreiben wollte. Auch eingedenk der Frage, die er mir unlängst stellte: "Warum liebst du mich eigentlich?" und ich antwortete: "Das weiß ich nicht so genau. Aber ich tue es. Sehr." Und er lächelte dieses wunderbare Lächeln mit diesen Schmunzelecken, an denen ich mich nicht sattsehen kann.
Und weil ich diesen Spruch einige Zeit zuvor gelesen hatte, jedoch eine solche Karte nicht zu kaufen bekam, da malte ich einfach selber eine und schrieb dazu "Die Welt ist schön, weil du mit drauf bist." Und so ist es einfach für mich. Ohne dass ich Gründe dazu brauchte.

Fare the well
My own true love
Farewell for a while 

I'm going away
But I'll be back
Though I go 10,000 Miles...

Donnerstag, 13. Juli 2017

Szenen einer Partnerschaft: Prioritäten!

"Warum legst du das Shirt jetzt auf mein Bett?"
"Ist doch dein Schlafshirt?"
"Das hatte ich vielleicht mal im Büro an? SO schaust du mich an, wenn ich aus dem Haus geh!"
Gähnend strecke ich mich und erkläre gemütlich: "Du hattest heute morgen ein blau-weiß gestreiftes Hemd, dunkle Jeans und braune Schuhe an."
"Hmpffff."
"Und was hatte ich heute morgen an?"
"Du hattest nichts drunter!" 
Besser lassen sich, glaube ich, die Unterschiede zwischen Mann & Frau nicht erklären ;)

Dienstag, 11. Juli 2017

Eine Frage der Authentizität

Ich unterliege, wie vermutlich die meisten Menschen (oder Frauen), der selektiven Wahrnehmung: Das, was mir unter die Haut geht oder was mich auch schlichtweg "nur" interessiert, das speichert sich in meinem Kopf für eine lange, mitunter sehr, sehr lange Zeit.
Es gibt Themen, die liegen mir durchaus im Blut, andere wiederum gar nicht (Mathematik zum Beispiel).
An dem bunten Strauß meiner derzeit favorisierten Blogs fasziniert mich eine gewisse Vielfältigkeit, mit der Menschen von sich oder über sich erzählen. Der eine mehr, der andere weniger.
Und dabei stelle ich immer wieder fest: Menschen interessieren mich. Ihr Auftreten, ihre Handlungsweise, ihre Ansichten - und nicht zuletzt ihre Argumente. Umso mehr, je authentischer sie mir erscheinen.
Und ob nun analytisch denkend oder nicht: Ich will verstehen. Das, was mir begegnet und was mich interessiert, das möchte ich verstehen können. Einfach deshalb, um eigene Blickwinkel zu hinterfragen, zu testen vielleicht auch, manchmal aber auch einfach aus dem Grund heraus, um für mich einen Abschluss für das eine oder andere zu finden. Denn gerade das Verständnis um bestimmte Situationen oder Handlungsweisen ermöglicht mir, mit etwas abschließen, meinen Frieden finden zu können.

