Mittwoch, 7. Dezember 2016

Ich will doch nur spiel'n!

Letztens las ich irgendwo, dass nicht Facebook, Twitter & Co. die schlimmsten Enthüllungsmonster seien - sondern Vierjährige im Kindergarten.
Einem Spontanprusten unterlegen, hätte ich beinah das köstlichste aller guten-Morgen-Getränke verschüttet - in Erinnerung an meinen Vater, der diesen Satz vermutlich nicht nur doppelt und dreifach unterstrichen, sondern auch mit tonaler Vehemenz (ausreichend bis zum Stadtrand, ach nee, da wohnense ja, als sagen wir: bis zur Stadtmitte) bekräftigt hätte.
Meine Mama - Zeit ihres Lebens Erzieherin - hat, glaube ich, zwei Kardinalsfehler in ihrem Leben begangen: eine redselige Tochter zu bekommen und diese dann auch noch mit in ihren Kindergarten zu nehmen. Dass sie mich nicht in ihrer, sondern in der Gruppe ihrer Kollegin unterbrachte, war möglicherweise ein dritter Kardinalsfehler. Ich weiß heute nicht mehr, wie oft diese Erzieherin zu meiner Mutter schritt: "Sag mal, was war denn bei euch los, Helma hat da sowas erzählt?!" Ich weiß demzufolge auch nicht mehr, wie oft meine Mutter puterrot nach Ausreden gesucht und mein Vater abends die Augen verdreht und entnervt ausgeatmet hat: "Man kann sich ja nirgendwo mehr blicken lassen!"

Und weil ich auch heute noch dann und wann ganz gerne erzähle (lustigerweise im Blog mehr als im Realen, nu ja, immerhin), war dies jetzt die - zugegeben etwas längere - Einleitung zu dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Nämlich was über meine Eltern.

Meine Mama ist ein Spieljunkie. Also nicht für Geld, das hat sie nie gemacht, wird sie auch nie. Aber Spielen just for fun ist einfach ihr Ding. Unzählige Abende und mitunter auch halbe Nächte haben wir "Mensch ärgere dich nicht" oder Rommé oder Bridge gespielt. Dann - vor rund 15 Jahren - hielt bei Ziggenheimers sen. der erste Computer Einzug - und mit Solitär fing dann alles erst so richtig an. Sie hat sich auch übrigens geschätzte zehn Mal bei Günter Jauch beworben. Eine Antwort ist leider nie gekommen. Und Lotto - ach, von Lotto muss ich nix erzählen. Aber da sind sich beide auch einig: Lotto muss.
Sie waren sich überhaupt in der Hinsicht meist einig: Der Papa schaut Fußball oder Dokumentationen aus Fauna und Flora und die Mama sitzt am PC und zockt. Der Papa hatte vielleicht nur nicht bedacht, dass die Mama dann NUR noch zocken würde.
"Ja wo soll deine Mutter schon sein? Am PC natürlich!" hat er zu oft entnervt ins Telefon geschrien, "ich kann froh sein, wenn ich hier noch was zu essen kriege!"
Die Mama hat gnädig lächelnd abgewunken: "Was regst du dich so auf? Du spielst ja nicht mit mir."
(Ich glaube, ich bin Mamas Kind!)
"JA und du weißt auch ganz genau, wieso!" hat er sich dann erst recht in Rage geschäumt.
Und dann lacht die Mama nur noch - genauso wie ich am anderen Ende der Leitung.

Es muss um die 20 - 25 Jahre (ja tatsächlich!) her sein, da saßen die Mama und der Papa abends gemütlich beim "Mensch ärgere dich nicht". Der Papa brachte drei seiner Kegel ins Häuschen, während die Mama drei ihrer Kegel noch nicht mal ins Spiel bringen konnte. Der letzte Kegel vom Papa stand vorm Häuschen und was ihm zu seinem Sieg noch fehlte, war der Würfel mit ner Eins. Siegessicher hat er gezählt: "Das schaffst du nie! Du müsstest jetzt drei Sechser und einen Fünfer würfeln, um mich hier rauszuschmeißen, aber eh du da bist, bin ich schon drin!"
Und die Mama würfelte.
Die erste Sechs.
Die zweite Sechs. (Da wurde der Papa leicht nervös.)
Die dritte Sechs. (Ich vermute leichten Blasenschlag des Papa-Blutes in den Adern.)
Als die Fünf kam, packte der Papa das Brett und warf es in so hohem Bogen in die Zimmerecke, dass noch Jahre später Kegel wiedergefunden wurden.
"DAS IST BETRUG!!" hat er gebrüllt und noch so einiges anderes, das ich trotz aller Schwatzhaftigkeit hier gar nicht wiedergeben möchte.
Die Mama hat sich gelassen amüsiert: "Ich glaube, du hast den Sinn des Spiels nicht verstanden."
(Ich BIN ihre Tochter!)

Fakt ist: Er hat seither kein Brettspiel mehr angefasst.
Und wir haben der Mama vor zwei Jahren ein Tablet zu Weihnachten geschenkt und ihr erklärt, wie sie damit sowohl offline als auch online spielen kann. Sie muss ja schließlich mit der Zeit gehen - auch beim Spielen.
Und unabhängig sein. Ich habe es bewusst vermieden, mich zu fragen, wie oft der Vater wohl seine drei Kinder verflucht hat. Zu essen wird er wohl immer noch bekommen haben, er sieht zumindest ganz danach aus!

Montag, 5. Dezember 2016

Szenen einer Partnerschaft: Reine Auslegungssache!

Ich gestehe: Unser Haus bleibt trotz aller Liebe zur Vorweihnachtszeit weitestgehend befreit von Klimbim und sonstigem Gedöns. Selbst mir als bezeichnende Liebhaberin des IKEA-Styles ist an dieser Stelle Weniger einfach Mehr - und Lichterketten zum Beispiel, die ein rastloses Hin und Her spielen, machen mich regelrecht aggressiv. 

Zu unserer Vorliebe gehört - wie kann es anders sein - ein gut gefüllter Adventskalender. Wir hatten sogar mal Marke Eigenbau, aber der hatte lediglich das 1. Jahr überstanden.. Im 2. Jahr hing er - zugegeben - eher nur noch als Deko an der Wand und ab dem 3. Jahr ward er nimmermehr gesehen.
Dafür schmückt in diesem Jahr der von Herrn Blau eigenhändig gekaufte, typisch bayrische Kalender, wo es leider keine Schokolade gibt, sondern Lose. 
"YEAAAAAHH!!" ging ich schreiend in Siegerpose, nachdem ich mit dem 4. Los satte zehn Euro Gewinn eingefahren hatte. "Das sind ja mindestens ZWEEIII Latte!"
Herr Blau hat leicht merkwürdig geschaut und dann gemeint: "Ne, ich würde eher sagen, das ist knapp die Hälfte des Kalenders wieder rein."
Ups. Okay. Na gut.





Donnerstag, 1. Dezember 2016

Da wird man glatt e bissl wie verrückt!

Quelle:
http://www.leipzig-leben.de/wp-content/uploads/2014/05/Hotel-Seeblick-Leipzig-e1470042820466.jpg

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass ein Mensch bis zu 7 Doppelgänger in der Welt hat. Ich fände es ja faszinierend, wirklich, wenn ich wenigstens mal einem von ihnen begegnen würde!
Ich fände es faszinierend, mich zu sehen - neben mir stehend, vor mir, agierend oder auch verweilend.
Ich fände es soooo spannend!
Leider hatte ich das Glück bislang nicht.
Und habe mich sehr amüsiert über einen Online-Suchtest, der mir bescheinigte: "Du bist leider mit niemandem vergleichbar." Kann man ja durchaus auch positiv sehen und erinnerte mich an den Dialog vor Jahren mit einem ehemaligen Kollegen, zu dem ich sagte: "Ich bin ein Unikat!" Er lachte und zwinkerte: "Ein Unikum, vielleicht!"

Heute Abend wollte ich ja aber eigentlich über etwas ganz anderes schreiben. Über die Begegnung mit meiner Freundin, die ich viel zu lange nicht mehr gesehen hatte.
Und weil ich auch nicht so der Freak bin, der stets und ständig und überall sein Essen oder Trinken fotografiert und via Facebook zum Beispiel in der Welt verteilt, habe ich es eher auch genossen, lediglich die Weißweinschorlen zu erheben, auf ihr Wohl anzustoßen - und ein Erinnerungsfoto glatt vergessen.
Also dachte ich, auch nicht schlimm, googel dir ein cooles Foto und schreib was dazu.
Und irgendwann blieb mir fast mein holperndes Herz stehen: "Bin das auf dem Foto da nicht ich??"
Ich meine, du guckst da so im Internet rum und dann fällst du buchstäblich über irgendein Foto aus dem Internet, das nicht ich da reingestellt habe - und das ich bis heute Abend auch nicht kannte!
Ich kenne nicht mal die Lokalität!
Natürlich habe ich diese erst mal gegoogelt, wo genau ist die, ist das überhaupt meine "Einflugschneise" und von wann ist dieses Foto?
Zumindest wurde es im Mai 2014 hochgeladen.
Zumindest ist es meine einstige Einflugschneise gewesen.
Aber ich kann mich nicht erinnern, je dort gewesen zu sein. Ich kann mich des Interieurs nicht erinnern! Zwar binde oder stecke ich das Haar oft zu einem Knoten zusammen, für gewöhnlich aber nicht auf die abgebildete Art & Weise. So'n Oma-Dutt - nääää - ich doch nicht! Außer... Doch... Warte mal, da war doch was... Diese komischen Haardonuts, Frauen kennen das, so ein Teil habe ich doch auch mal ausprobiert. Was weiß ich denn, ob das im Mai 2014 war?? Ich weiß ja nicht mal, was gestern alles los war! Ich weiß ja nicht mal mehr, was ich Sonntag zu Abend aß!
Trotzdem kann ich mich von diesem Foto nicht lösen... Diese Haltung, dieses Profil... So seh ich - meine ich zumindest - immer aus, wenn ich eine Speisekarte studiere!
Ich halbblindes, halbbetrunkenes Huhn habe das Bild nun auf satte vierhundert Prozent vergrößert - und ich würde in meiner Weißweinseligkeit beschwören: Ey, das bin doch ich?
Wer hat das fotografiert - wer hat mich da fotografiert - und wer stellt sowas ungefragt ins Internet!?
Was mache ich da und wieso bin ich da alleine?
Wie zum Teufel komm ich da hin??

Oder bin ich es am Ende doch nicht - und ich habe endlich eine von den 7 gefunden?
Weil - wichtigstes Indiz: Vor mir steht kein Kaffee, sondern offensichtlich Tee! Das kann also ja gar nicht ich sein! Oder?

Ich glaub, ich dreh durch :D

Mittwoch, 30. November 2016

Die Zigge, das Schaf?

