Mittwoch, 16. August 2017

...weils eben doch nicht einfach EINFACH wird

Zu früh gefreut. Der 1. April mitten im August. Ha ha. Selten so gelacht.
Vergangenen Freitag trudelte ein Schreiben des künftigen Arbeitgebers von Sohn II ein: "Tut uns leid, den für L zugesagten Ausbildungsplatz aufgrund angepasster Rahmenbedingungen zurücknehmen zu müssen. Ihre Ausbildung erfolgt jetzt in C. Bitte bestätigen Sie uns das (oder Sie sind raus - so direkt stands nicht da, aber man kann ja auch zwischen den Zeilen lesen.)"
Erst dachte ich, der Sohn will mich vergackeiern - aber ne, der rief extra aus seinem Urlaub in Italien an und klang auch ziemlich geknickt.
Angepasste Rahmenbedingungen - damit kann doch irgendwie auch kein Schwein was mit anfangen.

Anträge auf Tausch des Ausbildungsplatzes kann man stellen - bitte nur per E-Mail, aber formlos geht. Haben wir gleich noch gemacht. Und auch gut begründet. Nein, sehr gut begründet, wie ich denke.
Gestern Nachmittag dann kam die Ablehnung für den Tausch. Er würde ja Angestellter des Freistaates werden, da erwarte man auch in Zukunft etwas Flexibilität. Logistisch derzeit aufgrund von Zusammenlegungen nicht anders lösbar.
Kann man alles nachvollziehen. Nur in meiner Welt, da kapiere ich eins nicht: Zusagen erteile ich erst, wenn ich weiß, dass ich diese Zusage auch halten kann. Es kann immer was dazwischen kommen - aber weiß ich tatsächlich erst 14 Tage vor Beginn einer Ausbildung, wie viel Plätze ich in L nun zu vergeben habe?? Kann ich mir so nicht vorstellen. Und nervt mich.
Denn alle Probleme sind nun wieder auf dem Tisch. Noch eine WG oder pendeln? Mitfahrgelegenheit "aus eigenen Reihen" (wird ja sicherlich mehrere Anwärter aus L betreffen) organisieren und sich selber mobil machen? Einen Fahranfänger, der im April seinen Führerschein bekam und seither kein Stück mehr gefahren ist? Und den jetzt täglich 160 km damit pendeln lassen? Schafft er sicher, ich muss ihm das nur zutrauen, sagt der Kopf. Ich traus ihm ja zu, aber so mit der Unerfahrenheit hab ich trotzdem Angst, sagt der Bauch.
Oder andere Alternative: Noch eine WG in C und nur montags und freitags pendeln - und wer bezahlt das alles? Er wohl kaum. Also bin ich wieder in der Pflicht - oder sie geben ihre WG in L auf und jeder zieht in was Eigenes. Und was wird dann mit Sohn I?
"Da hat er ja nun alle Ausbildungsplätze durch", meinte eine Freundin gestern Abend. Erst S, dann L, jetzt C.
"In C gibt es aber gestellte Unterkünfte, ist wie beim Bund", heißt es. Im Schreiben des Arbeitgebers steht was anderes. Was stimmt nun?
Wir ziehen grad alle möglichen Informationen zu uns, sortieren und versuchen, das Beste draus zu machen.
Nix mit Erleichterung. Nix mit einfach. "Einfach" scheints im Vokabular bei Ziggenheimers wohl nicht zu geben. Der Spruch, den ich im Mai von einem LKW fotografierte "Heul nicht, kämpfe!" wird wohl unser Lebensmotto bleiben.
Also alles wie immer.

Na ja, vielleicht nicht ganz. Sohn I fühlt sich richtig wohl im neuen Job. Er fühlt sich angekommen - und mein Bauchgefühl bestätigt sich damit. Endlich traut er sich auch zu, mal eigene Wege zu gehen, eigene Kämpfe grad im Behördenwahnsinn aufzunehmen und auszufechten. Was normal ist in seinem Alter, aber was für ihn ein sehr wichtiger Schritt ist, wenn man um seine Verfassung weiß. Ich hab mich sehr gefreut für ihn.
Sie werden wachsen, so wie ich durch sie und mit ihnen. Der eine früher, der andere später (aus welchen Gründen, ist ja dabei erst mal egal).
Das zumindest ist der absolut positive Aspekt, an dem ich mich derzeit wieder aufrichte, nachdem mir gestern einfach nur noch nach Betrinken war. Und auf mein Bauchgefühl auch gleich mit. Das hatte im Hinblick auf Sohn II nämlich von Anfang an signalisiert "Na... warte erst mal ab... Da kommt noch was."
Egal, wie positiv man sich steuern kann und will - das Bauchgefühl kannste einfach nicht bescheißen. Wobei das ja auch durchaus Gutes bedeuten kann.

Mittwoch, 2. August 2017

Tage in Bildern

Die Tage verrinnen und sind angefüllt mit viel Arbeit und sehr verplanten Abenden. So sehr wie lange nicht mehr. So sehr, dass ich in der Nacht in das Bett falle und zumeist tief und traumlos schlafe - so wie schon sehr lange nicht mehr. Es sind diese Nächte, nach denen ich morgens nur zögerlich aus dem Schlaf komme und fühle, wie groß die Anspannung insbesondere der letzten zwei Jahre wirklich war. Wie wenig ich noch all den positiven Entwicklungen trauen kann und zugleich dennoch loslasse.. Mehr und mehr..



Es ist Jahrmarkt und wir sind diesmal dabei. Wider Erwarten machen die Konzerte so richtig Laune - und es interessiert niemanden, ob man textsicher ist oder nicht: Die Stimmung ist gigantisch, wir ziehen von Zelt zu Zelt und wollen kaum noch heim. Herr Blau muss mal wohin und ich werde von einem Fremden in ein Gespräch verwickelt. Wie ich reagieren würde, wenn mir eine Frau sagt, ich solle von ihm die Finger lassen, er sei ein Arsch. Ich lächle. "Ich glaube nicht alles, was man mir sagt." Er zieht an seinem Joint, er lächelt auch und dann kommt schon Herr Blau, der mich schnaubend mit sich zieht.
Es ist einer dieser herrlichen Sommerabende, an denen man barfuß durch Straßen laufen und im Regen tanzen möchte; einer dieser Abende, die erfüllt sind von Sehnsucht, Zuneigung und unbedingter Freude am Leben. Deshalb MUSS ich fotografieren, was irgendjemand an den Zaun geschrieben hat..