Vermutlich setzt das voraus, sich selbst ganz gut zu kennen, sich reflektieren und aber auch sich positionieren zu können. Letzteres vermisse ich aktuell gerade ein wenig in meinem realen Leben. Diese Einstellung "mir doch egal" kann mich ziemlich auf die Palme bringen, ist aber wiederum auch themenabhängig. Denn "ach was, is wurscht" kommt auch mir nicht unbedingt selten über die Lippen.
Ich persönlich glaube ja irgendwie, dass man sich selber nie wirklich hundertprozentig kennt, weil man sich zum einen ja doch immer weiter entwickelt, in welche Richtung auch immer. Und weil einen das Leben andererseits immer wieder mal vor Situationen stellt, die man bis dato nicht kannte und erst mit der eigenen Reaktion erkennt: Das hättsch jetzt vielleicht mal nicht von mir oder ihm/ihr gedacht.
Insofern empfinde ich es als interessant, wenn Menschen sich reflektieren und einen in ihrem Blog daran teilhaben lassen. Solche Beiträge lese ich nicht selten mehrfach, auch dann, wenn ich selber gar nicht oder nur einmal kommentiere. Ich persönlich finde es ziemlich erstaunlich, was die Gedanken bzw. Worte eines anderen, mitunter völlig Fremden in mir selbst auslösen (können).
Der Post von Rain & dem Captn also brachte mich selbst zur Frage, was in dem Falle MIR denn eigentlich mit am wichtigsten sei für das Funktionieren einer Beziehung oder überhaupt in einem Miteinander. Und in einem doch sehr regen Gedankenaustausch via whatsapp mit anderen Bloggern kam ich zu der Erkenntnis: Authentizität. (Neben einigen anderen für mich elementaren Dingen, freilich.)
Aber ich hätte vermutlich nie wirklich beantworten können, WARUM mir das so wichtig ist.
Und diese Erkenntnis überkam mich heute.

In meinem realen Leben gibt es nur sehr, sehr wenige Menschen, denen bzw. deren Urteil oder Einschätzung ich vertraue. Warum das so ist, ist eine verdammt lange, etwas verzweigte Geschichte.
Aber heute empfinde ich so vieles, das ich da oder dort als "Glück" bezeichnet hätte, nicht als etwas, das mir zuteil wurde, weil ich ja ach so toll bin. Sondern weil dies immer mit einer Erwartung an mich verknüpft war: Wer etwas für mich tat, wollte auch etwas dafür. Diese Geschichte vom Gleichgewicht des Nehmens & Gebens lasse ich hier mal beiseite, weil das für mich was ganz Selbstverständliches ist. Aber ich will auf was anderes hinaus: Seit früher Kindheit hat mein Vater mir beigebracht, dass nicht gejammert und nicht gebettelt wird. Das schloss auch ein, nicht um Hilfe zu bitten, sondern zu versuchen, es aus eigener Kraft zu schaffen - oder es eben zu lassen.
Mir ist früher oft vorgeworfen worden, warum ich denn "nicht einfach mal was gesagt" hätte - aber ich konnte es eben nicht. Jedoch spätestens mit meinem Auszug im Jahr 2003 aus der ehelichen Wohnung und dem Versuch, ganz allein neu anzufangen, da realisierte ich mit der Zeit: Ich kann nicht immer alles allein schaffen bzw. ist es mit Hilfe deutlich einfacher - und warum sich alles unnötig schwerer machen als es sein musste? Also begann ich um Hilfe zu bitten... Je freier ich mich fühlte, desto mehr Menschen lernte ich auch kennen - nicht, um sie eines Tages um etwas bitten zu dürfen. Aber ich fand das irgendwie ein klasse Gefühl, viele Menschen zu kennen und so im Bedarfsfall den einen oder anderen zu haben, den man um Rat oder Hilfe bitten konnte.

Und das hab ich fast immer schwer bereut. Aus den verschiedensten Gründen heraus. Weil entweder Erzähltes später gegen mich gerichtet wurde. Weil Hilfeleistungen mir vorgehalten bzw. vorgerechnet wurden. Oder weil ich mich emotional erpressen ließ: Ich war für dich da und jetzt musst du für mich da sein, egal, was das für dich bedeutet und auch wenn dann mal nachts die Polizei in deinem Zimmer hockt und dich fragt, ob du eventuell einen Arzt brauchst. Missbrauch von Freundschaft und Loyalität, Unaufrichtigkeit zu Selbstzwecken, Illoyalität und einfach auch... Verrat.
Das ist alles nichts Neues, das ist auch nichts, das es nicht schon immer gab - aber was es mit jedem Einzelnen macht, ist eben individuell. Der eine schluckts und schüttelts ab, der andere ist geprägt für eine lange Zeit - oder für immer.

