Sonntag, 15. Oktober 2017

Ampel auf Rot



Freitagnacht nach M zurückkehren, die Tür aufschließen, die Tasche abstellen, im Badezimmer klares kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen und nach der Zahnbürste greifen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, dass ich mich so unendlich müde fühlte.
Kaum mehr nachvollziehbar noch jene Erleichterung, mit der ich Anfang August noch glaubte, von nun an würde das Leben.. einfach nur ein wenig leichter. Kaum mehr nachvollziehbar noch jene ungläubige Freude.
Nur um nach diesen Wochen seither nachts in den Spiegel zu starren und mich zu fragen, wieso einfach niemals wirklich was "nach Plan" laufen kann. Wieso man immer und immer wieder über irgendwas stolpert, strauchelt und wenn man sich gefangen hat und weiterlaufen möchte, begegnet einem das nächste Hindernis.
Die letzten Wochen, die letzten Auseinandersetzungen, die irgendwie nahezu alles Bisherige in eine einzige große Frage stellten. Bereit zur Konfrontation, bereit zur Konsequenz werden Kämpfe ohne eine einzige Träne ausgefochten und in den schlaflosen Nächten Pläne geändert, neu aufgestellt und die Frage nach einem möglichen neuen Lebensmittelpunkt endet zunächst mit einer Suche im Netz, während man tagsüber den Menschen und den Söhnen begegnet, als sei alles wie immer.
"Mut steht am Anfang des Handelns. Glück am Ende."
Das steht in dieser Woche auf meinem Kalenderblatt. Ein Kalender, der mir so langsam etwas Angst macht. Ein Kalender, der mir jeden Montagmorgen eine neue Weisheit bringt. Eine Weisheit, die irgendwie in genau in jede einzelne Woche passt, so verschieden sich diese Wahrheiten auch anfühlen mögen.
Es ist nicht, dass mir der Mut fehlte.
Nur...
Noch vor einigen Wochen fühlte ich den älteren Sohn angekommen.
Noch vor wenigen Wochen begann ich gemeinsam mit dem jüngeren Sohn, die veränderten Bedingungen zu akzeptieren und eine Lösung zu schaffen, die uns drei voneinander unabhängig machen sollte, ohne uns voneinander zu trennen.
Noch vor wenigen Wochen glaubte ich, auch in meinem eigenen Leben auf einem guten Weg zu sein.
Diese drei Säulen meines Lebens, für die ich bereit war, alles zu geben.
Und kaum denke ich, dass wenigstens zwei Säulen stabil sind und ich mir die dritte neu errichten muss, bröckelt auch die zweite.
Dass sich der Weg meines eigenen Lebens in Frage stellte, dass die Richtung noch offen blieb - damit konnte ich umgehen. Jedoch die Söhne... Sie sind der Punkt, der mich am verwundbarsten macht. Für mich selbst.. werde ich immer einen Weg, eine Lösung finden - auch wenn das manchmal länger dauert als ich es wünschte. Für mich selber kann ich stark sein. Aber die Jungs... Wenn es ihnen nicht gut geht, stürze ich sofort ab. InnerlichGefühlt.
Die bisherige berufliche Reise des Älteren ist zuende, bevor sie richtig begonnen hat. Für ihn und für zwei weitere Mitarbeiter. Das Warum und die Zusammenhänge bleiben unter Verschluss, zumindest so lange, wie noch unklar ist, welche Kreise es da noch ziehen wird. Aber es ist eine Information, die mir am Freitag in die Kniekehlen tritt, die mich innerlich einknicken lässt - und die mich von einem Moment auf den anderen ermüdet. Leert. Erst jetzt steigen mir die Tränen in die Augen.
"Ja was soll ich dir sagen... Du weißt, wenn ich dir helfen kann..."
Ich nicke, aber ich meine es nicht so. Ich will sie nicht, die Hilfe. Ich will mich nicht auf einen anderen Menschen verlassen, weil ich mich auf keinen anderen Menschen verlassen kann. Denn am Ende hat kaum jemand etwas von sich abgegeben, ohne damit einen Zweck zu verfolgen. Ohne damit im Gegenzug auch etwas zu erwarten. Kaum jemand tut etwas einfach nur, weil er es tun kann. Jedenfalls nicht meiner bisherigen Erfahrung nach.

Heute Nachmittag bin ich in der Sonne spaziert. Eine so wunderbare Herbstsonne, es sind über zwanzig Grad, die Sonne streichelt meine Haut und meine Seele. Ich sammle rotgoldene Blätter, lese die letzten Kastanien auf. Für einen Moment denke ich an nichts, fühle ich nichts Bedrückendes, fühle ich mich wieder wie als ich sechs Jahre alt war. Sehe mich in den weißen Kniestrümpfen und den neuen gelben Lederschuhen und den viel zu dünnen Beinen, wie ich begeistert durch das Laub wusele und mich freue, während die Mama die Augenbrauen hochzieht, weil die Schuhe noch neu sind und Ersatz nicht so einfach beschafft werden kann.
Und dann sehe und höre ich einen Rettungswagen, so einen, wie der Ältere ihn bis zuletzt fuhr, und alles in mir krampft sich erneut zusammen, überkommen mich einmal mehr die Sorgen und die Gedanken, die Ungewissheit.