"Mit dir will ich durchs Gras tanzen..." ist eine Karte, die ich irgendwo beim Herumstöbern gefunden habe, und ich überlege, diese Herrn Blau zum Geburtstag zu schenken - oder selber nachzugestalten. Immerhin haben wir seinen Tag am See verbracht, im Gras verbracht, aber dann entscheide ich mich für die andere Variante mit der schönen Welt und so.



"Schön, dass es dich gibt" - eine "Liebeserklärung" einer Freundin an mich (nehme ich zumindest an, oder warum sollte sie mir sowas sonst via whatsapp schicken?) Jedenfalls habe ich mich darüber gefreut, auch wenn ich das nicht soooo zeigen kann. Ihr wisst doch, ich bin e bissl wie komisch bei Komplimenten.
Die Oper in L - so viele Jahre habe ich dort gewohnt und die Oper dennoch nie von innen gesehen. Dazu bedurfte es wohl erst der Einladung durch eine Freundin. Jetzt. Wo ich doch schon so lange nicht mehr in L wohne. Überhaupt war ich noch nie in einer Oper. Was soll ich da? Man versteht doch sowieso nicht, was die dort singen - und dann ist mir der Rest... "zu wenig".
Doch diese hier hat mich überrascht. Kein Gesang - nur Ballett. 12 Märchen der Gebrüder Grimm werden dargestellt und zunächst fangen sie mich damit nicht ein. Sehr sparsame, eckige, sich immerfort wiederholende Bewegungen, immer und immer wieder dasselbe, nur in verschiedenen Kostümen - es lässt mich irgendwie kalt.
Doch dann nach der Pause - die erste Geschichte des Aschenbrödels... Hier bekomme ich eine wahnsinnige Gänsehaut. Hier wird zum ersten Mal richtig zum Ausdruck gebracht, was mir so wichtig im Leben ist: Liebe. Gefühl. Zuneigung. Ich beuge mich vor, betrachte wie gebannt und mag mich kaum von diesem Bühnenbild lösen.. Es ist wundervoll - und so gehe ich auch aus diesem gemeinsamen Abend mit meiner Freundin wieder raus..



Der Kopf wird freier, die Gedanken fließen wieder.. Ich schreibe wieder viel mehr, auch wenn hier eher nicht. Und ich liebe es, Gedanken in Worte zu verwandeln und aufzuschreiben. Einfach so und für mich. Die Figuren formen sich vor meinen Augen, vermischen sich mit Erinnerungen...
Früher bin ich für einen Kaffee und eine Pizza etwa vierhundert Kilometer gefahren. Heute sind es schlappe eintausendzweihundert für einen Geburtstagsabend - mit Leuten, die ich kaum kenne, jedoch seit Jahren mit Herrn Blau befreundet sind.
Ich bin am späten Abend so müde, dass ich die Beine zwischendrin immer mal hochlege und ganz froh bin, als Herr Blau dann irgendwann fragt, ob wir denn jetzt gehen wollen.
"Wie war es in Berlin?" werde ich später gefragt und ich muss lachen: "Ich habe leider nicht wirklich was gesehen." Eine Anreise mit vielen Staus und Verzögerungen - und am Abend, mit dem Glas Erdbeerbowle in der Hand frage ich Herrn Blau erstaunt, warum wir nicht auch den Flieger genommen hatten.
"Weil du doch Angst vorm Fliegen hast!"
"Aber ich hab doch noch die Pillen von Indien!"
"Das hättest du eher sagen sollen!"
"Du hättest mich ja fragen können." :D
Das kleine Hotel entpuppt sich als ein ganz schnuckeliges - entgegen der Auskunft anderer, die auch schon dort nächtigten. Wir vermuten, dass der Betreiber inzwischen gewechselt hat - denn wir fühlen uns dort wirklich wohl. Nur die Betten... Die sind wirklich blöd. Zwei zusammengestellte Liegesofas, wie sich später in der Nacht deutlich bemerkbar macht ;)
Als wir am Morgen danach wieder zurück nach M reisen, malen wir Zukunftspläne. Berlin könnten wir uns beide vorstellen. Ist nicht das Meer, ich weiß. Soll ja auch nichts für immer sein - ich spüre einmal mehr das Zugvogel-Gen in mir...

Herr Blau schickt mir ein Foto von Skulpturen und ich lächle und schreibe: "Das sind ja wir!" Und ich will mehr davon sehen: "Ist das eine Ausstellung? Lass uns das besuchen, uns das näher anschauen." Und er schickt mir diesen Affen, der die Hände vors Gesicht schlägt: "Das wär blöd. Die standen auf der Toilette beim Inder, wo wir letztens zur Diashow eingeladen waren."
Tja. Blöd gelaufen. Öffentliche Toiletten sind mir ein Graus, ich meide sie, wann immer es geht.
Sollte vielleicht doch dann und wann mal eine Ausnahme machen ;)

Das Wetter ist komisch. Sieben Tage Regen und 13 Grad, dann sieben Tage Sonne und 34 Grad. Diese Woche ist die Sonnenwoche und wir entschließen uns zum Abendessen im Biergarten. Der ist voller Kastanienbäume - ich lieeeeebe Kastanienbäume!!
Später noch in die Isar? Später sind wir aber dann doch zu müde und schleichen geruhsam und Hand in Hand nach Hause. Es ist der letzte Abend, bevor ich wieder nach L muss. Die Jungen warten schon. Wir wollten ja die Kuh fliegen lassen! Aber ne, der eine will am Samstag in den Urlaub - und es gäbe da noch ein bisschen Wäsche und so. Der andere wollte nur wissen, wann er wieder Ordnung machen muss, bevor ich durch die Tür komme. ;)

Weggegangen - Platz gefangen! Den Teddybär schenkte mir mein Jüngster zum Geburtstag - und ich lieebe ihn!! So sehr, dass Herr Blau ihn manchmal heimlich knufft und hinter das Sofa wirft, wenn ich nicht hingucke. Heute übte er sich in Contenance - und platzierte ihn vor meinem Schreibtisch. Seht Ihr, wie schelmisch der Bursche grinst? Ich mag mich gar nicht fragen, welche Seiten der da grad aufgerufen hat!