Ich will glauben können. Ich will das, was man zu mir ganz persönlich sagt, glauben können - aber ich kann es nicht. Selbst Herr Blau ist manchmal genervt: "Warum hinterfragst du immer alles? Warum kannst du das, was ich sage, nicht einfach auch mal so stehen lassen?"
"Weil ich dir zuhöre. Und weil ich das, was du sagst, verstehen will. So wie du es auch meinst und nicht so, wie ich es vielleicht interpretiere. Ist doch nichts Schlimmes?"
"Nein, aber anstrengend."

Komplimente machen mich verlegen, dann albere ich herum und lenke vom Augenblick ab. Weil ich mich damit einfach nicht wohl fühle. Weil ich sie auch nicht glaube.
Auch das ist begründet in vielen persönlichen Erfahrungen - aber ich denke, es hängt schon auch mit meiner eigenen nordischen Mentalität zusammen: Übertreibungen machen mich sofort argwöhnisch, und man kann mich persönlich mit so großartigen Worten und Dingen auch nicht beeindrucken. Im Gegenteil, sie erschrecken mich. Wenn beispielsweise manche so sagen: "Für ein Wochenende entführ ich dich nach New York, Rio, Tokio", dann erschreckt es mich. Ich fands viel cooler, in einem klapprigen Auto nach Berlin auf eine Pizza und einen Milchkaffee zu fahren. Was damals immerhin zweimal zweihundert Kilometer an einem Nachmittag bedeutete. Ökonomisch schwachsinnig - aber geiles Lebensgefühl.

Mir ist durchaus bewusst, dass man gerade im Netz keine Authentizität erhoffen kann. Weder in Blogs noch auf Onlineportalen. Jedoch hat mir insbesondere das Netz gezeigt, wie wichtig genau das mir ist.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Über tausend Umwege...


...gelangte ich über einen aktuellen zu einem "Uralt-Post" von Goldi, der mich seither.. sagen wir.. ein wenig beschäftigt. Die Exklusivität des Liebens; kann sein, wir hatten dieses Thema einst schon.
Ich hab vielleicht nie so wirklich darüber nachgedacht, ob ich mich selbst oder den Mann neben mir einschränke, ich habe mir vielleicht auch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ob ich andere Männer oder ob er andere Frauen braucht. Vielleicht musste ich ja auch nie darüber nachdenken, weil es nie ein Thema für uns war?

Ich bin nun keine siebzehn, keine zwanzig und auch keine dreißig mehr - jedoch tief in mir bin ich noch immer das Blumenmädchen geblieben, das an die Liebe glaubt und dafür auch lebt.
Ich liebe es, in mir das Gefühl erweckt zu bekommen, ständig zu singen, obwohl ich es gar nicht kann, beim Essen zubereiten, im Auto; ständig herumzutanzen, obwohl gerade ich mit meinen eckigen Bewegungen es überhaupt gar nicht kann; ich liebe es, in mir das Gefühl erweckt zu bekommen, dass alles frei und unbeschwert sein kann - auch wenn es das Leben oftmals eben nicht ist.
Ich liebe es, wenn der Mann heimkommt, zu mir nach Hause kommt, nicht aus Verpflichtung, sondern weil er es genau so will, ohne dass er nach einer anderen Frau riecht oder schmeckt. Natürlich kann ich nicht sagen, ob oder an wen er denkt, wenn wir uns berühren, aber ich kann sagen, dass ich ausschließlich an ihn denke, wenn ich ihn berühre, wenn wir beieinander liegen, wenn ich nachts auf seinen Atem lausche und meine Hand auf seinem Bauch ruht. Wenn ich meinen Kopf an seinen Rücken lehne, seine Silhouette wahrnehme, die Ruhe, die Stille, die Geborgenheit des dunklen Zimmers, seinen Herzschlag an meinem Ohr fühle und mit diesem... die Endlichkeit des Seins und die Unendlichkeit des Liebens begreife...
Das sind Momente, die ich niemandem anderen abspreche, der für sich sagt, dass er neben seinem Partner auch den Sex mit anderen Menschen braucht. Aber das sind für mich so persönliche, intime Momente, die ich einfach... mit niemandem anderen teilen kann.. nicht teilen mag..
Nein, ich denke nicht, ich fühle nicht und ich beanspruche den Mann nicht als meinen Besitz.
Er ist genauso frei wie ich es bin und wir sind genauso frei wie wir es sein möchten.
Würde er mir eines Tages Wünsche offenbaren, die sich auf Dritte erstrecken, dann würde ich es ihn tun lassen... Aber ich würde ihn dann auch gehen lassen... Ich möchte nicht, dass er auf etwas verzichtet, nur weil ich es nicht mittragen kann.. Ich möchte nicht, dass er sich in etwas ergibt, das nur mich glücklich macht. Was gäbe es mir? Nur ich.. Ich könnte dann nicht mehr mit ihm sein. Es ist schwer zu erklären, jedoch.. All die Dinge, die mir so viel bedeuten, die mir im Miteinander so unendlich viel bedeuten.. ich könnte sie nicht mehr auf eine besondere Weise empfinden und nicht mehr mit ihm teilen. Es ginge einfach nicht mehr.. Der Zauber wäre zerstört. Für mich ganz persönlich wäre er zerstört.
Der Zauber meiner eigenen, persönlichen Vorstellung von der Liebe zueinander. Und ja, das ist auch meine eigene, ganz persönliche Vorstellung - und diese zwinge ich niemandem auf. Niemand ist gezwungen, sein Leben mit mir zu teilen, ich kann auch sehr gut allein leben - oder mit jemandem, dessen Lebensart der meinen so ähnlich ist..