Quelle:
https://image.spreadshirtmedia.net/image-server/v1/compositions/121342047/views/2,width=300,height=300,appearanceId=448,version=1438848142/ohmmmm-schaf-schafe-pullover-hoodies-kapuzenjacke-von-american-apparel.jpg

Es ist Mittwoch morgen und im Zimmer nebenan steht die Reisetasche, geöffnet, aber noch leer.
Wozu mir in den vergangenen Tagen die Muße und manchmal einfach auch die Zeit fehlte, das versuche ich jetzt in die verbleibenden zwei Stunden bis zur Abreise zu pressen.
Die Wäsche waschen.
Die Bügelwäsche sortieren.
Ein bisschen Ordnung hier und da.
Die Arbeitsunterlagen sortieren, damit ich nichts vergesse für die beiden Tage im Büro.
Und obschon ich eigentlich damit genug zu erledigen hätte, sitze ich hier und... außer dass die Waschmaschine grummelt, passiert hier in genau diesem Moment... nichts.

Manchmal ärgert man sich über so kleine Dinge. Winzigkeiten. Eigentlich nicht der Rede wert.

Über das Geburtstagspaket, das eine Woche unterwegs war - und zu spät kam.

Über eine Schneiderei, bei denen man im August einen Übergangsmantel bestellte, bezahlte - und dass nach über drei Monaten Wartezeit der Verkäufer die Kommunikation inzwischen vollständig einstellte - und seinen Shop leerräumte.

Man ärgert sich über unberechtigte Abbuchungen, unberechtigte Mahnungen, unberechtigtes Vogel-zeigen auf der Straße und und und.
Dann sitzt man daheim, vergrießgnaddelt, stumm wie ein Fisch und geht zeitig zu Bett, weil einen die ganze Welt anödet und sowieso und überhaupt irgendwie alles scheiße ist.

Aber... Ich weiß manchmal nicht so genau... Was bin ich eigentlich, wenn mich solche Sachen weder ärgern noch runterziehen? Wenn ich einfach nur gucke, dass ich den PipiFax hinter mir lassen kann? Dafür geduldig auch mal ein paar Tage warte? Dass ich in den meisten Fällen schon darauf vertraue, dass sich eine Lösung finden lässt? Und entsprechend gelassen bleibe?
Bin ich dann ein naives Schaf oder Dummchen oder was-weiß-ich?
Ich sag ja nicht, dass mir immer nur die Sonne aus dem Allerwertesten scheint, dass nicht auch ich mal genervt und gereizt wäre oder mich Dinge auf die Palme bringen, über die ich an anderen Tagen einfach nur lachen würde.
Doch oft, so im Alltag und im allgemeinen, frage ich mich schon immer wieder, worüber der Mensch sich alles so aufregen kann, wovon der Mensch alles so genervt sein kann - und frage mich, ob das manchmal nicht einfach.. unnötig war? Dass man sich selbst den Tag, den Abend oder auch zwei davon verdarb, obwohl man eigentlich was ganz anderes vorhatte?

Über das Geburtstagspaket hat der Papa sich richtig gefreut - und das ist doch dann die Hauptsache, oder?

Wenn der Verkäufer nicht mehr reagiert und auch den bestellten Mantel nicht schneidert und schickt, ja dann bedient man eben den Käuferschutz von paypal (nie wieder im Internet in Shops, die man nicht kennt, ohne paypal bezahlen - das war jetzt das zweite Mal - zu meinem Glück im "Unglück"). Da nimmt man auch eine weitere Frist von rund 14 Tagen in Kauf, in denen paypal mit dem Verkäufer nach einer Einigung sucht - und an dessen Ende letztlich das Geld erst mal zurückgebucht wurde.
Das ist doch dann auch die Hauptsache, oder? Dass man es überhaupt zurückbekommt... Ist ja auch nicht so, dass man keine Wäsche für den Übergang vom Herbst zum Winter hätte!
Fürs nächste Mal weiß mans besser - und dann gibt es ja auch immer noch die Möglichkeit des Bewertens. Die ich auch genutzt habe ;)

Unberechtigte Mahnungen kann man innerhalb von Minuten telefonisch klären - und als Entschädigung einen Gutschein entgegennehmen.
Unberechtigte Abbuchungen kann man auch telefonisch klären - aber das kommt ja tatsächlich seltener vor.
Unberechtigtes Vogel-zeigen - ach Gottchen, da lach ich doch drüber. Was kann ich dafür, dass andere die StVO nicht beherrschen und nicht wissen, dass man vor einem Spurwechsel erst mal blinkt UND schaut, ob da jemand neben mir ist?

Empfinde ich das nur so oder ist es tatsächlich unsere Gesellschaft, die immer anspruchsvoller wird, diese Ansprüche nicht erfüllt bekommt oder sieht - und an allem und jedem nur noch rumnörgelt und rummeckert? Dass wir nicht mehr allein zufrieden mit Erreichtem sind, dass gleich immer noch mehr sein muss - und das bitte nach unseren Vorstellungen und Werten?
Na klar gibt es Arschlochmenschen - hat es immer gegeben und wird es auch immer geben.
Aber ich muss mich ja nicht mit jedem davon befassen oder mich damit auseinandersetzen. Ich kann ja trotzdem freundlich lächeln und denken "Fick dich, Arschfotzenkopf!"
(Ja, ich habe das jetzt ganz bewusst ausformuliert und nicht in beep-Zeichen gesetzt.)
Ich muss ja auch nicht alles und jedes an mich heranlassen - und zu oft nimmt man doch persönlich, das gar nicht so gemeint war. (Ich gebe aber zu, dass dies eine Kunst ist, in der ich immer noch lernfähig bin ;))

Manchmal wünschte ich mir einfach ein bisschen mehr Gelassenheit.
Damit man nicht nachdenklich den Lippenstift in der Hand betrachtet und sich fragt, ob man jetzt noch eine Nachricht auf dem Spiegel hinterlassen möchte.


Dienstag, 29. November 2016

In Wortlosigkeit



Vielleicht wollte ich hiermit etwas sagen.
Vielleicht gäbe es  ja so vieles zu sagen.
Doch gibt es noch mehr zu fühlen.
So sehr, dass die Worte fehlen.
Die Augen sich mit Tränen füllen, wo ich eben noch gelacht hab.
Ich beinah spüren kann,
wie jedes einzelne Härchen sich aufrichtet.

Am Ende bleibe ich wortlos, weil doch nicht alles in Worte gekleidet werden kann.
Und lasse einfach nur.. wirken.

Danke Annika.


Sonntag, 27. November 2016

Anspruch und Wirklichkeit

Ich hatte nicht nur nie einen Plan. Ich hatte auch nie eine wirkliche Vorstellung von dem, was es bedeuten würde: Kinder haben. Familie haben. Einen eigenen Haushalt haben.
Damals, glaube ich, wollte ich einfach nur weg und völlig neu beginnen. Damals meint 1988 und ich war neunzehn Jahre alt.
Weder hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt gelernt, wie man einen Haushalt führt, wie man kocht und backt noch wie das überhaupt so funktioniert mit dem Leben und dem Lieben.

Zu Beginn der Ehe und damit dem ersten eigenen Hausstand bekam ich ein Kochbuch geschenkt und Rezepte zugesteckt. Dieses Learning by Doing, man kennt das.
Als ich mein erstes Kind bekam, habe ich mir weder im Vorfeld ein Buch über Schwangerschaft und so gekauft und mich auch nicht allumfänglich über dieses körpereigene Mysterium informiert - und später, als der Junge auf der Welt war, auch kein Buch über Erziehung oder dergleichen erworben.
Im Grunde habe ich mich nie wirklich darum gekümmert, was man wie tun sollte oder auch nicht - ich hab einfach immer alles auf mich zukommen lassen und das gemacht, von dem ich meinte, dass es für genau diesen Moment das Richtige wäre.

Sicherlich kannte ich die Indien-Fotos von Herrn Blau's früheren Reisen - aber was mich dort wirklich erwarten würde... Ich wollte es nicht wissen! Mir war es viel wichtiger, völlig unbelastet, völlig unvoreingenommen in diese fremde Welt einzutauchen.

Gestern Abend haben wir im Lokal gesessen, meine Freundin, Herr Blau und ich.
Sie und Herr Blau haben im Vorfeld gegoogelt, was das für ein Lokal sein würde.
Nur ich nicht - warum auch? Sie besaß den Gutschein, wir hätten ohnehin zunächst nichts anderes tun können, als es uns erst einmal anzuschauen.
Sie hatte schon Bauchschmerzen, bevor der Abend überhaupt da war, sie entschuldigte sich bereits zwei Tage zuvor für die Wahl dieses Lokals.
Herr Blau hatte bereits einen Plan B in der Tasche respektive eine Alternativunternehmung für sich geplant.
Und während beide mit ihren eigenen Bauchschmerzen auf dem Weg in der S-Bahn saßen, schaute ich sie an: "Hört auf jetzt. Ihr werdet sehen, das Lokal ist viel schöner als ihr denkt und es wird ein schöner Abend werden."
Und sie schaute mich an: "Ich hätte so gerne deinen Optimismus."
Vielleicht ist das gewählte Lokal keines, das wir wieder besuchen würden.
Vielleicht ist das gewählte Lokal auch keines, das wir unbedingt weiterempfehlen würden.
Aber es war ein gutes Lokal, es war ein gutes Essen - und es war ein fröhliches Zusammensein.
Bis hin zu den ernsteren Themen.
Bis hin zu der Frage, ob man als Mama vom Kind genervt sein darf; ob man so denken und so fühlen, ob man das dann überhaupt auch sagen darf.
"Ich bin gerade so genervt. Und dann tut es mir wieder leid, weil es so ungerecht ist."
"Warum denkst du, dass es nicht okay ist, auch mal genervt zu sein?"
"Weil sie nichts dafür kann."
"Warum findest du es falsch zu sagen: Lass mir mal zehn Minuten für mich, ich kann gerade nicht zuhören, mitmachen, ich brauch mal eine Pause?"
"Weil ich sowieso schon viel zu wenig Zeit habe."