"Go Fuck Yourself" ist die Reaktion in unserer Mädelsclique, nachdem sich wieder ein Typ mit "Breadcrumbing" und "Ghosting" ins Nirvana verabschiedet hat. In meinem Kopf schrieb ich gefühlt zwanzigfach an einem Post, dem ich die Überschrift "Die Sagrotan-Generation" verlieh. Vielleicht komme ich noch dazu, diesen aufzuschreiben, bevor er mich völlig verlässt. Denn die (meisten) Männer von heute sind auch nicht mehr das, was sie einst versprachen - und das muss ich dann vielleicht auch noch mal loswerden.

"Faire Vermieter gefragt"? Entdeckt in einem von M's Biergärten - aber fair ist hier überhaupt nichts mehr. Eintausendsiebenhundert Euro warm für rund achtzig Quadratmeter auf drei Zimmer verteilt - das ist alles, aber nicht fair. Das ist ein schlechter Witz. Leider sind nur solche Komiker unterwegs, denn auch nach drei Jahren haben wir noch immer keine passende Bleibe für uns gefunden, in der wir beide etwas mehr atmen können. Uns nicht so beengt fühlen müssen. Raum haben für das, was wir gerne tun möchten. My home is my castle - mein Nest, meine Zufluchtsburg, meine Wohlfühloase. Das, worin wir noch immer wohnen, erfüllt es leider nichts - aber zu 1.700 Euro bin ich dann doch nicht bereit. Als Single wäre ich in M absolut nicht überlebensfähig, auch nicht mit diesem speziellen Wohnmodell der nicht-ganz-so-gut-Verdiener (für Ms Verhältnisse, wohlgemerkt, denn eigentlich verdiene ich wirklich nicht schlecht). Mir ist immer wieder schleierhaft, dass es trotz allem immer noch genug solvente Mieter zu geben scheint. Muss es ja. Oder doch nicht? Manchmal denke ich an die Besichtigung im März letzten Jahres. Drei Zimmer Maisonette, eintausendfünfhundert warm. Sehr niedlich, sehr schnuckelig. Mit uns ein weiterer Bewerber, verheiratet, Kinder. Familieneinkommen: eintausendfünfhundert Euro. Frage der verwunderten Vermieterin: "Und wie wollen Sie da die Miete aufbringen?" - "Das kriege ich schon hin, da können Sie sich drauf verlassen!" Natürlich hat er den Zuschlag nicht bekommen - aber ich frage mich immer wieder ernsthaft: WIE MACHEN DIE LEUTE DAS???

Ich weiß nur, was ICH jetzt mache: Die letzte Runde Wäsche der Jungs in die Waschmaschine tun. Dann bin ich durch für heute.

Mittwoch, 26. Juli 2017

"Humor ist der letzte Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt."

Da wollte ich doch gestern Abend in Ergänzung der tags zuvor online verabschiedeten Änderung zur Familienversicherung noch ein Dokument hochladen - aber irgendwie ging das nicht. Gesendet ist eben gesendet, aber vielleicht gabs da ja doch noch ne Möglichkeit, den Gang zur Post zu sparen?
Wer keinen Bock hat, ewig in einer Telefon-Warteschleife zu hängen, der hängt sich halt in einen Chat. Dachte ich. Nachdem ich beim ersten Versuch brav abwartete, bevor ich überhaupt etwas schrieb, und der Chat nach geschätzten zwei Minuten ergebnislos beendet wurde, startete ich im zweiten Versuch immerhin erst mal einen Testlauf. Und schickte alsdann die Frage gleich mit hinterher.


Äh... Tja. Wieder nix.
Waren die echt so überfordert mit der Frage? :)
Mit einem erstaunten, aber doch amüsierten Blick, die Kaffeetasse in der linken Hand, die rechte auf der Maus, dachte ich: "Okay, na gut, probiern mers mit nem Rückrufservice. Immerhin werben se ja für nen 24 Stunden-Service. Kann man ja mal testen."


Tja!
Auch wieder nix! Und dabei habe ich nicht mal einen präferierten Zeitraum angemeldet, ihnen quasi eingeräumt, mich auch nachts um halb drei aus dem Bett klingeln zu dürfen.
Nun ja.
Auch Herr Blau wundert sich ja immer, wieso seine Krankenkasse extra eine App anbietet, mit der man alle Rechnungen digital einreichen kann - um Papier zu sparen! Und dann bekommt er einen vierseitigen (!) Anwortbrief - für jede Rechnung einzeln. Muss man nicht verstehen.

Herr Blau fängt an so einer Stelle ja meist etwas an zu wettern und so, das Stimmungsbarometer sinkt dann schneller als ich "Käffchen!" rufen kann, aber ich dachte mir, komm, lass dir deinen Kaffe erstmal schmecken, solange er noch heiß ist und dann ruf ich morgen einfach mal in der Geschäftsstelle in L an. Schließlich wohnt Sohnemann, um den es hier geht, dort, und DA ging bislang IMMER jemand ans Telefon. Und schickte alsdann dem Kaffee genüßlich noch ein Stück Praline hinterher, bevor ich von einem Unwetter auf meiner Heimatinsel las und die Mama auf meine Frage hin förmlich ins whatsapp  schrie (oder wie soll man geschätzte zehn Ausrufezeichen interpretieren?): "JA das haben wir!!!!!!!!!"
"OK Mama, dann bleibt heute vielleicht besser zu Hause."
"Geht nicht, ich hab nachher noch einen Termin und dann muss ich Papa aus dem Garten abholen."
(Der ist ca. 18 km entfernt.)
"OK Mama. Dann halt unterwegs die Augen offen. Nicht dass der Papa dir schon im Schlauchboot entgegenkommt."
Fand se nich so lustig, die Frau Mama.
Jedenfalls der Reihe Wutsmileys nach zu urteilen.
Und ich begreife langsam, warum sie ihr whatsapp nicht mehr missen möchte :)