"Alle Ampeln auf Rot", antwortete ich dieser Tage auf die Frage, wie es mir ginge.
Aber ich will mich nicht so fühlen. Ich will nicht, dass wir uns unterkriegen lassen. Und überhaupt... Auf jedes Rot folgt doch auch immer noch ein Grün.
Daran ziehe ich mich hoch - denn Rot lasse ich nur als Kampfansage gelten. Nicht als Stoppschild.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

"Mein Misthaufen ist viel größer als deiner." - "Dafür stinkt meiner doller!"

An mein breites Grinsen über die Karikatur der zwei Schweinchen auf ihrem Haufen kann ich mich noch gut erinnern - auch wenn das bereits ein halbes Leben lang her ist. Sie kam mir wieder in den Sinn, als ich heute Abend einen Blogpost über Alleinerziehende las - und ein Resümee darüber, ab wann man sich überhaupt alleinerziehend nennen darf. Dass es einer Frechheit gleichkäme, wenn Frauen, deren Männer entweder permanent arbeiten oder wochenlang krank im Bett liegen, auch nur im Scherz sagten, dass sie "allein erziehend" wären. Überhaupt wurde mir erst heute jene Begrifflichkeit bewusst - dieser Unterschied zwischen "allein erziehend" und "alleinerziehend".
Und ich habe mich schon ein wenig gewundert. Auch über Kommentare in jenem Post, die von unguten Erfahrungen erzählten mit Frauen, die dieses "Alleinstellungsmerkmal" für sich ganz allein beanspruchten. Kein Mann, keine Freunde, keine Familie in der Nähe - man ist allein mit den Kindern und auch nur dann ist man alleinerziehend. Und alles andere eine Frechheit oder wenigstens Anmaßung.

Ich lehnte mich zurück und schüttelte leicht und ein wenig ungläubig den Kopf. Weil ich nicht umhin kam, mich zu fragen, mit was für einem - sorry - Scheiß die Menschen sich eigentlich auseinandersetzen? Haben sie echt nicht Wichtigeres in ihrem Leben zu tun, als anderen Menschen begreiflich zu machen "Du verwöhnte Göre, du hast schließlich einen Mann und genug Geld und überhaupt - damit bist du nie im Leben alleinerziehend, du weißt ja gar nicht, wovon du da eigentlich sprichst!" Man ging ja selbst so weit zu behaupten, dass Single-Mamas auch dann nicht mehr als alleinerziehend angesehen werden, wenn sie ihre Kinder aller vierzehn Tage zu ihrem Papa geben können und auch regelmäßig Unterhalt bekämen.
Oh. Mein. Gott.
Wo ist sie, die Fähigkeit der Menschen, gönnen zu können - ohne Neid und Häme?
Wieso sich nicht einfach mal für einen anderen freuen können, so ganz vorbehaltlos?
Wieso nicht einen anderen an der eigenen Schulter ausweinen lassen, ohne darüber zu befinden, ob zu recht oder zu unrecht?
Wieso nicht den anderen einfach mal in den Arm nehmen, an sich drücken und sagen: "Hey... Wo drückts?"
Warum bei der Freude eines anderen über ein Kompliment antworten mit: "Ach, das geht mir jeden Tag so"?
Warum beim Kummer des anderen sagen: "Ach, daran ist er selber schuld, er hätte ja..."
Warum nicht einfach mal anerkennen, dass wir alle nur Menschen sind mit einer uns eigenen Belastungsgrenze? Und dass es manchmal einfach nur ausreicht, ein bisschen von diesem Druck rauszulassen und aufgefangen zu werden - und schon fühlt man sich um einiges besser.

Woher kommt das, dass der Mensch nicht nur immer höher, schneller, weiter sein will, sondern vor allem auch der Beste von allen?
Woher kommt es, dass man sich selbst nicht einfach auch mal zurücknimmt, um den anderen vortreten zu lassen?
Wie ist das möglich, sich selbst als das Maß der Dinge zu nehmen und alles andere abzuwerten?