Ich frage mich... Ist es entscheidend, wie viel Zeit wir miteinander verbringen? Oder ist es nicht eher entscheidend, wie wir sie miteinander verbringen? Warum glauben wir, dass wir immer positiv, zuversichtlich, höflich, rücksichtsvoll, verständnisvoll und freundlich sein müssen - und warum glauben wir, dass wir uns die negativen Gefühle nicht erlauben dürfen, auch wenn es um die Menschen geht, die wir am meisten lieben?
Weil uns zu oft gesagt wird, wie wir sein dürfen und wie nicht?
Weil uns zu oft in Werbespots oder Foren gezeigt wird, wie eine Mama zu sein hat? Wie gut sie alles jongliert und dabei stets gut drauf ist oder sich maximal eine Haarsträhne aus der Stirn pustet, wenn keiner hinschaut? Weil mit dem richtigen Joghurt, der Milchschnitte oder dem guten Mixdrink für einen intakten Darm auch Mum's World wieder ausbalanciert ist? Und es Tena Lady gibt, falls Du Dir doch irgendwann mal in die Hosen machst? Weil wir alle unsere Schwächen haben - und es aber zu peinlich ist, darüber zu sprechen, es zuzugeben?
So wie kaum eine Mama zugibt, dass sie vom Schreien ihres süßen Babys restlos genervt ist; dass sie wochenlang nicht aus den Schlabberklamotten rauskommt, solange sie nicht muss; dass sie mit Bastel- und Handarbeitskursen nichts anfangen kann, weil sie viel lieber mal wieder abends ausgehen und die Blicke auf sich ruhen lassen möchte; dass sie eben gerade jetzt nicht tanzen, Plätzchen backen oder mit dem Kind aufs Klo gehen möchte, nur weil das Kind nur mit der Mama ("Papa, du nicht!") machen will - einfach nur, weil gerade die Stimmung nicht passt.
Es gibt sie ja immer noch, die anderen Momente, in denen wir geduldig zuhören, die Gutenachtgeschichte zum zwölfunddrölfzigsten Male vorlesen, die ewigen "Und warum?"-Fragen beantworten, aufgeschlagene Knie verarzten und bei Streitereien trösten, mit ihnen lachen, staunen, träumen.
Ich glaube, das Wichtigste für ein Kind ist, dass es sich geliebt fühlt und dass es darauf vertrauen kann, dass Mama da ist, dass Papa da ist - oder einer von beiden.
Zeit miteinander finde auch ich unglaublich wichtig - aber genau wichtig empfinde ich auch Zeit für sich selbst. In denen wir etwas nur für uns tun. Was können wir schon geben, wenn wir selber leer sind?
Ich persönlich glaube, dass man unbeschwerter leben kann, wenn man nicht alles verplant, Erwartungen aufbaut und damit einen Hang zum Perfektionismus entwickelt, der einen eher starr und unflexibel macht, weil das Leben am Ende... sowieso meist anders kommt als gedacht - und dann steht man da und hadert mit sich und allem und zerfrisst sich in dem unermüdlichen Ehrgeiz..
Mir persönlich ist es immer noch völlig wurscht, wie es andere machen, ob man einen Plan haben muss, ob man weniger träumen und mehr leben muss, ob alles in einen Rahmen passen oder man auch mal aus diesem fallen darf.
"Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus", sagt sie.
"Ich wünschte, ich hätte deine Gelassenheit", sagt er.
Ich wünschte, ich hätte ihre Disziplin.
Ich wünschte, ich hätte seinen Ehrgeiz.
Am Ende aber... sind wir immer nur wir selbst - und ich finde, dass man sich ja durchaus auch ergänzen kann. Wenn wir alle planlos wären, wäre es vermutlich das Ende der Welt.
Aber wenn wir alle nur noch planen und perfektionieren, dann... wäre es vermutlich das Ende der verträumten Seele. Und das wäre für mich persönlich... eben auch nichts.

Not my Copyright - aber ich weiß leider die Quelle nicht :)

Freitag, 25. November 2016

Wenn ich will, kann ich...

...geduldig sein.
...ausdauernd sein.
...kreativ sein.
...schöpferisch sein.
...fürsorglich sein.

Die Realität ist jedoch oft eine andere. Typisch Zwillinge, wohnen - ach - zwei Seelen in meiner Brust: Trotz meiner nordischen Mentalität (meint freilich Arschruhe) in vielen Dingen bin ich ein unglaublich ungeduldiger Mensch geworden. Gehen die Dinge nicht schnell genug, verliere ich Lust und Interesse. Nicht immer - aber oft genug.

Vor Jahren erschuf ich mit Geduld und Ausdauer tollkühnste Backwerke, mit denen meine Kinder in der Vorweihnachtszeit ihre Spielfreunde im Kindergarten oder in der Grundschule glücklich machten. Ganz kreativ entwarf ich Plätzchen in geeigneten Formen und bemalte sie hingebungsvoll in allen möglichen Farben von tatsächlich vorhandenen Verkehrsschildern.
"Wow", hatte die Kindergärtnerin gesagt, "sowas hab ich noch nie gesehen, das hat noch keiner gemacht."
Hätte ich ja auch nicht - würde ich im Vorfeld geahnt haben, was für eine Schweinearbeit es macht, rund achtzig Verkehrsschildplätzchen handgeschöpft anzufertigen. Backen für andere, um die, die nichts hatten, glücklich zu machen - wenigstens für 5 Minuten Futtergenuss.

Ich gestehe, dass ich heute bei Rezepten für zum Beispiel tollkühnste Backwerke nur noch müde abwinke. Entweder es geht zackig - oder ich verliere schon vorher die Lust. Oder erwerbe mir Gutes im Bäcker zum Beispiel bei uns im Haus, von dem ich weiß, dass der noch selber backt.
Denn eins verlor ich noch nie: die Lust am Vernaschen. Allerdings bin ich mir gerade nicht sicher, ob ich DAS nicht vielleicht doch noch einmal überdenken sollte (wir reden hier von Keksen und so, ja?)!


...in diesem Sinne: ein schönes 1. Adventswochenende!
You better meet me at the Glühwein-Stand :)

Mittwoch, 23. November 2016

TukTuk heißt: Brüste gut festhalten! - Jaisalmer, Tag 7

TukTuks sind in Indien diese kleinen motorbetriebenen Stinker, die wie ein Mittelding zwischen Moped und Auto aussehen und für gewöhnlich Platz für etwa 4 Personen bietet. In Indien aber ist dieser Platz gewöhnlich mit bis zu 10 Personen besetzt; wer keinen Sitzplatz mehr findet, der stellt sich eben außen auf eine Art Stoßstange, seitlich oder hinterrücks. Oft gesehen auch bei Bussen.
Ob mit Sport-BH ausgestattet (nein, den hatte ich nicht dabei, ich war doch im Urlaub!) oder nicht - die Straßen und Wege sind überwiegend grottenschlecht, nein, schon unterirdisch schlecht. Frauen, die nicht gerade Körbchen A besitzen, kennen das: Wenns nicht unangenehm werden soll, dann die Brüste gut festhalten! Ich habe mich damit begnügt, die Arme vor der Brust zu verschränken - das vermeidet zumindest schiefe Blicke. Auch wenn die Mehrheit Hindus und nur die Minderheit Moslems sind, auch wenn die Frauen in ihren Saris den nackten Bauch zeigen (ein dicker Bauch zählt übrigens zum guten Ton, weil der Wohlstand zeigt) - ich habe es in Indien vermieden, kurze Röcke oder kurze Hosen anzuziehen und man erzählte uns, dass das wohl auch gut so war.

Jaisalmer ist eine sehr alte Stadt aus dem 12. Jahrhundert in der Wüste, nicht so groß wie andere, bisher gesehene Städte, aber irgendwie schöner. Für mein Empfinden ist die riesige Fläche für die Armee vor den Toren der Stadt genauso groß wie die Stadt selbst. In Indien genießt der Soldat ein verhältnismäßig hohes Ansehen, allein ob der Position selbst, aber auch, weil Soldat zu sein nicht zuletzt auch ein geregeltes Einkommen bedeutet. Ich denke an meinen Jungen, der sich freiwillig zum Wehrdienst verpflichtete, sich wohler fühlt als gedacht und auch wesentlich besser zurechtkommt als er selber annahm. Noch immer wünsche ich mir aber, dass derzeit laufende Eignungstests erfolgreich verlaufen und er dann im kommenden Jahr aus dem Wehrdienst entlassen werden kann. Ich weiß, dass Sicherheit längst nicht mehr das ist, was es mal schien, egal wo man arbeitet - aber ich will ihn einfach nicht in einem sinnlosen Krieg verlieren...



In dem Türmchen unter der großen Taube war unser Zimmer - sehr goldig!!
Eines der schönsten Zimmer auf unserer Reise.

Glaubt man zwar nicht -
aber in einer indischen Wechselstube entdeckte ich das da :)



Sie baten mich, ob ich sie denn nicht fotografieren könne.
Wer kann SO einem Lachen schon widerstehen??
Entgegen den indischen Gebräuchen wollten sie auch kein Geld - sie wollten einfach nur aufs Foto :)

Kleine verschwommene Angelegenheit, ich finde grad kein schärferes Foto ;)



Wir erfuhren erst später, nachdem wir die Stadt verlassen hatten, dass deren Abwassersystem noch aus dem Mittelalter stammt, die zum Beispiel in diesem Frühjahr erst massiv aufgetretenen Regenfälle als auch alles sonstige Schmutz- und Abwasser in die Fundamente dringen und alles von unten nach oben aufweichen. Ein Inder erzählte uns, dass es demzufolge nur noch eine Frage der Zeit sei, wann die Festung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiele... Manches weiß man tatsächlich besser vorher nicht, so schläft man ruhiger.

video


Jaisalmer bei Nacht... Morgens zwischen 2 und 3 Uhr...

Bis auf die Musik ist das die übliche Geräuschkulisse.
Etwas, das mir nach gut 3 Wochen tatsächlich ordentlich auf die Nerven ging :)


Montag, 21. November 2016

Kategorie: Web-Fundstücke



 ...manchmal, wenn ich Zeit und Lust habe, fülle ich irgendwelche Online-Fragebogen aus und rede mir ein, dass ich das ja nur mache, um zu sehen, wie gut die sind. Weil, man kennt sich selbst ja schließlich am besten, nicht wahr?
Und jetzt mal ungeachtet der Tatsache, dass die Testergebnisse ohnehin so angelegt sind, dass die meisten Zielpersonen sich mindestens zu 50 % darin wiederkennen werden ;)
Ja, weeß ich ooch, tatsächlich sind würzige, schokoladige bzw. entsprechende Düfte aber wirklich voll mein Ding - und das vor allem jetzt, wo die Vorweihnachtszeit langsam, aber nachhaltig beginnt.
Oder begonnen hat? Egal.
Als Herr Blau mir am Freitag schrieb "Kannst du bitte noch ein paar Teelichter mitbringen, wenn du einkaufen gehst?", da dachte ER vermutlich an diese Tüte mit den 50 oder 100 Stück, farblos und geruchslos. Die gabs aber nicht, das schwöre ich! Mitgenommen habe ich dafür 2 Päckchen mit jeweils 10 Stück und genau DEM Vanilleduft, den ich so liebe. Da gibt es ja gravierende Unterschiede, glaubt man gar nicht. Die meisten nämlich, finde ich, riechen eher nach Klostein als Vanille.
Und gestern Abend kapitulierte der Herr: "Ich würde mal kurz die Terrassentür aufmachen, mir wirds grad e bissl zu viel Vanille." Ist ja aber auch nicht meine Schuld, dass er gleich 12 Teelichter auf einmal anzündet.
Und Overknees... Na freilich habe ich die. In schwarz und in braun beispielsweise, und Herr Blau verdrehte unlängst die Augen, als wir die Frühjahr-/Sommer-Kollektion gegen die Herbst-/Winter-Kollektion wechselten, er feststellte, dass er noch weniger Platz auf dem Schuhregal eingeräumt bekam ("Kann ich doch jetzt nix für, dass die Winterstiefel mehr Platz brauchen als die Sandalen, mehr Schuhe sinds jedenfalls nicht geworden.") und außerdem anmerken musste: "Was sind das für Stiefel? Die kenne ich ja noch gar nicht. Die sind doch neu!"
"Ach i wo, wo denkst du hin? Da kannst du eher mal sehen, wie genau du mich anschaust!" Ha ha!