Auch Herr Blau fand mich nicht so lustig in der Nacht zum Sonntag, als wir nach der feuchtfröhlichen Party gegen halb drei Uhr morgens die Treppen hochstiegen.
"Endlich zu Hause."
"Hmpfgrimmpppffff."
"Was maulste denn jetzt?"
"Na es war doch mein Geburtstag."
"Und? Haben wir den nicht ordentlich gefeiert?"
"Na ich wär *hicks* schon gerne noch mit *hicks* in das [Nobelschuppen] gegangen."
Und mit dem Brustton der ehrlichen Verwunderung schaute ich ihn an: "Was wollteste denn da? Du bist doch schon voll!"
War nicht so gemeint, hat er trotzdem so verstanden und fiel latent beleidigt ins Bett. Aus dem er am Folgetag nur einmal gegen 12 Uhr zum Frühstück und dann abends gegen 19 Uhr zum Abendessen wieder aufstand. Ja ja, von wegen, da wär noch was gegangen ;)

Aber nu ja. Ich kann auch alleine lachen. Sogar über mich selbst ;)

Dienstag, 25. Juli 2017

Lieblingsgeräusche

Gibt es sie, die totale Stille? Ich weiß es nicht, ich habs nicht ausprobiert, nicht danach gesucht. Mein ganzes Leben lang begleiten mich Geräusche, und manche davon liebe ich, weil sie mich wohlfühlen lassen mit dem, was ich gerade tue - oder weil sie mir Bilder in den Kopf zaubern, wo und wie ich gerade sein wollte...

Heute Morgen bekam ich in einer Nachricht "Lieblingsgeräusche" mitgeteilt, und ich habe mir spontan diejenigen ausgewählt, die wiederum zu denen zählen, die etwas in MIR auslösen:
  • das Knarren eines alten Parkettbodens
    (Es erinnert mich so sehr an den Dielenfußboden bei meiner Großmutter, bei der ich jedes Jahr im Sommer die Ferien verbrachte, ihre Bücher las, ihre Fotos betrachtete, ihre Perlenkette durch meine Finger gleiten ließ, Puppensachen nähen lernte und von der ich die Leidenschaft zum Malen erbte.)
  • das Auf- und Zuklappen von Buchdeckeln
    (Ich LIEBE Bücher, ihren Geruch, ihre Haptik, und darum lehne ich jede Form von digitalen Büchern rundweg ab.)
  • die sanfte Wärme in der Stimme einer geliebten Person
    (Was das Timbre in einem selbst auszulösen vermag, erlebte ich bislang bei nur einem einzigen Menschen.)
  • sommernächtliches Grillenzirpen
    (Weil es mich an die Nächte im Gras erinnert, in denen wir Wein tranken und über das Leben philosophierten, während sich über uns der klare Nachthimmel spannte und wir glaubten, die Sterne mit den Händen greifen zu können.)
  • das Knistern beim Abspielen einer alten Schallplatte
  • das Donnergrollen eines herannahenden Gewitters
    (Ich liebe Gewitter, wenn ich zu Hause bin, die nackten Beine ausstrecke, leise Musik durch das Zimmer perlt, ein Glas Tee in der Hand, während ich dem Grollen da draußen zuhören und zusehen kann.)
  • Schnee, der unter meinen Füßen knirscht
  • Herbstblätterrascheln
    (Da kann ich noch heute mit der Freude eines Kindes durchstieben.)
  • Regen, der ans Fenster prasselt
  • der fröhlich bunte Klangbrei in Straßencafés
    (Für mich zeugt das immer von pulsierendem Leben. Vermutlich liebe ich es deshalb, in der Stadt zu leben, mich untermischen zu können, wann immer mir danach ist - oder mich auch wieder zurückzuziehen, wenn ich genug davon habe.)
  • das Klicken von Schreibmaschinentasten
    (Gut, ich gebe zu, die Schreibmaschine, auf der ich einst noch lernte, ist inzwischen längst abgelöst. Längere Texte würde ich vermutlich so nicht mehr verfassen wollen. Aber ich liebe das Geräusch bis heute. Es hat so was... Kreatives irgendwie... Vielleicht, weil man tatsächlich schreiben kann, was immer man auch will. Die Technik von heute jedoch macht es möglich, dass ich mich jederzeit in eines dieser Straßencafés setzen und schreiben könnte, wann immer mir danach wäre. Und dieses Lebensgefühl mag ich... Mich an freien Tagen irgendwohin zu setzen, einen Kaffee oder einen Tee  zu trinken, etwas Süßes dazu zu essen und bei all dem am großen Fenster eines Cafés zu sitzen, zu schreiben, während der Blick sich ab und an vom Bildschirm erhebt und über die Menschen da draußen streicht.. Betrachten, beobachten, lächeln, weiterschreiben..)
  • das Prasseln eines Kaminfeuers
    (Ich erinnere mich an einen Abend auf jener Insel, nein, nicht der Heimatinsel, als wir den Kamin in diesem Häuschen entzündeten und dieser kleine Raum derart mit Hitze erfüllt wurde, dass wir selbst im Monat März für ein, zwei Stunden die Tür zum Garten öffneten und die Katze betrachteten, die sich auf der Türschwelle niederließ und so lange dort saß und die Wärme genoss, bis wir irgendwann die Tür wieder schlossen... Herrlich.)
  • das Plätschern eines Bergbaches
    (Für mich ist es eher das Raunen des Meeres, das Tosen der Wellen. Nirgendwo sonst fühle ich mich so unfassbar frei und gelöst wie am Ufer eines Meeres. Die Arme ausbreiten, die Augen schließen, der kurze Rock flattert im Wind und durch die Zehen drückt sich der feine Sand... Oh ja bitte, ich möchte eines Tages wieder dort leben, egal wo, bitte nur am Rand eines Meeres.)
  • Wind, der wispernd durch Baumkronen weht
    (Oh ja, ich liebe ihn, diesen streichelzarten Wind, der murmelnd durch die Wipfel zieht, der liebevoll durch die Haare wuselt und die nackte Haut streichelt...)
  • dein Lachen, wenn es in mein eigenes einstimmt
    (Miteinander Spaß haben, miteinander lachen, das verbindet so viel mehr. Solange es echt ist.)
Und ich las diese Punkte, ich dachte spontan an die Dinge, die mir dazu einfielen  - und in Gedanken fügte ich noch ein weiteres Geräusch hinzu:
  • das leise Grummeln der Waschmaschine
    (Ich mag dieses Geräusch wirklich sehr, weil es so nach Behaglichkeit atmet, nach dem Duft frischer, gestärkter Wäsche, nach dem Duft grüner Äpfel in Wäsche-Weidenkörben.
    Meine Großmutter spannte noch auf dem Hinterhof ihre Leinen, stützte diese mit gegabelten Holzstecken und anschließend legten wir gemeinsam die Wäsche zusammen. Bis heute liebe ich diesen Geruch aus frischer getrockneter Wäsche, zwischen die sie bisweilen ihre grünen Äpfel legte. Sie ist seit 28 Jahren tot - aber ich vermisse sie bis heute. 