Insofern Goldi... Nein, ich habe keine Angst vor sexuellen Abenteuern meines Partners, weil ich anschließend bezweifelte, ob ich ihm dann noch genügen würde. Oder dass ich mich fragen würde, wie die andere war.. Das würde ja im Umkehrschluss auch bedeuten, dass man den aktuellen Mensch mit Liebespartnern zuvor vergleicht. Wie andere das machen, weiß ich nicht - ich vergleiche nicht. Was war, das war. Was ich anfangs vielleicht eher "vergleiche", ist maximal, wie ich mich fühle, ob ich mich glücklich und geliebt und wertgeschätzt fühle.. Und ob ich das Gefühl habe, genau da zu sein, wo ich immer hinwollte.. Das Gefühl zu haben, genau hier sein zu wollen, mit ihm und niemandem anderen..
Ich würde deshalb auch nicht aufhören, ihn zu lieben. Aber zusammen sein.. könnte ich mit ihm einfach nicht mehr.

Heute Nacht ist mein Kopf, mein Bauch voller streichelzarter Musik. Und ich mag das sehr, dieses Lebensgefühl. Die Leichtigkeit eines Mädchens auf jener Schaukel....

The Point of no Return



Ich persönlich bin der Überzeugung: Man lernt die Menschen erst dann wirklich kennen, wenn man sich trennt. Erst dann weißt Du, wen Du wirklich all die Jahre begleitet hast - und mit wem Du es wirklich all die Zeit zu tun hattest.

Ich weiß, nach all der Zeit sollte es das nicht - aber die menschlichen Abgründe schockieren mich. Noch immer.

Eigentlich bin ich ein Fan von melodischer, melancholischer, auch Streichel-Musik. Dieser Tage aber habe ich etwas "Härteres" gebraucht, um wieder in mein Gleichgewicht zu kommen.

Ein Mann denkt ja gerne, dass eine Frau von heute auf morgen geht. Ich kenne keine, die das so tat. Jede hat gekämpft - fast immer jahrelang. Er hat es nur nicht bemerkt.