Wobei... Stiefelwetter war ja irgendwie - trotz des heutigen 21. Novembers - immer noch nicht so richtig; die paar Tage zwischendurch zählen ja eigentlich noch gar nicht. Insofern war ich Samstag Vormittag auf dem Heimweg nach M nur ein klein wenig irritiert, als es im Radio hieß "...in den kommenden Tagen bis zu 18 Grad." Hoi? Hatte ich da was verwechselt und versehentlich Antenne Mallorca eingestellt? Nein nein. Tatsächlich vermeldet auch der Wetterfrosch in meiner App, dass da ein paar bessere Tage auf uns warten - und wenn ich jetzt so den Kopf wende Richtung Fenster, ja, da lachen Herz und jegliche Sinne um die Wette!

Was für mich just in diesem Moment bedeutet: Ich müsste arbeiten, gieße mir aber lieber noch eine Tasse Kaffee auf, entscheide mich dazu, die Mittagspause schon auf 10 Uhr zu verlegen, blättere in Onlinegazetten und erfahre Dinge über mich, die ich aber eigentlich auch schon wusste. So wie das mit dem Kindskopf, dass ich mir die Kirschen (inzwischen) lieber selber hole (und dann auch gerne mal - huch - von Ast oder Leiter stürze, ja, alles schon passiert; bildlich gesprochen und aber auch tatsächlich ;)) - und dass ich karrieremäßig vermutlich wo ganz anders stehen könnte - aber trotzdem sagen kann, dass mein Leben zumindest wesentlich erfüllter ist als noch vor ein paar Jahren. Aber das hatten wir ja gestern erst  ;)




Sonntag, 20. November 2016

Head Full Of Dreams



Ich ging noch in den Kindergarten, als man über mich sagte, ich hätte eine sehr ausgeprägte Phantasie. All die Dinge, die Sehnsucht, Liebe, einfach Gutes versprachen oder zu versprechen schienen, zogen mich magisch an.
"Bist du sicher, dass du das Kind deiner Eltern bist? Du bist ganz anders als deine Familie."
In den ersten Jahren habe ich viel allein zu Hause gesessen, gemalt, gelesen, geschrieben, irgendwas, irgendwelche ausgedachten Geschichten. Ich hatte auch nicht viele Freundinnen. Nie mehrere gleichzeitig. Manchmal auch gar keine Freundin.

Das erste Mal verliebt habe ich mich mit fünfzehn.
Den ersten richtigen Freund hatte ich mit sechzehn.
Geheiratet habe ich mit neunzehn und meinen ersten Sohn mit zwanzig bekommen.
Irgendwie war das ganze Leben, das ganze Lieben gar nicht so wie ich mir das erträumt hatte.
Zuviel Zwang, zuviel Pflicht.
Zu wenig Freiraum. Zu wenig Freiheit. Zu wenig ich.
Zu wenig Raum für das Träumen, für die Sehnsucht.
"Das, was du willst, gibt es nur im Film."

Irgendwann stellte ich fest, dass ich viel zu lange nicht mehr gemalt, nicht mehr geschrieben habe.
Zeit verloren, aufgegeben.
Was mir immer blieb, war die Musik.



Zu Weihnachten 2001 bekam ich eine CD geschenkt.
Von diesem Moment an begann ich Musik zu sammeln.
Musik, die meine Träume erwachen ließ.
Musik, die meine Träume immer deutlicher werden ließ.
Es war das letzte Jahr meiner Ehe.
Nach neun Jahren innerem Kampf - Gehen oder Bleiben? Innerer Kampf der Kinder wegen.
Kann man einfach aufhören und weggehen, wenn man Kinder hat?
Darf man an sich denken?
Muss man an sich denken?
"Es ist auch Verantwortung, die Kinder glücklich zu machen. Aber ich kann das nicht. Ich kann überhaupt niemanden mehr glücklich machen, weil ich es selbst nicht bin."
Ich habe mich für das Gehen entschieden, nach einer Begegnung, die mir deutlich gemacht hatte:
Das, was ich möchte, das, wie ich mir mein Leben und das Lieben vorstelle, das gibt es nicht nur im Film - ich bin nur nicht am richtigen Platz.

Für den Traum in meinem Kopf, für diese Sehnsucht in jedem Zentimeter von mir habe ich mich herausgelöst aus einer scheinbar sicheren Ehe. Maximal ein finanziell sicherer Hafen.
Aber was ist das schon - dieser finanziell sichere Hafen, wenn das Ich erstickt?
Für den Traum in meinem Kopf, für diese Sehnsucht in mir habe ich in Kauf genommen, ganz von vorn zu beginnen. Bin in eine Wohnung gezogen, lediglich mit ein paar Kartons voller Sachen, einem Bett und einem Kleiderschrank. Und meiner Musikanlage!
Diese erste Wohnung, dieser erste Weg in die Freiheit.
Mein erstes Keramikgeschirr, das ich mir in den Sonnenfarben gekauft habe. Abgezählt wie alles andere auch, weil das Geld nicht reichte. Nur das Allernotwendigste - aber das auch genau so, wie ICH mir das wünschte und vorstellte. Das Klappsofa der Freundin. Das Bild von IKEA - über einen Meter groß in rotem Rahmen und einem bunt gemalten Herz. Eigentlich zu teuer - aber das habe ich mir gegönnt - und stellte es auf den Fußboden gleich neben der Tür. Damit ich nie mehr vergessen würde, was das Ziel war.
Nachts habe ich so oft wach gelegen, das Album "Come away with me" gehört und mein Herz bis in die Schläfen pochen spüren.
Ich war frei. Scheinbar frei. Die Fesseln abgerissen, die Spuren noch zu sichtbar auf der Haut - und tief unter der Haut.
Der neue Weg fühlbar, nur noch nicht sichtbar. Nur einem war ich mir sicher: Alles, nur nicht mehr zurück. Nie mehr. Lieber allein als noch einmal so leben zu müssen.

Vor einigen Tagen las ich in einem Kommentar die bittere Frage, wozu schmerzhafte Erfahrungen gut seien.
Ich denke, das kann nur jeder für sich selbst herausfinden. Ich würde lügen, würde ich behaupten, mir nicht auch oft genug gewünscht zu haben, die eine oder andere Erfahrung nicht gemacht haben zu müssen. Vor allem in all diesen schlaflosen Nächten mit dem Kissen zwischen den Zähnen, damit die Kinder das Weinen nicht hörten. Und ich wüsste auch nicht zu sagen, ob all diese schmerzhaften Erfahrungen einen besseren Menschen aus mir gemacht haben. Vermutlich nicht, und das denke ich tatsächlich. Jedoch eines haben sie mich gelehrt: Jede einzelne Begegnung ist dafür gemacht, etwas in uns zu bewegen. Damit wir uns bewegen. Wenn wir nur zuhören, wenn wir auch annehmen.
Jede einzelne Begegnung ist dafür gemacht, etwas in uns auszulösen, aber es liegt ganz allein in uns selbst, was wir daraus machen, was wir für uns mitnehmen.
Für mich hat es bewirkt, die Richtung meines Lebens völlig zu ändern, ganz von vorn zu beginnen - und ich kann es beschwören: Nicht eine einzelne Sekunde seit jener Entscheidung habe ich je diesen Schritt bereut. Ganz gleich, was danach noch kam. Ganz gleich, wie es kam.
Schaue ich heute, beinah vierzehn Jahre zurück, dann sehe ich: Jene Begegnung und die Musik-CD waren dafür gemacht, endlich meine Entscheidung zu treffen. Sie war aber nicht dafür gemacht, meinen weiteren Weg zu teilen - und inzwischen ist mir klar geworden, dass das alles auch gut so war. Wir wären nicht glücklich geworden damit.
Nicht jede Begegnung, die tief geht, ist dafür gemacht, für immer zu bleiben. Aber das.. muss sie im Grunde eben auch nicht.
Es ist aber auch so, dass wir am ehesten über uns lernen, wenn es schwierig wird. Es ist so leicht, in sonnigen Zeiten miteinander zu sein. Die Liebe zu leben und zu schwören. Darauf gebe ich heute nichts mehr. Für mich hat heute nur noch Bedeutung, was in dem Moment geblieben ist, als es schwierig wurde.
Habe ich mein halbes Leben lang an mir gezweifelt und mir erfolgreich einreden lassen, dass ich allein nichts tun, nichts bewegen, nichts erreichen, einfach nichts wert sein würde, so weiß ich heute umso mehr, dass dem so gar nicht ist. Ganz im Gegenteil.
Ich kann nicht fliegen. Doch wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich es! 
Für mich bedeutet diese Erkenntnis sehr viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag.
Für mich bedeutet diese Erkenntnis, dass nicht alles in meinen Händen liegt. Aber das, was für mich wichtig ist, das liegt in meinen Händen - und nur dort.

Gestern las ich in einem Blog über den zarten Beginn einer Beziehung, die für einen Anfang ziemlich viele Fragen stellt. Fragen aus dem Kopf, keine Fragen aus dem Bauch heraus. Oder doch?
Was ist es, das uns treibt? Vorantreibt? Weitertreibt?
So individuell, wie wir Menschen sind, sind auch die Farben unserer Träume, Wünsche, Vorstellungen und Ziele. Jeder einzelne hat seine eigene Richtung.
Dennoch: Ich habe mich das nie gefragt und ich möchte mich auch niemals fragen, ob und wer meine Träume und Wünsche bezahlt. Ob ich jemanden neben mir habe, der den Preis meiner Träume und Wünsche mitbezahlen kann. In meinem Kopf sind noch immer so unendlich viele Phantasien, dass unerfüllbare Träume nicht sterben müssen, sondern einfach nur... ihre Farbe, ihre Form ändern.
Viel wichtiger als der materielle Traum ist für mich... der Reichtum in der Seele. Die unfassbare Fülle, die die Realität nicht nehmen darf. Und wenn ich mir eines im Leben wünsche, dann einen Menschen, der meine Seele füttert. Für diesen Reichtum ist nicht wichtig, ob ich in Paris auf dem Eiffelturm stand, in Australien mit Nemo schwamm oder in New York Carrys Spuren folgte. Für mich sind das lediglich... Meilensteine. Aber das... kann natürlich nur jeder für sich selbst entscheiden. Es ist nur so, dass es mich zuweilen nachdenklich macht.
Und ich bin dankbar, dass ich es offenbar Herrn Blau wert war, dass er einige Farben und Formen seiner Träume.. für mich änderte.

Mittwoch, 16. November 2016

Okay, dann drück ich da einfach mal drauf!






Herr Blau ist ziemlich technikaffin (wie vermutlich jeder Mann). Schon als Kind unterlag er dem Hang, alles Mögliche in seine Einzelteile zu zerlegen und anschließend wieder zusammenzubauen, nur um mal gesehen zu haben, wie das Teil von innen aussieht, wie alles funktioniert und überhaupt. Stolz ist er darauf, dass auch nach dem Zusammenbau alles wieder funktionierte. Nun, das meiste zumindest, glaube ich.