Montag, 24. Juli 2017

Ich will einfach nur nach Hause - Agra, Tag 16


Als wir Agra erreichen, hab ich nichts mehr essen können, kaum trinken, denn mit jedem Versuch, mir etwas Banane oder trockenes Weißbrot beizubringen, ende ich da, wo ich kaum noch herauskommen mag: im Badezimmer.
Und mit einem Mal kann ich alles nicht mehr ertragen, den ewigen Geruch nach Dreck, nach Kloake und Fäulnis in der Stadt, in den Sachen, in den Haaren, auf der Haut, einfach überall. Dazu diese ewig währende stickige stinkige Luft, es gibt einfach nirgendwo frische Luft, keinen einzigen Atemzug, und gerade jetzt, wo die Fiebersäule der 40 entgegenklettert, geht mir das alles nur noch auf die Nerven. Die ewige Glocke aus Dunst, Hitze, Gestank, Lärm und dieses ewige Hupen der Mopeds, der Gestank aus den Färbereien oberhalb der Keller, in denen die Näher sitzen. Ja, die Näher, keine Frauen.



Die Inder sind so süß, so besorgt, aber ich will einfach nur meine Ruhe. Nicht angesprochen werden, nicht angefasst werden, ich will mich einfach nur hinlegen, ich will, dass der Anfall von Schüttelfrost wieder aufhört.
Und dabei können wir hier vom Hotel aus schon den Taj Mahal sehen.
Das kanns doch nicht sein, echt. Man fliegt doch nicht nach Indien und geht dann nicht wenigstens einmal rüber zum Taj Mahal? Aber ich schaffe es an diesem Abend nicht. Es geht einfach nichts mehr und so steigt Herr Blau auf das Dach des Hotels und versucht, von dort aus Fotos zu bekommen.
"Am schönsten ist er, wenn die Sonne aufgeht und wenn sie untergeht."
"Morgen früh gehen wir", flüstere ich, obwohl ich - ehrlich gesagt - nicht weiß, wie ich das hinkriegen soll. Aber irgendwie wirds gehen...









Es ist 6 Uhr morgens und vor dem Tor des Taj Mahal stehen schon die Besucher und warten auf den Einlass. Zweireihig. Ich muss nicht stehen und warten, ich darf mich vorn an den Eingang setzen. Vermutlich sehe ich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgekotzt genug aus.

Es ist schon so.... Mir gings tatsächlich hundeelend, dunkelgrünes Wasser aus allen möglichen Gängen des Körpers, Fieber ohne Ende - aber dann steht man da in diesem Park mit vor Schwäche zittrigen Beinen, man steht vor diesem irrsinnigen Monument einer längst vergangenen Liebe, eines längst vergangenen Lebens und es nimmt einen einfach gefangen.. Tatsächlich. Ich kann es kaum beschreiben. Heute weiß ich, ich hätte es bereut, mich nicht dort auf den Weg gemacht zu haben. Es liegt so eine unfassbare Ruhe in diesem Gebäude, vor diesem, nein, um dieses Gebäude, eine Kraft, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ich saß davor auf einer Bank und schloss die Augen.
Und in mir fühlte ich nichts mehr - nur Ruhe und Stille. Den Klang einer Melodie, die nur ich hörte.

Jedoch ich war auch dankbar, dass es endlich, endlich wieder nach Delhi und von dort direkt nach Hause ging. Ich wollte nur noch heim, ich wollte frische Luft in meine Brust atmen, ich wollte den Hahn aufdrehen und klares Wasser in ein Glas füllen, um es zu trinken. Ohne dass es von jenem süßlichen Geschmack der Fäulnis begleitet wurde. Ich wollte ein Bad nehmen, mir das Haar waschen und einfach nur noch nach mir riechen und schmecken.. Auch wenn es noch ganze drei Wochen dauern sollte, ehe der Körper aufhörte zu fiebern und alles von sich zu geben..


Danke Indien, danke für diese doch sehr intensive Erfahrung, dich zu entdecken. Danke für die Erinnerung daran, wie vieles bei uns so selbstverständlich geworden ist - und was für euch einen mitunter irrsinnigen Kraftakt bedeutet. Nichts im Leben ist selbstverständlich, wir vergessen es nur zu oft und zu gern, je besser es uns selber geht...
Und ich war so sehr dankbar für diesen Schritt aus dem Flughafen in M heraus, raus in den hier bereits eisig kalten Morgen, kurz nach fünf Uhr, und ich blieb stehen, ich atmete tief ein, immer tiefer; ich war so dankbar für die Geste der Freundin, uns ein Willkommensbrot zu backen, selbst gemachten Likör, zu fühlen, man ist wieder da, man ist wieder daheim und es gibt Menschen, die tatsächlich auf einen warten und froh sind, dass man wieder da ist.. Danke dafür!

Heute, neun Monate nach unserer Reise, vermag ich noch immer kein indisches Essen zu riechen oder gar zu schmecken. Aber inzwischen kann ich mir vorstellen, dieses Land noch einmal zu bereisen, eine andere Ecke dieser unfassbaren Weite zu entdecken. Sehr sogar.
Denn wenn ich eines mitgenommen habe neben all den Eindrücken, dann ist es diese wunderbare innere Ruhe..