Gerade wandert mein Blick hinaus vor das Fenster, wo sich blattgoldene Bäume und Tannen im Wind wiegen, ich höre nebenbei Musik und während ich daran denke, mir einen wunderbar aromatischen Kaffee zuzubereiten und die Stricksockenfüße auszustrecken, genieße ich, dass ich es hier warm und gemütlich habe, dass es mir soweit gut geht, dass ich die Ruhe in meinem Kopf und in meinem Bauch grad unendlich genieße. Manchmal, wenn ich in der Küche stehe und darauf warte, das heiße Wasser über den Kaffee gießen zu können, schaue ich auf das Haus gegenüber. Auf die großen, einladenden Fensterfronten, die den Blick in ihr Inneres freigeben. Grad am Abend, wenn die ersten Lichter angehen. Hinter dem einen Fenster Mutter, Vater und Kind jeden Abend am Tisch sitzend, während sie essen und meistens nicht reden. Hinter dem anderen Fenster den Mann, wie er an seinem Schreibtisch vor dem Computer sitzt, abwechselnd schreibt und sich durch die Haare fährt, während sein Mann nur ganz selten dieses Zimmer betritt, vielleicht, um ihn nicht zu stören. Dort das andere Fenster, wo das Kind Abende lang auf einem riesengroßen Sofa turnt, während es nebenbei in den Fernseher schaut, der so groß ist, dass ich bequem mitschauen könnte, während Mutter und Vater abwechselnd durch die Zimmer wuseln, Essen zubereiten oder Wäsche sortieren, immer irgendwie in Bewegung sind. Oder da das andere Fenster, wo sich das Paar sehr heftig in der Küche stritt und man hernach beide sehr lange nicht sah, die Blumen in den Blumenkästen verdorrten und dann die Wohnung mit einem Mal leer war.
Menschen.. Ich betrachte sie, weil Menschen mich immer noch faszinieren können.
Es gibt so unfassbar viele von uns, jeder ist sein eigenes Wesen mit seiner eigenen Gefühlswelt und seiner eigenen Gefühlstiefe. Mit seiner eigenen Belastbarkeit, mit seiner eigenen Grenze von Freude zur Traurigkeit, von Hilfe geben bis Hilfe brauchen, mit der eigenen Grenze von Stärke zur Schwäche. Große Menschen, kleine Menschen. Dünne Menschen, dicke Menschen. Niemandem steht es zu, einen anderen zu bewerten oder gar abzuwerten. Niemand ist besser oder schlechter in den Phasen, in denen es uns nicht so gut geht wie dem anderen. Wir sind alle... eins: Menschen.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

...so that we can choose each other



Es scheint verkehrte Welt, in der der Mann diese Tage in L verbringt, während ich hier in M Abende lang damit zubringe, mich auf dem Fußboden auszustrecken, die Augen zu schließen und die Musik durch den Raum perlen zu lassen. Das ist beinah wie früher...
Und es ist die Musik, die mich an jene Zeit erinnert. Die Zeit vor dem Sprung in ein anderes Leben.
Das Gefühl vor diesem Sprung, das sich anfühlte wie... auf einem Fünfmeterturm zu stehen, natürlich mit Fingern, die krampfhaft die Brüstung umklammert halten und im Kopf immer nur dieser Gedanke: "Wenn du JETZT nicht springst, dann tust du es nie." Und in deinem Kopf laufen Bilder ab, ganz viele, Bilder, die du noch gar nicht kennst, die du noch nicht gelebt hast, und Bilder, die die bisherigen Jahre in die Zukunft tragen. Und innerhalb dieser Sekunden wägst du ab: Willst du die kommenden Jahre wie die vergangenen leben und kannst du das noch aushalten?
Und obschon die Antwort auf diese Frage noch nicht ganz klar im Bewusstsein formuliert ist, klopft dir dein Herz so arg, dass du glaubst, man könnte das Pochen in den Schläfen sehen - und ob du wirklich schreist oder auch dieser Schrei nur noch in deinem Kopf ist, ist vollkommen egal:
Du bist bereits gesprungen.
Da war etwas in dir selbst, das dein eigenes Ich an den Rand des Sprungbretts gedrängt hatte und dir gar keine Wahl mehr blieb.
Und dann bist du eingetaucht, du bist untergegangen, aber wo du vorher noch dachtest, du würdest dir mindestens den Hals brechen oder wenigstens alles würde dir weh tun, stellst du verwundert fest, dass du nicht ertrinkst - und dass das Wasser dich sogar trägt, wenn du nur die Arme ausbreitest und du dich mit beiden Füßen kraftvoll vom Boden abstößt.