Ich als Frau habe auch vor vielen Jahren fast im Alleingang gelernt, wie man einen Autoreifen wechselt (damals am Trabi), wie man von der schnöden Schreibmaschine auf den Computer wechselt oder vom Telefon mit der Drehscheibe auf ein Smart- und später iPhone wechselt und halte mich insofern zumindest nicht für komplett technisch unbegabt. Es ist ja heutzutage schon fast eines Technikstudiums würdig, wenn man nur mal eine Waschmaschine bedienen will.
Ich kann mich noch an meine allererste erinnern: ein ausgedienter Kochtopf für die Windeln und für den.. äh.. Schleudervorgang dienten meine - zugegeben schmale, aber nicht ganz unkräftigen - Hände. Später besaß ich dann eine Waschmaschine Marke Schwarzenberg. Null Elektronik - aber dafür haltbar bis zum Sanktnimmerleinstag. Und heute? Wir hatten vor 2 Jahren eine Waschmaschinen-Trockner-Kombi gekauft und ich bin ja da eh immer bissl vorsichtig: je mehr elektronische Komponente, desto anfälliger das Teil und leider auch desto teurer. Zu Hause bei den Jungs halten wir das noch immer hübsch getrennt: die Waschmaschine im Bad, der Trockner in der Küchenzeile mit untergebaut.
Jetzt kurz vor Ablauf der Garantie fiel Herrn Blau auf, dass die Innenbeleuchtung der Waschmaschine nicht mehr ging. "Na und?" hatte ich die Schultern gezuckt. "Ich brauch die eh nicht."
"Das schon. Aber wenn die schon jetzt nicht mehr geht, was kommt dann als nächstes?"
Im Gegensatz zu der Maschine davor verzichtete er eben aus Garantiegründen auf das vollständige Zerlegen, stellte einen Garantieantrag und letzte Woche wurde uns die neue in das Badezimmer gestellt. Hach! Soooo viel neue Knöpfe, Programme, ja das musste dann schon mal ausgetestet werden. Da sind wir doch gerne wieder wie Kinder vor den ausgepackten Weihnachtsgeschenken.

Zurückhaltender mit allem Neuen zeigt Herr Blau sich aber beispielsweise beim iPhone. Zu Zeiten, als Steve Jobs noch lebte, empfand er den Service auch rund um die Updates wesentlich kundenfreundlicher. Hatte man ein Update geladen und zeigte sich damit unzufrieden - kein Problem, konvertierte man eben auf das ursprüngliche zurück. Das geht nun schon lange nicht mehr.
Und Herr Blau ist genervt nach Updates, die die persönliche Einstellungen komplett zurücksetzen, die eigene Einstellungen vornehmen und beispielsweise allen möglichen Apps erlauben, sich der mobilen Daten zu bedienen. Das kostet nicht nur Akku.
In der Praxis bedeutet das: Er lebt so lange mit der "alten" Version, bis sein iPhone entweder nicht mehr so ganz das macht, was es soll (auch ganz deutlich bei iTunes zu beobachten) - oder aber es sind im neuen Update Tools bzw. Gimmicks enthalten, die wiederum den Besitzanspruch von Herrn Blau herauskitzeln: haben wollen!
So kam es also, dass wir vor wenigen Tagen beide das neueste Update zogen.
"Und? Läuft alles noch wie vorher?"
"Äh.. Joa! Warte mal, da ist was Neues! Muss ich mir mal angucken."
Meine Freundin hatte doch vor kurzem Geburtstag und da ich weiß, dass sie sich auch immer dann zu diesem Anlass auf meine Insel zurückzieht (ich persönlich finde diese Idee ja ausgesprochen klasse!) und auch das Handy ausgeschalten bleibt (finde ich auch sehr klasse, aber dazu ist mein eigener Wille dann doch zu schwach. Abgeschnitten von der Welt für ein paar Tage ist okay, aber SO abgeschnitten? Och na ja nee.), begnügte ich mich zunächst damit, ihr eine sms zu schreiben. Sie würde sie ja spätestens beim Einschalten ihres Handys lesen und zumindest wissen: Ich habe dran gedacht! (Wer mich kennt, weiß ja, dass das nicht selbstverständlich, aber wirklich nicht böse gemeint ist!)
Nach dem Update jedenfalls entdeckte ich, dass man den Textnachrichten etwas hinzufügen konnte.
"Was passiert, wenn ich 'HaHa' drücke?"
"Weiß ich doch nicht."
"Hört man es dann lachen?"
"Woher soll ich das wissen?"
"Okay, dann drück ich da einfach mal drauf."
Und so hab ich ein bisschen hier und ein bisschen da rumgedrückt und rumgespielt.

Fazit:
Gestern Abend bekam ich eine E-Mail meiner Freundin.
"[...] Als ich mein Handy anschaltete, gingen zwei sms von Dir ein. Beide mit dem Wortlaut Deiner Geburtstags sms, allerdings begann die erste mit 'Hat', dann kam Dein Text und die zweite mit 'Lachen' und anschließend Dein Text. Ist ziemlich komisch, oder? Hoffentlich hast Du Dir keinen Virus eingefangen! [...]"

Erkenntnis des Tages:
Bei diesem neuen Gimmick handelt es sich lediglich um eine Art Kommentarfunktion bei Textnachrichten, ähnlich wie bei FB. Nu ja. Fällt für mich in die Kategorie "Kann man haben, muss man aber nicht" - denn sms versende ich zu selten.

Ich hoffe nur, die Beleuchtung hält, denn die Garantie läuft in rund 3 Monaten aus!

Dienstag, 15. November 2016

Allein mir fehlt der Glaube

Manchmal denk ich, ich lese zuviel oder höre zuviel - und pflege dann insgeheim Ängste, anstatt mich unbeschwert(er) dem Jetzt und Hier zu widmen.
Irgendwelche Thriller, Krimis, aber auch Berichte über Totgeglaubte, die dann doch noch rechtzeitig der Pathologie erwachten, sind zum Beispiel schuld daran, dass ich schon seit Jahren damit hadere, ob ich zum Beispiel irgendwann mal begraben werden möchte. (Doch, ich finde schon, dass man sich auch über sowas Gedanken machen sollte - man weiß ja nie!)
Scherzhaft erwähne ich im Zusammenhang mit diesem Thema dabei immer dasselbe: "Legt mir eine Kanne Kaffee, eine Taschenlampe und eine Schaufel mit in den Kasten, damit ich mich, falls ich doch noch nicht tot bin, notfalls freischaufeln kann."

Als ich vor nunmehr über zwei Jahren nach M zog und mich auf dem Bürgeramt ummeldete, habe ich zwei Blanko Ausweise für die Organspende in mein Portemonnaie gelegt. Und seit eben dieser Zeit ruhen sie unberührt in der Schublade meines Schreibtisches und manchmal, wenn ich diese Lade öffne und diese Kärtchen sehe, dann komme ich wieder ins Grübeln...
Ich denk schon, dass sich jeder Mensch bewusst ist, dass auch er eines Tages in die Notsituation kommen kann, in der das eigene Überleben davon abhängt, ob jemand einverstanden war, nach seinem Tod etwas von sich abzugeben oder nicht. Das will man sich auch nicht vorstellen, aber das Leben fragt ja nicht danach.
Ich denk aber auch, dass nahezu jeder Mensch die Auffassung vertritt: "Das wird mich schon nicht treffen."
Da gab es doch mal diesen Film "Fleisch". Damals war ich noch klein und der Überzeugung: "Sowas gibt es nur im Film!" Damals war meine Welt noch in Ordnung, weil ich an Märchen glaubte, an Prinzen und Prinzessinnen und daran, dass das Gute immer über das Böse siegen würde. Damals hatte ich noch gar keine Ahnung vom Leben, von der Welt, von Gier nach Macht, Besitz und Geld - und wie sehr diese Gier das Leben der Menschen dominiert. Ich hatte so gar keine Ahnung davon, wozu Menschen bereit und in der Lage sind, sobald es um Macht und Geld geht.
Und ich gestehe: Ich kann bis heute den Spendenausweis nicht ausfüllen, weil noch die Befürchtung überwiegt, dass man nicht wirklich alles für mich tut - im Fall eines Falles. Dass ich als "Ersatzteillager" angesehen werde, weil anderswo jemand richtig viel Geld dafür bezahlt, dass er Wartelisten ignorieren und bevorzugt mit einem dringend benötigten Organ versorgt wird, das vielleicht mich das Leben kostet.

Heute las ich hier, dass der Bundestag bereits das Gesetz verabschiedete, dass an Patienten, die nicht (mehr) in der Lage sind, eigene Entscheidungen treffen zu können, Medikamentenversuche unternommen werden dürfen.
Ich war nicht nur überrascht darüber, dass bereits beschlossen wurde, was vor kurzem eher als Randnotiz in Funk & Fernsehen zu vernehmen war. Ich war vor allem schockiert.
Was sich so kühl "Gesetzesänderung zur klinischen Forschung" liest, empfinde ich als Mensch als einen unfassbaren Eingriff in die Persönlichkeit, in das Leben des Betroffenen.
Nur weil ich selbst dazu nicht mehr in der Lage bin, Nein zu sagen, darf man mir Pillen verabreichen, die in der Zukunft möglicherweise anderen Patienten helfen - vermutlich viel eher aber dazu angelegt sind, der Pharmaindustrie weitere Einnahmequellen zu ermöglichen? Die Risiken und Nebenwirkungen billigend in Kauf nehmen, weil aus Sicht des Denkers und Akteurs ohnehin keine oder kaum Lebensqualität vorhanden ist? Ist doch nicht so schlimm, wenn der Patient im schlimmsten Fall daran kaputtgeht? Weil, tut er ja früher oder später sowieso?
Und ich lese, dass dieses Austesten längst schon so praktiziert wird, mit oder ohne Gesetzesänderung.

Wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin hin und her gerissen. Einerseits wünsch ich mir Entwicklung. Wie viel Gutes hat der Mensch erschaffen - und wie viel leichter ist das Leben von damals zu heute damit geworden?
Allein dadurch, dass der Mensch neugierig war, dass er wissen wollte, dass er etwas ändern wollte.
Entwicklung geht nicht ohne Ausprobieren. Ausprobieren geht nicht ohne Finanzieren.
Das ist selbst mir, der man eine gewisse Pippi-Langstrumpf-Mentalität ("Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.") nachsagt, bewusst.
Jedoch... Licht und Schatten. Nutzen und Missbrauch.
Der Mensch ist so gierig geworden und hat längst alle Schranken der Ethik heruntergerissen.
Wenn er etwas entwickelt, dann fragt er nicht, was er damit bewirken, sondern wie viel er damit verdienen kann.