"12 Frauen, 12 Probleme" - Jaipur, Tag 14

Frühstück ist die einzige Mahlzeit, die wir "offiziell" nehmen. Alles andere kaufen wir an diversen Obst- und Gemüseständen oder von einer der unzähligen Küchen am Wegrand, über die Herr Blau sagt: "Eigentlich kann man das alles bedenkenlos essen, so heiß, wie das zubereitet wird. Wir müssen nur drauf achten, dass das, was wir wollen, auch vor unseren Augen zubereitet wird."
Und so schauen wir an jeder Station, wo wir halten, zu, wie Backwerk, Fleisch, Gemüse im siedenden Öl der Pfannen oder der aus Stein gemauerten Herde gegart wird und während wir uns niederlassen, wundert sich Herr Blau immer wieder: "Dass du alles so verträgst und essen kannst, das wundert mich wirklich." Mich - offen gestanden - auch ;)



Das letzte Frühstück in Deogarh, meine geliebten Pancakes, frisches Obst und Omelett und Herr Blaus Blick: "Du wirst gleich platzen." "Das ist egal."
Dass die Fahrt nach Jaipur mit etwa 280 km den halben Tag andauern wird, ahnen wir noch nicht, als wir in einen Zug steigen und durch einen Teil der Gebirgswelt Rajasthans fahren.




Mir ist, ehrlich gesagt, nicht so wirklich wohl dabei. Ich denke an selbst zusammengezimmerte fahrbare Dinger draußen auf dem Land. Ein Satz Reifen, ein paar Bretter und irgendwo da drinnen noch ein Motor, woher auch immer - und das Ding läuft. TÜV in dem Sinne gibt es nicht, man holt sich einmal einen Stempel ab und hat dann 10 bis 15 Jahre Ruhe. Und wenn einer sich selbst was zusammenbaute und damit fährt, interessiert es auch nur niemanden. Er fährt halt.
Nun ist die indische Bahn freilich kein selbstzusammengezimmertes Ding, aber... na ja, das Kopfkino erinnert sich zu gern an den einen oder anderen Beitrag, den man irgendwann mal gelesen hat - und insbesondere angesichts meiner Höhenangst schlug ich innerlich dennoch drei Kreuze an die imaginäre Wand, dass wir heil ein- und auch wieder ausgestiegen waren.
Dafür begeistern mich die Affen mit ihren wundervoll samtigen Händen, Fingern, die nach einem greifen und nachsehen wollen, ob man etwas in den Händen hat.
Ein Inder drückt mir Kekse in die Hand und bedeutet mir, diese weiterzugeben, aber dazu komm ich gar nicht - der Affe greift schon zu, er kennt das. Man kennt sich ;)
"Cookies are not good for their health", sagt der Inder und ich schaue verwundert: "So why you gave me cookies?" Er lacht, hebt die Schultern "Just for fun. Its funny!"
Wir blöden Touristenesel, ne.

Und dann kommen wir nach Jaipur... The pink city. Die Stadt, in der nicht nur die Häuser pink bemalt sind ;)
"Die indischen Männer und Frauen bewundern helle Haut und helle Haare. Das wollen sie auch. Sie wollen auch blonde Haare - aber sie bekommen ihre Haare maximal in Rot gefärbt. Heller bekommen sie sie nicht."
Und wir Europäer legen uns in die Sonne und färben uns die Haare dunkel, wir Frauen beneiden die Inderinnen um ihr tiefschwarzes, zumeist kräftiges Haar und ihren wunderbar milchkaffeebraunen Teint... So wollen wiederum wir Europäerinnen aussehen. Wir sind schon komisch, wir Menschen!




Es ist diese Lücke neben dem Mülleimer, wo ein Mensch lag und vermutlich schlief. Denn als ich sagte: "Lasst uns noch mal zurückkehren, da lag doch jemand?", da war er schon wieder fort.
"Ich hoffe, dass er nur geschlafen hat", sage ich zu Herrn Blau und er und der Inder wechseln einen Blick. Hier interessiert es einfach niemanden, ob da jemand zusammenbricht und stirbt. Er bleibt halt liegen, bis ihn jemand "wegräumt".
Und dabei ist, wie ich erfahre, die medizinische Versorgung geregelt: Jeder kann einen Arzt aufsuchen, niemand muss extra dafür bezahlen. Es gibt tatsächlich auch eine Schwangerenvorsorge. Was für uns selbstverständlich ist, ist es anderswo eben nicht, erst recht nicht in einem Land wie diesem.

Es ist das Amber Fort in Jaipur, das mir Herr Blau am nächsten Morgen unbedingt zeigen möchte. Wo er vor neun Jahren stand und sich wünschte, er wäre gemeinsam mit mir dort...
Man kann den Weg auf den Berg hinauf auf einem Elefanten reiten, aber ich lehne ab. Es ist 9.30 Uhr morgens und bereits 34 Grad heiß - für mich ist das Tierquälerei. Außerdem brauche ich keine typischen Touri-Fotos auf oder neben einem Elefanten, einem Kamel oder was auch immer. Wenn es nach mir ginge, brauchten wir auch keine Zoos und keine Zirkusmanegen. Wer fremde Tierarten entdecken will, soll entweder bei Google nachschlagen oder in das Land seiner Wünsche reisen. Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung.



Wir betreten das Amber Fort, in dem früher ein Maharadscha mit 12 Frauen lebte.
"12 Frauen - 12 Probleme. Heute haben wir 1 Frau und 12 Probleme", schmunzelt der Inder und Herr Blau grinst.











"Wir Hindis glauben daran, dass ein unvollendetes Leben, in dem sich nicht alles erfüllt hat, nicht zuende ist. Man kommt wieder, um sich dann seine Träume zu erfüllen", sagt der Inder zu mir, während wir im Innenraum des Forts stehen und auf Herrn Blau warten, der überall herumwieselt, um Fotos zu machen.
Ich schaue ihn an. "Ich weiß nicht, woran ich glauben soll und was nach dem Tod kommen könnte. Aber trotzdem... glaube ich irgendwie, dass mit dem Tod nicht alles endet."
Und nun schaut er mich an, er lächelt und dann sagt er leise, aber nachdrücklich: "Das tut es auch nicht. Wir bleiben da."
Das ist ein Satz, der sich mir unter die Haut brannte und von dem ich auch heute, neun Monate danach, immer noch Gänsehaut bekomme.
"Wir bleiben da."