Montag, 26. Juni 2017

Tage der Entscheidungen



Auf meinem Schreibtisch steht seit dem letzten Weihnachten ein Kalender. Zumeist entfällt es mir, die Wochenblätter rechtzeitig umzuwenden, jedoch ist mir aufgefallen, dass sehr, sehr oft der jeweilige Wochengedanke auf genau diesen Moment in meinem Leben passte.
Gedankenverloren habe ich heute Abend ein wenig darin herumgeblättert, nicht vorgeblättert, nein, nur zurück - und dann fiel mir dieses Kalenderblatt sozusagen in die Hände, vor die Augen, vor die Füße - und ich musste lächeln. Sehr sehr breit lächeln.

Ich vermag gar nicht mehr zu zählen, wie oft mir gesagt wurde, dass ich zu sehr träume. Dass ich zu sehr rosarot empfinde. Dass ich zu sehr an Dinge glaube, die hoffnungslos sind.
Was wissen die Menschen schon... Nichts, gar nichts. All die Realisten, Zyniker, Hoffnungslosen, die glauben, es gäbe selbst in einer Welt wie dieser keinen Platz mehr für Träume und Hoffnungen...
All die Alphawesen, die immer nur rastlos vorwärts wollen und gnadenlos zur Seite schieben, was ihrer Meinung nach Entwicklungen nur aufhalten oder unnötig behindern würde, und von denen man wiederum sagt, sie müssten immer beschäftigt sein, weil sie nur Angst vor dem hätten, was die Ruhe mit sich brächte..

Es ist mir auch entfallen, wie oft mir mein eigenes Leben beibrachte, dass Gutes manchmal einfach nur Zeit braucht. Vielleicht gibt es ihn nicht, den sogenannten "richtigen Moment" - aber es gibt ein Bauchgefühl. Never mess with the Bauchgefühl - las ich erst unlängst in einem anderen Blog, und selbst wenn diese Worte mit einem so ganz anderen Gedanken aufgeschrieben wurden, so denke ich an diesem wunderbaren Sommerabend einmal mehr daran, während ich mich zurücklehne, auf bereits Geschriebenes schaue, den eisgekühlten Rosé vermisse, den ich grad nicht habe - und ich spüre mich lächeln... Das Lächeln auf mir und wie es sich in mir ausbreitet, ruhig, friedlich - und ganz weit und tief.

Vor einiger Zeit erzählte ich von meinem Jungen. Ganz woanders ganz anderen Menschen - und jemand antwortete mir: "Man denkt immer, was für ein anstrengendes Leben und jetzt muss es aber doch leichter werden. Aber das wird es irgendwie nicht." Doch wer ihn kennt, der weiß im Grunde, dass er.. einfach nur Zeit braucht. Als er vor über zwei Jahren zu uns in die Firma kam, war ich erleichtert - und fühlte dennoch zugleich keine wirkliche Erleichterung. Ohne dies hätte zu begründen gewusst. Es war einfach da... das Bauchgefühl. Heute, zwei Jahre, einen Monat und vierzehn Tage später weiß ich es: Er war bei uns nicht angekommen, nicht aufgehoben - und nicht anerkannt.
In einer Woche beginnt er ein Praktikum in einem Sozialunternehmen und wenn er sich bewährt, bekommt er zum 1. August einen neuen Job. Als wir vor etwa vier Wochen die Bewerbungsunterlagen zusammenstellten, die er gleich persönlich überbrachte, und dann so lange nichts mehr davon hörten, fürchteten wir ein wenig, dass jetzt auch nichts mehr käme. Dafür setzten wir andere Dinge in Bewegung. Bis letzte Woche der Anruf kam, das Gespräch folgte und man ihm am Ende erklärte: Erst ein Praktikum und wenn, dann ab 1. August.
Ich habe ihn vor Freude umarmt, an mich gedrückt, fett auf die Wange geküsst und er verdrehte schmunzelnd die Augen: "Jetzt geht DAS wieder los!" Wir haben uns beide einfach wahnsinnig gefreut, weil es eine Chance ist, die sich für unser beider Bauchgefühl einfach nur.. richtig anfühlt. Weil es einfach auch ein Job ist, der sich für IHN, für sein soziales Wesen richtig anfühlt. Diesmal ist es so, damals war es das einfach nicht, und nun wünsche ich ihm so sehr, dass ihm dieser Sprung nun auch gelingen möge.
Der Jüngere hingegen entschied sich trotz des noch laufenden Auswahlverfahrens für ein Ende bei der Bundeswehr. Ab 1. Juli ist dort Schluss und ob im September die Ausbildung bei der Polizei beginnen würde, war noch immer unklar. Alle Prüfungen abgelegt und bestanden - doch dann entscheidet ab dem 1. Juni immer noch ein Ranking, wer angenommen wird und wer nicht.
275 Auszubildende soll es in diesem Jahr in diesem Bundesland geben - und seit heute belegt er... Platz 275! Von Platz 306 Ende Mai bis heute immer mal ein, zwei oder auch vier Plätze am Tag gerutscht - und nun hat er erreicht, was er so lange schon wollte.