Leider habe ich die Quelle zu
dieser wundervollen Grafik nicht :(
Empfinde ich es zu negativ? Sehe ich es zu schwarz?
Gedankenverloren drehe ich den Spendenausweis zwischen meinen Fingern.
Wäre ich nicht unendlich dankbar, wenn ich im Fall eines Falles überleben kann?
Würde ich mich fragen, ob der Mensch tatsächlich keine Chance auf Leben mehr hatte - oder bin ich einfach nur froh, dass ich überleben durfte?
Ich denke an den Großvater, wie oft er zuletzt verzweifelt war, weil er ob der Demenz zwar wusste, was er sagen wollte, aber nicht mehr wusste, wie er es sagen konnte. Der zuletzt auf sein Essen starrte und nicht mehr wusste, was er damit anfangen sollte. Der vergaß, ob er gegessen und getrunken hatte. Der sich auf Fotos notierte, wer die Menschen darauf waren und die eigenen Kinder nicht mehr erkannte.
Ob er dankbar gewesen wäre für ein Medikament, das diesen Prozess aufhalten oder zumindest die Auswirkungen spürbar mildern würde? Ob er dankbar dafür gewesen wäre, dass die Forschung sich dieser Erkrankung annimmt? Ob er sich darauf eingelassen hätte, so ein Medikament auszuprobieren, weil es schlimmer sowieso nicht mehr hätte kommen können?
Warum hüten und beschützen wir das Leben und die Gesundheit unserer Kinder, die noch keine eigene Sprache besitzen - und warum setzen wir uns über das Leben und die Gesundheit unserer alten Menschen hinweg, die keine eigene Sprache mehr besitzen? Warum ist ein Leben "mehr wert", geschützt zu werden als das andere? Was für einen Aufschrei gäbe es, würde man an Kindern Medikamente testen? Warum gibt es keinen Aufschrei, wenn wir unsere alten Menschen benutzen, die sich nicht mehr wehren können? Warum nicht die Patienten fragen, die darüber noch selbst bestimmen können? Über Ja oder Nein - über sich selbst? Warum aus einem Demenzerkrankten eine "Lebendware" machen?

Ich weiß, ich würde mich gerne auf das Licht einlassen und den Schatten ausblenden.
Ich weiß, ich würde mich gerne für die Entwicklung entscheiden und mögliche Gewinnspannen ausblenden.
Aber ich weiß auch, dass mir das Vertrauen fehlt, dass es tatsächlich um den Menschen geht.
Ich bin entsetzt darüber, wie schnell tatsächlich Gesetze verabschiedet werden können, sobald es um Gewinn geht.
Ich bin trotz allem immer wieder schockiert darüber, wie weit sich die Politik inzwischen von Ethik und Moral und Mensch verabschiedet hat.
Und dann wundern sie sich, dass Amerika Trump und Deutschland einen verhältnismäßig hohen Anteil AfD gewählt hat? Ich persönlich bin ja der Überzeugung: Die Menschen wollen weder Trump noch die AfD. Was sie aber wollen, ist eine Veränderung. Eine Veränderung, die sich FÜR den Menschen interessiert und für ihn agiert. Und ihn nicht auf eine tumbe Masse reduziert, die keines eigenen klaren Gedankens fähig ist.

Die Pippi Langstrumpf in mir möchte einfach immer noch glauben, dass alles gut wird.
Die Pippi Langstrumpf in mir verhindert, Politblogs zu lesen, die ausgesprochen gut sind - aber mit dem ausschließlichen Finger in der einzigen Wunde verhindern, noch an das Gute glauben zu können.
Die Pippi Langstrumpf lasse ich oft und gern auf ihre Blümchenwiese zurückziehen, weil ich nicht möchte, dass die Realität alles zerstört, das mich an die Liebe glauben lässt und mir Hoffnung macht.

Macht brauchst du nur,
wenn du etwas Böses vorhast.
Für alles andere reicht Liebe,
um es zu erledigen.

Charlie Chaplin

Donnerstag, 10. November 2016

"I am happy, if you are happy" - Bikaner, Tag 5


Wüste.
Wie habe ich mir eigentlich immer die Wüste vorgestellt?
Na eigentlich ganz klassisch: Sand, Sand und noch mal Sand - so weit das Auge reicht, durch den Wind in leichten Wellen angelegt. Hier und da vielleicht ein Strauch, vielleicht. Und gnadenlose Hitze.

"Wo ist denn nun die Wüste?"
"Wir sind längst mittendrin."
Und ich staune, sehe sattgrüne Wiesen und Bäume - eine Oase für all die Rinder, die Antilopen. Sehe dann und wann ein nicht zuende errichtetes kleines Haus oder einen kleinen Tempel; Bauten, die sich unverhofft wie aus dem Nichts erheben, mittendrin.




Je weiter wir von den Städten wegkommen, desto besser werden die Straßen, desto sauberer wird es. Die Inder bauen, wann und wo sie wollen und so lange ihr Geld reicht. Ist das Geld erschöpft, hören sie auf und machen eines Tages weiter - oder sie lassens bleiben.
Und ganz gleich, wo wir hinkommen, überall werden wir neugierig, aber freundlich angeschaut, fast alle sind sehr freundlich, lächeln und rufen ihr typisches "Hey!"
Eine ihnen eigene Mentalität, die ein Inder uns gegenüber auch so beschreibt:
"I am happy, if you are happy. But I never tell you, if I am not happy."









Lebte ich in Indien, würde meine Zeit wohl erst am Abend beginnen. Die Hitze ist unvorstellbar - und dabei ist ihr Höhepunkt längst nicht erreicht.
Es sind die Abende an Seen, die wundervoll sind, in denen wir friedvolle Ruhe spüren, die unendliche Weite ahnen und unsere Blicke auf dem still liegenden See gerichtet sind, während die Gedanken träge umhertaumeln...
Es sind die Momente, in denen all die Unrast, all die Sorgen und der Kummer für einen Augenblick von uns abfallen und die Ruhe in den Kopf einkehrt, nach der wir uns so gesehnt haben.,,
Wir sind so unendlich weit weg von Zuhause, dass uns das gelingt, während wir einander an den Händen halten und ungläubig zuschauen, wie schnell die Sonne hier hinter dem Horizont versinkt..



Mittwoch, 9. November 2016

Papillon



Wir wollen weitermachen.
Es gibt kein Versprechen, es gibt im Moment auch keinen Ausblick auf das "Wann" oder "Überhaupt".
"Wenn etwas kaputt ist, möchte ich es einfach reparieren", sagt er und ich sitze ihm gegenüber auf diesem grünen Kunstledersofa, die Arme auf die Beine, den Kopf in die Hände gestützt, und ich betrachte ihn abwartend und aufmerksam.

Mit jeder weiteren Stunde, die ich zu ihm komme, rückt er meine Muskeln, meine Wirbel, meinen ganzen Körper wieder zurück in die richtige Position. Für mich fühlt es sich jedoch eher an, als würde er eher... meine Seele in ihre richtige Position rücken. Es ist so schwierig zu beschreiben.
"Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu verleihen mag." Habe ich irgendwo mal gelesen und denke in diesem Augenblick: Vielleicht funktioniert es ja auch anders herum?
Weil Körper und Seele nicht immer voneinander getrennt werden können?
Weil auch Einfluss auf uns haben kann, wie wir denken und fühlen, konstruktiv oder destruktiv?
Und vielleicht muss man sich auch einfach nur von dem Gedanken verabschieden, dass es für ein Problem EINE Lösung gibt? Dass es vielleicht auch ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen ist?
Aus mehreren guten Dingen?

"Wenn Sie mich fragen, ob mir das hier alles gut tut, dann... kann ich nur sagen: Ja das tut es. Wenn ich hier rausgehe, tut mir alles erst mal noch mehr weh, bis es dann irgendwann wieder auf das bekannte Level zurückkommt. Aber ich weiß nicht warum, wieso - es tut mir trotzdem gut. Mein Körpergefühl wird ein anderes und ich fühle mich.. einfach besser."
Es ist wie gestern Abend, als ich die Praxis verließ. Jedes einzelne Gelenk in meinem linken Körper schmerzte mehr als noch vor der Behandlung - und dennoch hatte ich zugleich das Gefühl, als wäre ich ein leuchtender Lampion, der mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings über den Gehsteig tänzelte..
Jetzt könnte ich mir die Frage stellen, ob das den Preis von 120 Euro die Stunde rechtfertigt.
Herr Blau stellte mir am Abend prompt diese Frage.
"Noch kann ich dir das nicht beantworten. Aber wenn es mir guttut... Und ich irgendwie auch das Gefühl habe, als könnte es mir eines Tages doch helfen, weiterzukommen.. die Summe aus allem.. dem Laufen, der Osteopathie.. dass ich anders esse als früher.. dass ich anders schlafe als früher.. dass ich langsam endlich anfange, Knoten zu lösen und auch mal die Wut 'herauszuschreien', mich endlich mal 'frei' zu machen..Wenn niemand wirklich sagen kann, was die Ursache für den Schmerz ist, wie kann dann jemand sagen, was nicht helfen wird? Habe ich nicht viel zu lange nicht an mich gedacht? Viel zu viel Geld für Dinge ausgegeben, die viel weniger wichtig waren als meine eigene Gesundheit?"
Herr Blau schlug die Eier in die Pfanne, schaute mich an und sagte: "Genau. Wenn es dir hilft, dann mach weiter."

"Die Freiheit ist eine Treppe mit tausend Stufen. Kein Fahrstuhl."
Hans Kasper

Dienstag, 8. November 2016

Nachtfieber



In manche Songs verliebe ich mich, weil sie mich an ein Gefühl erinnern, das ganz weit entfernt scheint - und das mit jedem Klang immer näher rückt.
Das Gefühl der Nächte, in denen ich ewig lang in der Badewanne lag, nebenbei einen Prosecco oder Weißwein trank, mir die Haare zusammensteckte und die Lippen rot bemalte. In völliger Freude auf das Nachtleben in Diskotheken, Karaokebars oder Clubs.
Das Gefühl der Nächte, in denen ich tanzte, egal, ob ich das überhaupt konnte oder doch nicht, aber was ist das alles schon gegen das Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und einem irrsinnigen Durst auf das Leben?

Inzwischen bin ich älter geworden und fühle mich schon lange in Diskotheken nicht mehr zugehörig. Aber noch immer liebe ich es, stundenlang in der Badewanne zu liegen, einen Rosé zu trinken, die seit Freitagabend ziemlich kurzen Haare durcheinanderzuwuscheln - und mir die Lippen rot anzumalen. In völliger Vorfreude auf einen Abend in der City, über die sich längst die Nacht gesenkt hat mit all den tausend Stadtlichtern, Menschen, Stimmen, Gelächter, Musik. Meine Hand in seiner Hand, mein Blick in seinem Blick, irgendwo ein Eis kaufen trotz der abgerutschten 3 Grad über Null.
Ich liebe den Geruch des Popcorns mit Karamell, ich liebe es, meinen Kopf an seine Schulter zu lehnen und in eine Welt einzutauchen, die auch meine sein könnte.