Als wir am Abend zurückkehren, lege ich mich müde, aber irgendwie glücklich in dieses wundervolle Bett. Bis ich in der Nacht deutlich zu spüren bekomme: Mist, jetzt hat es auch mich erwischt. Alles Essen & Trinken will auf allen möglichen Wegen wieder heraus aus meinem Körper.
Und es sind nur noch zwei Tage bis zum Abflug.





Samstag, 22. Juli 2017

A Matter of Trust



Bis vor drei Tagen lag vor meinen Söhnen und mir eine Zeit der Unsicherheit und der Anstrengung. Für den einen noch nicht abschließend geklärt, ob er in den neuen Job übernommen würde und für den anderen noch offen, ob er in der Heimatstadt einen Ausbildungsplatz bekäme oder es doch bei der Zusage für den über 100 Kilometer entfernten Ort dort, wo Fuchs und Igel sich gute Nacht sagen, bliebe. Was dann die Frage aufwarf: Was wird mit der Wohnung in L, auflösen und jeder Junge zieht in eine andere WG oder in eine eigene Einzimmerwohnung? Zumal wir noch aus der Erfahrung von vor fünf Jahren wissen, dass eine WG in L nicht einfach zu bekommen ist - und mit dem Entdecken von L als wirklich coole Study-Stadt ist es bis heute immer noch ein ausgesprochener Glücksgriff.
Dass jeder eines Tages sein eigenes Zuhause haben wird, ist auch fraglos - jedoch für den Moment empfand ich für beide die aktuelle Konstellation als einen dicken Pluspunkt: Der eine übt sich im Sozialverhalten und der andere versinkt nicht in der Einsamkeit, in die er eben gerade jetzt nicht geraten sollte. Das gab schon... etliche schlaflose Nächte in der letzten Zeit, aber manchmal... Es ist schon merkwürdig zuweilen: Man öffnet morgens nach einer weiteren zergrübelten Nacht die Augen, man steht auf und während man beim Zähneputzen in den Spiegel schaut, sich in die Augen schaut, da.. lässt man los und denkt: "Du kannst es jetzt eh nicht ändern, aber wir werden schauen, dass wir das Beste draus machen. Haben wir doch bislang auch immer irgendwie hinbekommen."
Man denkt und grübelt, dann akzeptiert man die Situation und überlegt Wege - und dann... kommt alles doch ganz anders.

Am Mittwoch auf dem Weg nach L drehte ich die Musik auf, wie immer, wenn der Kopf übervoll ist. (Ich kann eigentlich nur alleine Auto fahren, weil vermutlich niemand meine Playlist und vor allem nicht den Lautstärkepegel ertragen würde. Wird also wieder spannend in einer guten Woche, wenn dann Herr Blau neben mir sitzt. Werde ihm seine Ohrstöpsel einpacken, sicher ist sicher ;)) Und wie immer entwickle ich auf diese Weise die meisten umsetzbaren Ideen. Kam ich in L an, sprach mit beiden Jungen, entwarfen wir eine to-do-Liste und dann am Abend kommt der eine nach Hause: "Ich hab den Job. Die Kollegen haben gesagt, sie wollen auf jeden Fall mit mir arbeiten, der Disponent will das auch, jetzt muss nur noch der Chef zustimmen, aber der wird dann wohl auch nicht Nein sagen."
"Und das erzählst du mir hier so nebenbei???" Ich bin förmlich auf ihn zugesprungen, habe ihn gedrückt und auf die Wange geküsst und er verdrehte wie immer schmunzelnd die Augen: "Diese Frau macht mich fertig!"
Als ich gestern Nachmittag die Bürotür hinter mir schloss und mich noch einmal auf einen kurzen Zwischenstopp nach L begab, um anschließend nach M weiterzufahren, da meldete sich der andere: "Ich tanze hier gerade im Dreieck!! Ich muss doch nicht nach *Kuhdorf*, ich hab die Zusage für L! Ich kanns noch gar nicht glauben!!" Der Rest ging in meinem Jubelschrei unter. Zehn Minuten später tanzten wir gemeinsam im Dreieck und dann spürte ich, wie mir mit einem Mal die Beine weich wurden und nachgaben: Die Anspannung wich mit einem Schlag.
Alle Probleme mit nur einem Zweizeiler des künftigen Arbeitgebers gelöst, keine offenen Fragen, keine Sorgen, keine zusätzlichen finanziellen Belastungen.
Als ich ins Auto stieg, blieb ich noch einen Moment sitzen, führte ein, zwei Telefonate und spürte ich selbst währenddessen noch immer eine wunderbar ungläubige Fassungslosigkeit in mir, wie sich innerhalb von nur wenigen Tagen alles verändert hatte. Ich begann mich zu fragen, ob nunmehr, nach all den Jahren des Kampfes, der Mühen, der schlaflosen Nächte und der angespannten Tage jetzt endlich, endlich die Erleichterung eintreten würde, nach der ich mich so gesehnt und die ich mir so für uns drei gewünscht hatte. Die 15 Jahre der Ehe waren schon ein absoluter Krampf, die gut 15 Jahre seit dem Ende der Ehe waren es umso mehr - und jetzt sollte es tatsächlich auch mal etwas einfacher für uns werden?
Gerade für meinen Ältesten freue ich mich so irre, weil er sich schon jetzt nach den drei Wochen einfach nur wohl dort fühlt, bereits jetzt erste Kontakte geknüpft hat und auch sagt: "Warte nicht nach der Spätschicht auf mich, wir trinken mal noch ein Bier."
Das hat es in den zwei Jahren in unserem Unternehmen nicht gegeben - und es hieß immer: "Das liegt ja nur an deinem Sohn."
Ja eben nicht. Es ist einfach auch eine Frage des Umgangs. Und vielleicht bringe ich das zu gegebener Zeit auch mal an - und befreie auf diesem Weg auch gleich meine Seele von den vergangenen 25 Monaten, in denen sich eine verdammt große Menge ansammelte.