Ich erinnere mich noch, wie oft ich in den letzten Jahren hörte "Wie lange soll denn das noch gehen, wie lange willst du deine Jungs denn noch finanzieren, die sollen endlich einen richtigen Job suchen und Geld verdienen." Nur.. So einfach ist es eben nicht immer, wenn man die individuellen Eigenschaften mit berücksichtigt. Nicht jeder ist eben ein Alphatier - und muss es aber auch nicht sein. An sie zu glauben, davon habe ich mich dennoch niemals abbringen lassen. Und alles für ihre Träume zu tun, solange sie nicht ziellos, planlos durchs Leben tingelten und sich auf meiner Unterstützung ausruhten, würde ich alles, einfach alles dafür geben, damit sie den Weg in ihrem Leben finden, den sie immer gehen wollten.
"Sag mir, wovon du träumst und dann sag mir, was ich dazu tun kann."
Diese Worte vor vielen Jahren, an mich gerichtet, vergesse ich mein Leben lang nicht. Weil das eine Lebenseinstellung beschreibt, die der meinen so sehr ähnlich ist. Dieses bedingungslose Glauben an einen. Wie oft hat mich allein dieses Gefühl, allein dieser Gedanke wieder auf die Füße gestellt, auch als sich die Wege längst getrennt hatten.

Lieber Rain, falls Du das hier liest: Auf Deinen letzten Kommentar habe ich nicht geantwortet, weil ich seither über Deine Worte nachdachte und mir nicht sicher war darin, was ich darauf antworten wollte. Weil ich nicht sicher bin, ob ich sie so unterschreiben wollen würde.
Ich bin nicht sicher, ob nur Menschen, die Kinder haben, bedingungslose Liebe empfinden können. Weil eben auch nicht jeder, der Kinder hat, bedingungslos lieben kann.

"They say
love is blind.
I disagree.
Infatuation is blind.
Love is all-seeing
and accepting."


Irgendwie fühle ich meine Worte bestätigt, die ich vor längerer Zeit in meine Facebook-Chronik schrieb "Jeder sollte jemanden haben, der bedingungslos an einen glaubt." Der einem nicht permanent sagt, was er alles nicht kann und dass seine Wege nur ins Nichts führen werden. Der einem nicht jegliches Selbstvertrauen nimmt und davon ausgeht, dass nur er selber alles richtig sehen und tun würde. Weil ich selber an mir erlebe, wie unglaublich es mich beflügelt, bestärkt und mich auch heute jeden Morgen die Augen öffnen und mich fragen lässt, was der Tag heute denn Schönes für mich bereithalten würde. Und mich nicht stattdessen frage, ob und wie ich mit dem Schmerzpegel durch den Tag komme.

Und darum, liebe L., hast auch Du alles, einfach alles richtig gemacht. Auch wenn mich die Endkonsequenz dieser Tage noch immer erschüttert.

Und darum, liebe J., wirst auch Du Deinen Weg finden. Dann, wenn DU weißt: Genau jetzt.

Man darf alles - nur nicht aufgeben. Und seine Richtung ändern ist kein Aufgeben.


Donnerstag, 8. Juni 2017