Seien wir doch ehrlich, wir Frauen, so ein bisschen Bridget steckt doch in jeder von uns.
Und ich hoffe, Herr Blau sagt Ja.
Zum Kinodating mit mir ;)

Montag, 7. November 2016

The Moth & The Flame



Vor Jahren wurde ich im Rahmen der Schmerzbehandlung gefragt, wie ich zum Beispiel mit Frust und Ärger umgehe.
"Früher oder heute?" habe ich gefragt und einen erstaunten Blick geerntet.
"Früher habe ich impulsiv reagiert, mich beklagt, alles rausgelassen - und vor Wut spontan geheult."
"Und heute?"
"Heute heule ich nur, wenn ich alleine bin. Bin ich wütend oder frustriert, will ich nach Hause, mich einschließen. Und die Musik aufdrehen, so laut es geht."
"Und dann?"
"Dann tanze ich, ziemlich verrückt. Oder ich liege einfach nur da, auf dem Fußboden, und starre die Decke an."
"Und dann?"
"Nichts 'dann'. Dann ist alles gut."
"Sonst machen Sie nichts?"
"Nein. Brauch ich nicht. Sie glauben gar nicht, was Musik mit mir macht. Musik ist mein Ventil."
"Ja aber Sie müssen es doch auch rauslassen."
"Ne, muss ich nicht. Mit der Musik gleicht sich alles aus, wirklich. Danach geht es mir wirklich wieder gut."
"Wenn Sie das sagen... Aber der Frust, die Wut, die ist ja immer noch in Ihnen. Sie haben Sie ja nicht rausgelassen."


An diesen Dialog dachte ich heute Nachmittag, als ich auf der Autobahn durch Schnee und Schneeregen stürmte. Ich dachte auch an den weiterführenden Dialog, in dem man mich fragte, warum ich dem- oder derjenigen meine Gedanken und vor allem Gefühle nicht mitgeteilt hatte. Wo es doch noch so viel zu sagen gegeben hatte.
"Weil es mir nichts bringen würde. Es würde mir nicht helfen, es würde alles nur noch schlimmer machen. Und dabei will ich einfach nur meine Ruhe haben."
"Dann schreiben Sie es doch ihm/ ihr."

Es gehört zum guten Benimm, dass man nicht über Dritte in deren Abwesenheit spricht. Zum Beispiel. Aber ganz ehrlich? Manchmal - und aktuell aus gegebenem Anlass - geht mir meine eigene political correctness gehörig auf den Sack. Und das nicht deshalb, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sondern einfach deshalb, weil ich auch nur ein Mensch bin, der nicht immer das Richtige macht - und auch nicht machen will. Weil auch ich eines Tages an einen Punkt komme, wo ich einfach alles nur mal rausschreien will.

Hass ist (wie Liebe) ein ganz schön großes Wort. Ich glaube, es gibt nichts und niemanden, das oder den ich hasse. Ich glaube, dazu braucht es eine ganz gehörige Portion negativer Energie, die ich einfach nicht besitze. Aber tiefste Verachtung - die kann ich durchaus empfinden.


Ich verachte Dich zutiefst, weil es für Dich nur Dich gibt.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Du Deinen Kindern vermittelst, dass sie nichts taugen und es zu nichts gebracht haben im Leben.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Dir nichts genug ist, was sie geben oder tun. Dass Du sogar aufrechnest, wer von Euch sich mehr meldet - und Du lieber monatelange Funkstille in Kauf nimmst, anstatt einfach nur mal durchzuklingeln "Na wie gehts?" Dass es mit Dir kein Miteinander gibt - nur ein für Dich.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Du Dich nach der Trennung erst an mir und dann an Deinem Kind bereichert hast - und dann auch noch jedem erzählst, Du hättest immer für mich und die Kinder bezahlt. Du hast nur nicht damit gerechnet, dass ich noch jeden einzelnen Kontoauszug und jeden Beleg besitze.
Und dann kannst Du nicht mal für Deinen Sohn 30 Euro bezahlen für die blöden Gummischuhe, die er sich auf Dein Anraten zu kaufen hatte - obwohl Sohn zu dem Zeitpunkt arbeitslos und ohne Anspruch auf auch nur irgendwelches Geld war.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Du nie, einfach niemals danach fragst, wie es Deinen Kindern geht, ob und wie sie zurechtkommen oder ob sie vielleicht einfach auch mal (Deine) Hilfe brauchen könnten?
Ich verachte Dich zutiefst, weil Du einfach nie da warst und nicht da bist; dass poplige zehn Kilometer Dir zuviel sind, um nach ihnen zu sehen, egal ob sie gesund oder krank sind.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Dich an keinem Weihnachten und keinem Geburtstag interessiert, was Deine Kinder machen und ob sie möglicherweise allein sind. Dass Du nie mit dem Herzen schenkst, sondern mit dem Blick aufs Geld. Aber genau darauf achtest, was Du von ihnen bekommst.
Ich verachte Dich zutiefst, weil Du Deinen Kindern ständig vorjammerst, wie schlecht es Dir geht - und der neue Benz ja ein Superschnäppchen war und die Urlaube, in die Du mit Deiner Frau zweimal im Jahr fliegst, ja von Deiner Frau bezahlt werden.
Ich verachte Dich zutiefst, weil für Dich immer nur alle anderen (vor allem ich) schuld sind - und Du Dich selber nie hinterfragst. Dass Du tatsächlich glaubst, Du machst immer alles richtig.

Ich besitze noch immer genug Anstand, niemandem etwas Schlechtes zu wünschen. Auch Dir nicht - ernsthaft nicht. Meine Schmetterlingsflügel hattest Du mir fast zerquetscht - und auch wenn es noch so falsch war, WIE wir uns getrennt haben - ich bereue nichts. Gar nichts.
Du hast auch die Schmetterlingsflügel Deines Sohnes fast zerquetscht - auch deshalb kämpfe ich seit Jahren wie irre um den Jungen. Und Du begreifst nicht mal, wie unendlich mühsam etwas aufzubauen, aber wie einfach alles wieder zerstört ist.

Ich verachte mich zutiefst, weil ich meinen Kindern einen solchen Mann zugemutet habe. Denn Vater.. kann ich Dich einfach nicht nennen. Das bist Du einfach nicht. Und das warst Du auch nicht.

Sonntag, 6. November 2016

Twenty One

Es ist im Grunde egal, wie alt du an jedem 6. November wirst.
Für mich wirst Du immer mein Baby bleiben.
Das, das sich zwei Tage vor dem Termin um 3.20 Uhr nachdrücklich auf den Weg machte - und das ich um 10.57 Uhr auf den Bauch gelegt bekam. Von dem man schon nach zwei Monaten sagte: "Der sieht ja gar nicht mehr wie ein Baby aus, der sieht ja schon wie ein richtiges Kleinkind aus!"
Mein Baby, das bei jeder Gelegenheit von seiner 1 Jahr jüngeren Cousine abgeknutscht wurde - weil Du einfach immer schon zum Küssen warst.
Das im Alter von 2 Jahren eine hellbraune Cordlatzhose liebte - und ich die liebte, weil ich Dich da auch schnell mal an den Trägern haschen und hochheben konnte, bevor es brenzlig würde, und von der Opa immer sagte: "Mit der Hose sieht der aus wie Pauli der Maulwurf, fehlt nur noch der Spaten und das Eimerchen."
Mein Baby, das sich zum 3. Geburtstag ein Messer wünschte und der Opa antwortete: "Was willst du mit einem Messer, du schneidest dich nur."
"Gut, dann will ich eine Pistole."
"Was willst du denn damit, da verletzt du dich nur."
"Gut Opa, wenn ich kein Messer und keine Pistole kriege, dann will ich eine Bombe haben."
Mein Baby, das in der 6. Klasse vor dem Haus stand und greinte "Ich bin krank und du schickst mich in die Schule!" - nur weil ich anfangs die diffusen, ohne Befund gebliebenen Bauchschmerzen nicht einordnen konnte.
Mein Baby, das mit 14 im Kaufhaus ein Videospiel FSK 18 klaut und nur erwischt wird, weil er eine geschlagene halbe Stunde davor steht und mit seinem Gewissen ringt.
Mein Baby, das in den Schulpausen mit fast 15 einen halben Liter Absinth trinkt, weil es glaubt, es sei "irgendwas mit Lakritze", im Sportunterricht umkippt und erst in der klinik wieder erwacht.
Mein Baby, das unbedingt Erzieher werden will und schon zwei Wochen nach Beginn der Ausbildung erkennt: "War wohl doch die falsche Wahl." Der trotzdem die zwei Jahre durchhält und zumindest das Zertifikat mitnimmt, sich dann aber endgültig für den Weg zur Polizei entscheidet - und vorübergehend einen freiwilligen Wehrdienst ableistet.
Mein Baby, das zweimal ziemlich heftig verliebt war, leider ohne Happy End, und das nun mit Liebe nicht mehr wirklich viel am Hut hat. Aber da Du nicht nur aussiehst wie Dein Vater, sondern auch dessen Wesen sehr sehr ähnlich bist, sehe ich es gelassen und sage: "Tobe dich aus, mit 21 darfst du das - irgendwann begegnest du schon noch dem Mädel, mit dem dann alles anders sein wird."
Mein Baby, das aufstöhnt und sagt: "Ich darf da gar nicht dran denken, du stirbst nie!", als ich vor dem stundenlangen Flug nach Indien alle Papiere geordnet hatte und auch die Jungs mit einbezog, wo ist was, wo finden sie was, an wen können sie sich im Fall eines Falles wenden etc. Und ich lache, nehme Dich in meine Arme "Man muss ja trotzdem mal darüber sprechen."
Mein Baby, das über mich sagt, dass es nur mir vertraut und dass es mich, sollte ich es eines Tages nicht mehr können, pflegen wird, so lange es nötig sein wird. Alles - nur kein Pflegeheim, sagtest Du nach zweimal Praktikum.


Mein Baby, es ist egal, wie alt Du hoffentlich werden wirst - Du wirst immer und ewig mein kleiner Sonnenschein bleiben, der von Beginn an immer viel gelacht hat. Du warst ein fröhliches Kind, Du warst trotz allem ein glückliches Kind und wenn es Dir nicht gut geht, dann leide ich mit Dir mit. So wie ich federleicht werde, wenn Du glücklich bist.
Du und Dein Bruder - Ihr seid mein Leben, Euer Glück ist mein Glück und Euer Schmerz ist mein Schmerz.
Ich fahre dich zur Party, damit du mit deinen Leuten in deinen Geburtstag feiern kannst, warte geduldig mit der Wunschtorte auf dich, bis du endlich heimkommst. Warte geduldig beim Italiener auf dich, zu dem wir immer an deinem Geburtstag gehen - und weil du vorher noch schnell ein Mädel treffen wolltest.
Ziehe mich diskret aus deinem Zimmer zurück, weil du die letzten Minuten des Tages noch ein bisschen zocken willst, "um runterzukommen", wie du sagst ;)

Und morgen früh packen wir beide wieder unsere Taschen, fährst du zurück in die Kaserne, ich nach M - und dein Bruder hütet das Haus, bis wir beide wiederkommen...
Ich weiß, dass Ihr es wisst - aber gerade Euch beiden sage ich öfter, dass ich Euch liebe. Von ganzem Herzen.