Als ich den Schlüssel in das Zündschloss steckte und den Motor anließ, da fühlte ich mich mit einem Mal so unfassbar entspannt und zugleich so müde, dass ich am liebsten wieder ausgestiegen und noch eine Nacht in L geblieben wäre. Aber hier wartete Herr Blau, ich wollte einfach auch nach Hause, und ich wollte auch gleich noch mal diesen Moment der Musik, die ich so sehr aufdrehen kann, wie ich es brauchte und wie es die Technik zuließ.
A Matter of Trust.
Seit zwei Tagen in meiner Playlist und ich hör ihn rauf und runter, nicht nur, weil ich gerade jetzt in genau der richtigen Stimmung für genau diesen Sound bin, sondern auch weil er so richtig gut zu Herrn Blau und mir passt. Mit jeder Zeile.
Alles eine Frage des Vertrauens.
Und wenns daran mangelt, dann hilft vielleicht auch ein bisschen Glauben, Wünschen und Hoffen.

Am späten Abend schrieb der Ältere: "Habe heute den Vertrag unterschrieben. Am 1. August gehts los. Ich hab die nächste Woche noch mal frei, bin aber schon zum Sommerfest am Donnerstag mit eingeladen."

Ich hab ihnen versprochen, dass wir die Kuh übers Haus fliegen lassen, wenn ich wieder da bin.


Mittwoch, 19. Juli 2017

10,000 Miles



"Was genau liebst du eigentlich an Herrn Blau?" bin ich in den frühen Jahren so oft gefragt worden. Ich bin es so oft und manchmal so hartnäckig gefragt worden, dass ich mich irgendwann ganz verschloss und überhaupt nicht mehr darauf antwortete.
Wir haben uns kennen gelernt, wir wurden nach einigen Wochen ein Paar und wir trennten uns zum ersten Mal nach sechs wundervollen erfüllten Wochen.
Möglicherweise war es einfach nicht der richtige Moment.. Es war das Jahr meiner Trennung vom Ehemann, vom Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und einem Neubeginn, bei dem ich zum allerersten Mal ganz allein und ganz eigenverantwortlich und mit leicht zittrigen Händen einen Mietvertrag unterschrieb. Es war das Jahr des schlimmsten Rosenkriegs, es war das Jahr meines ganz persönlichen Umbruchs und auch eines irrsinnigen Verlustes - und demgegenüber stand ein Mann, der das alles schon hinter sich hatte.
Möglicherweise war es einfach auch nicht der richtige Moment, weil ich irgendwie.. noch gar nicht bei mir selbst angekommen war. Zu sehr reagierte ich auf Einflüsse von außen, zu wenig selbstbestimmt, weil mir einfach nicht klar war, was ich mir wünschte und was ich eigentlich brauchte.

Und dennoch...
Man steht sich gegenüber und es ist... einfach da.
Ein so unwirkliches, nicht zu greifendes Gefühl und zugleich eine Sicherheit, die jeden einzelnen Zentimeter des Körpers durchatmet und die von diesem Moment an völlig Besitz von einem ergreift... Und es endet auch nicht, nur weil sich die Wege trennen, die Gedanken und die Körper sich voneinander lösen und man über Wochen, Monate, manchmal auch ein Jahr lang in völlige Wortlosigkeit versinkt.. Auch dann, wenn es über die Zeit aufhört, sich wie ein inneres Feuer in einem auszubreiten, auch wenn es aufhört wehzutun, innerlich jeden Tag neu so zu verbrennen..
Auch wenn man lacht, obschon man innerlich weint.

"Was genau liebst du denn so an ihm?" Und ich verstand die sich wiederholende, bohrende Frage nicht, die mich irgendwann einfach auch.. bockig werden ließ: Ich liebe ihn nicht für etwas. Nicht für etwas, das er tat, das er tut. Für mich ist Liebe ein Gefühl, das da ist, einfach so, ohne das Zutun, ohne Gründe, ohne Anlass und nicht aus Dankbarkeit für etwas heraus... Es ist einfach da. Ein allumfassendes Gefühl, mit dem ich abends einschlafe und morgens erwache. Mit dem ich in der Nacht erwache, ganz gleich, ob wir beieinander liegen oder auch nicht. Wir kennen uns so viele Jahre, und immer noch erfüllt es mich mit Glück, wenn ich an ihn denke. Immer noch erfüllt es mich mit Vorfreude, wenn ich mich auf den Weg zu ihm begebe. Immer noch liebe ich es, wenn meine Hand in seiner liegt. Wenn seine Hand auf meinem Bein ruht, wenn wir uns irgendwo niedergelassen haben. Ich liebe sein Lächeln, das bis in den kleinsten Winkel seiner Augen kriecht und ich liebe es, wenn wir herumalbern wie die Kinder und uns genauso auch ernsthaft über so viele Dinge unterhalten können. Wir sind weiß Gott nicht immer einer Meinung, und manchmal können wir uns so nachdrücklich darüber auseinandersetzen, dass man wutentbrannt die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt.
Ich liebe ihn, weil mit ihm... einfach alles Spaß macht. Weil sich mit ihm alles so erfüllt anfühlt und mir kaum mehr etwas fehlt, wenn wir zusammen sind. Weil ich mir mit ihm niemals die Frage gestellt habe, ob es so jetzt die nächsten fünfzig Jahre so weitergehen soll und ob es das jetzt war.
Wir sind so viele Wege gegangen, getrennt und gemeinsam, allein und miteinander, und heute frage ich mich nicht mehr, ob das so hatte sein müssen, um bis hierher zu gelangen.
Heute bin ich dankbar, dass wir uns nicht verloren haben in all der Zeit dazwischen.

Vor einigen Tagen hatte er Geburtstag und ich überlegte mir, was ich ihm in ein Kärtchen schreiben wollte. Auch eingedenk der Frage, die er mir unlängst stellte: "Warum liebst du mich eigentlich?" und ich antwortete: "Das weiß ich nicht so genau. Aber ich tue es. Sehr." Und er lächelte dieses wunderbare Lächeln mit diesen Schmunzelecken, an denen ich mich nicht sattsehen kann.
Und weil ich diesen Spruch einige Zeit zuvor gelesen hatte, jedoch eine solche Karte nicht zu kaufen bekam, da malte ich einfach selber eine und schrieb dazu "Die Welt ist schön, weil du mit drauf bist." Und so ist es einfach für mich. Ohne dass ich Gründe dazu brauchte.

Fare the well
My own true love
Farewell for a while 

I'm going away
But I'll be back
Though I go 10,000 Miles...