Donnerstag, 3. November 2016

...weil ich nicht schlafen kann

Ich bin nicht so der Stöckchen-Freund. Sagt die, die dann und wann dennoch schon mal eins aufgesammelt hat, zuletzt gestern. Aber ich kann nicht schlafen, und das liegt nicht allein an der Tatsache, dass ich in L bin, dass ich die Wohnung hier zuletzt vor 4 Wochen gesehen hatte - und beinah in Verzweiflungstränen ausgebrochen war. Und dabei hatte ich erst vor kurzem noch gesagt, dass die Jungs endlich ihren Rhythmus gefunden hätte. Tja nun, vermutlich den Rhythmus "Muttern kommt, wir müssten dann mal zwei Stunden vorher..." Angesichts der Dauer meiner aktuellen Abwesenheit hat sich dieser Modus wohl leicht verschoben ;)
Und nun grummelt noch die Waschmaschine (ich finde ja, dass kaum etwas mehr Reinlichkeit verströmt wie das Grummeln einer Waschmaschine), läuft nebenbei eine Sitcom und sitze ich hier an meinem Laptop (ist ja fast wie in alten Zeiten, bevor Herr Blau und ich zusammenzogen ;)), lese bei Goldi von einem Stöckchen und auch bei ihren Fragen gehen mir die allermöglichsten Gedanken durch den Kopf. Warum diese also nicht auch aufschreiben?

1. Du bekommst 15 Millionen Euro steuerfrei, was machst Du als erstes?
Bei dieser Frage dachte ich an den Jackpot-Knacker aus Baden-Württemberg, von dem ich noch im Indien-Urlaub las, dass der mit 90 Millionen Euro beschenkt worden war. Da hatten wir schon einige Tage in Indien erlebt - und was ich nach wie vor nicht aus dem Kopf bekomme, sind die Kinder dort. Die Kleinsten und Kleinen, die Babies, die schlafend in den Armen von Frauen (nicht zwingend ihren Müttern, wie ich später erfuhr) lagen, während diese an jeder Kreuzung einer Stadt auf die Touristen warten, um dann mit den Fingerkuppen nachdrücklich an die Scheiben zu klopfen und um Geld zu bitten. Ein Geräusch übrigens, das mich noch immer verfolgt. "You should not give money to the women. They only would get this to buy Opium in the next shop." "Oh... Really... But they have children. All these sleeping babies..." - "Well, you need to know, the babies sleeps, because the women give them water added with Opium." Und ich starre auf die winzigen Füßchen, die abgemagerten Körper, die verfilzten Haare der Kleinkinder, und alles krampft sich in mir zusammen.
"Wenn ich diese 90 Millionen gewonnen hätte", sagte ich am Abend zum Mann, "dann würde ich als erstes in Indien eine Müllverbrennungsanlage bauen. Es gibt so unfassbar viel Müll, das ist Irrsinn. Und dann würde ich Einrichtungen für Kinder bauen. Einrichtungen, wo wir die Kinder baden, ihre Haare und ihre Sachen waschen könnten, wo sie spielen können, zu essen und zu trinken haben."
"Du kannst die Inder nicht ändern", wendet Herr Blau ein, "und du kannst nicht alle Kinder retten. Dann müsstest du sie den Eltern wegnehmen, wenn du willst, dass was aus ihnen wird."
"Aber ich will sie ihren Eltern nicht wegnehmen", war ich ganz erstaunt, "ich will nur, dass diese Kleinen es tagsüber gut haben. Und abends kommen die Eltern und holen sie wieder nach Hause."
"Wenn du Glück hast, holen sie sie wieder ab. Wahrscheinlicher ist, dass sie sie bei dir abladen und nie wiederkommen. Dann hast du irgendwann ein Waisenhaus, das aus allen Nähten platzt."
"Aber die Kinder", antworte ich, während ich gedankenvoll aus dem Fenster starre, "alles beginnt doch damit, wie wir aufwachsen."
"Wenn du 90 Millionen gewinnst und etwas Gutes tun willst, dann sorge erst mal dafür, dass du mit dem Geld arbeitest, so dass es für dich arbeitet. Sonst bist du all die 90 Millionen schneller los als du etwas Gutes tun konntest."

2. Wen vermisst Du in Deinem Leben bzw. mit wem würdest Du gerne jetzt zusammen sitzen und reden?

Meine Großmutter, die im September 1989 starb.
Sie hat mir das Malen beigebracht und mir ihre Leidenschaft dafür vererbt.
Ich hätte ihr so wahnsinnig gern gezeigt, was bis heute aus mir geworden ist. Ich hätte so wahnsinnig gern mit ihr über das Leben und die Liebe philosophiert.
Ich hätte so wahnsinnig gern erfahren, wie das war damals, mit dem echten Vater meines Vaters. Mit dem Franzosen, der nach Kriegsende wiedergekommen war - wovon sie vermutlich selber nie erfuhr.
Zeit ihres Lebens hat sie uns stattdessen erklärt, dass er im Krieg gefallen sei.
Ich hätte so wahnsinnig gern mit ihr nach ihm gesucht. Solange die Möglichkeit bestand, dass er noch lebt. Mein Papa wird 73 in diesem Jahr. Die Möglichkeit ist mittlerweile... sehr sehr gering.
Ich vermisse ihre bedingungslose Liebe zu mir. Bis heute. Bis heute fühle ich die inzwischen ungeweinten Tränen, wenn ich an ihrem Grab steh.

3. Welchen Ort auf der Welt möchtest Du unbedingt erkunden?
Eigentlich keinen bestimmten. Eigentlich möchte ich nur am Meer sein, egal wo. Muscheln sammeln, Steine sammeln, dem Murmeln der Wellen zuhören, meine nackten Füße im Sand vergraben und spüren, wie die Seele zur Ruhe findet.

4. Wenn Du einen Wunsch erfüllt bekommst, denk dran die 15 Mio hast Du schon, was würdest Du Dir wünschen?
In der Timeline meiner Freundin bei FB sah ich vor einiger Zeit mal das Foto eines Zettels, auf den ein Kind geschrieben hatte "Ich wünsche mir für die ganze Welt Frieden."
Das klingt so pathetisch, ich weiß. Aber angesichts der täglichen Nachrichten, von den Berichten über sterbende Kinder, ihren Eltern, ihren Freunden, angesichts der täglichen Nachrichten über mögliche Entwicklungen, die mir Angst machen, wünsche ich mir... einfach nur für die ganze Welt Frieden. Wirklich von Herzen.

5. Welche Farbe haben die Wände in Deinem Schlafzimmer?
Leider weiß. Das wird sich aber ändern, wenn wir umgezogen sind. Herr Blau weiß das, weil er mich kennt. (Ob es möglicherweise auch deshalb immer noch nicht mit einer neuen Wohnung geklappt hat? ;)) Ich mag helles Grau oder helles Beige bzw. sehr helles Braun in Kombination mit Weiß.

6. Auf welches Luxusgut könntest Du in Deinem Leben verzichten?
Auf die Fake-Fell-Winterstiefel, zu denen Herr Blau mich einst überredete :)

7. Kannst Du auf den Fingern pfeifen?
Ich kann überhaupt nicht pfeifen. Nur auf das eine oder andere ;)

8. Dir geht es so richtig schlecht, Du weißt aber  nicht warum, wen rufst Du an?
Früher den Menschen, an dem mein Herz hing. Später die Freundin, die mir am nächsten war. Inzwischen niemanden mehr. Tatsächlich nicht. Ich ziehe mich mehr oder weniger komplett zurück, vergrabe mich in der Musik und versuche, mir selber auf die Schliche zu kommen.
Manchmal frage ich mich, wann ich mich verändert habe und warum. Und dann denke ich, dass es in den Jahren begründet liegt, die ich allein war. In denen ich versucht habe zu begreifen, warum Herzensmenschen kamen und gingen, wortlos, ohne dass sie mit mir sprachen, ohne dass sie mir die Möglichkeit gaben, sie und die Situation zu verstehen. Dass ich ihnen keine Fragen stellen konnte, dass ich versuchen musste, die Antworten selbst zu finden - ohne je zu erfahren, ob es die richtigen waren. Dass ich damit mitunter einem Schmerz ausgesetzt wurde, mit dem ich nur sehr schwer zurechtgekommen bin.
Diese Form des Kommen-und-Gehens gleich aus welchem Grund, gleich in welchem Zusammenhang triggert mich bis heute.

9. Was steht rechts neben Dir?
Ich bin in L. Lümmle auf dem Bett meines Jüngsten, weil der erst am Freitag nach Hause kommt. Rechts hier neben seinem Bett steht ein alter Bauernstuhl, den ich vor Jahren auf dem Antikflohmarkt gekauft habe. Und auf diesem Stuhl liegt eine einzelne verlorene Socke. Es ist ein Phänomen, dass immer, tatsächlich IMMER mindestens eine Socke nach dem Waschen übrigbleibt.

10. Hund oder Katze?
Solange ich in einer Mietwohnung lebe und vollzeit berufstätig bin, keins von beiden.
Wenn eines Tages der Traum vom Leben am Meer doch wieder wahr wird, dann wünsche ich mir einen Hund und eine Katze. Einen großen Hund, weil ich mit den kleinen Wadenbeißern nix anfangen kann.

11. Wann vergisst Du Deine gute Erziehung?
Definitiv bei Gaffern und bei Sonntagsfahrern. Da fahre ich aus der Haut und entwickle spontan echte Hassgefühle, für die ich mich auch nicht entschuldige ;)
Und wenn es ungerecht wird. Normalerweise bin ich ja der entspannte Mensch. Aber wird es ungerecht, reagiere ich auch sehr impulsiv. Dafür kann ich mich dann aber entschuldigen.
Ich weiß auch, dass ich es dann und wann schon mal erwähnte: Hasskommentare auf z. B. FB oder im Kommentarbaum einer Onlinezeitschrift machen mich krank. Zwar wähle ich nach meiner letzten monatelangen Abstinenz noch immer bewusst die Beiträge aus, die ich einschließlich ihrer Kommentare lesen will oder eben auch nicht. Aber diese Entwicklung dahin, dass eine Meinung kein Anlass mehr ist, kontruktiv miteinander zu diskutieren, Gedanken und Ansichten auszutauschen, sondern lediglich als Möglichkeit angenommen wird, verbal um sich zu schlagen, je doller desto besser - die widert mich an. Im Grunde halte ich das Web nicht für einen Ort, für den es sich um Anstand und Respekt zu kämpfen lohnt. Nur zu gerne würde auch ich manchmal dann meine gute Erziehung vergessen. Aber dann erinnere ich mich an den Kommentar von Inch - und ich glaube, sie hat recht. Jeder von uns hat es in der Hand, wie er den anderen begegnet - und was er dafür zurückbekommt. Auch im Web.


Ich gebe zu, dieses Stöckchen ist wesentlich ernsthafter als das gestrige. Bewusst auch habe ich hier auf ein paar passende Bildchen verzichtet. Jemand hat mal vor längerer Zeit zu mir gesagt, dass diese Art eines Blogposts sehr viel über einen selbst aussagt, man sehr viel vom anderen erfahren kann.
Ich glaube nicht, dass man hiermit mehr über mich erfährt als man nicht sowieso schon weiß. Aber irgendwie... hatte ich das Gefühl, dass ich dieses Stöckchen einfach mitnehmen musste.
Jetzt ist es 1:37 Uhr und ich bin immer noch nicht müde. Ich schau mal nach der Wäsche.