Die letzten Tage habe ich viel gelesen und wenig geschrieben. Ich habe gelesen von Beziehungen, die erst welche werden mögen - oder auch nicht. Ich habe gelesen von Verantwortung, die wir für die Menschen übernehmen bzw. haben, die wir lieben. Und ich mag das, es so zu sehen, so zu empfinden und so auch zu leben. Ich mag es zu sehen, wenn Menschen füreinander einstehen, wenn Menschen einander helfen - oder sich einfach nur zwei Fremde anlächeln, irgendwo zwischen U-Bahn und zwei Terminen.
Verantwortung übernehmen bedeutet für mich persönlich nicht, in einer Beziehung zu bleiben, die nichts Erfüllendes mehr hervorbringen kann, egal von welcher Seite. Möglicherweise hat man sich zu Beginn einer Beziehung noch gar nicht wirklich gekannt - und sich auch nicht die Zeit gelassen, herauszufinden, wer der andere eigentlich ist und was ihn ausmacht. Ob das mit dir selbst harmoniert, harmonieren kann für länger als ein oder zwei Monate, ein oder zwei Jahre. Denn für den anderen kannst du nicht denken und auch nicht entscheiden - aber für dich.
Und ich erinnerte mich beim Lesen fremder Posts an die Worte einer klugen Frau, die vor einigen Jahren zu mir sagte: "Wenn ich noch einmal höre, dass jemand sagt, dass er Sie nicht liebt, dann werde ich aber mal so richtig wütend. Natürlich liebt er Sie - aber er tut es auf seine Weise. Und es ist ganz allein an Ihnen, herauszufinden, ob seine Liebe das ist, was SIE wollen. Ob es das ist, was SIE glücklich macht."

Liebe ist für mein Empfinden, für meine Vorstellung sehr viel mehr als die Biochemie in unserem Kopf, sehr viel mehr als endlose Stoffwechselketten. Natürlich, weil ich es so sehen möchte. Natürlich, weil ich es so fühlen möchte. Und heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass für das, was wir sind, ohne es sein zu wollen, der Grundstein bereits in der Zeit gelegt wird, wo wir noch Kind sind. Auf unsere kindliche Art und Weise Zuneigung geben und erfahren (wollen). An irgendeinem Punkt in unserem Leben verzweigt sich unser Weg und dann kommts wohl darauf an, wann wir wohin abgebogen sind.
Ich denke jedoch auch, dass wir nicht nur Verantwortung für die Menschen in unserem Leben haben. Wir haben diese genauso auch für uns.
Mit diesem Gedanken habe ich mich von meinem Ehemann und der Ehe verabschiedet. Dass ich schon sehr lange nicht mehr glücklich war - und dass ich nicht einmal meine Kinder glücklich machen kann, wenn ich es selber nicht bin. Dass wir jedoch nicht nur dafür zu sorgen haben, dass sie ausreichend zu essen, zu trinken, ausreichend anzuziehen und zum Spielen hätten. Damals hat er mich nicht verstanden, vielleicht auch nicht verstehen wollen - und für ihn war die Antwort auf alles zu einfach: Der andere Mann war schuld und all die Filme über Liebe, die mit der Realität so gar nichts gemein hätten.
Jedoch in meiner Vorstellung von einer Liebe, von einem Miteinander passte einfach auch nicht, dass man lediglich nach außen das Bild einer intakten Familie gab, während im Inneren alles kaputt war und vielleicht auch nie wirklich funktioniert hatte, weil die zwei Menschen, die einander begegnet waren, viel zu verschieden waren. In meine Vorstellung gehörten all die Erniedrigungen, Verletzungen von innen und außen nicht, die Ohrfeige das fehlende Argument ersetzte oder Tritte gegen eine verschlossene Tür eine vermeintliche Macht symbolisierte, die nur eines erreichen sollte: Angst und Nachgiebigkeit.

Also bin ich gesprungen, mit oder ohne einen anderen Mann - ich bin gesprungen.
Bis heute habe ich diesen Sprung nicht ein einziges Mal bereut, in keiner einzigen Sekunde, in keinem einzigen Atemzug. Alles hat sich seither verändert. Ich habe mich verändert.
Nur dass ich heute auch nicht sicher weiß, ob ich da bin, wo ich immer sein wollte.
Und so habe ich diese einsamen Tage beinah herbeigesehnt. Um nicht mehr nur noch zu reagieren auf all das, das um mich herum geschieht. Sondern mich selbst sehr bewusst wahrzunehmen, mich selbst wieder sehr bewusst zu fühlen und für mich herauszufinden, ob und was ich vermisse. Um für mich herauszufinden, was ich mir eigentlich (immer noch) wünsche.
Und so langsam formt sich mehr und mehr und immer deutlicher meine innere Überzeugung, dass ich mich von nichts und niemandem zu etwas drängen lassen werde, das nicht ich bin. Das nicht meinem Wesen entspricht. Wenn das, was mich, was meine Persönlichkeit ausmacht, nicht ausreicht, mich so zu lieben - dann ist es niemandes Schuld und dann ist dies auch nicht das Ende meines Lebens. Nicht das Ende der Welt. Jedoch dann sollte man sich einander in die Augen schauen und dazu bekennen.
Denn auch das ist Verantwortung gegenüber dem anderen: nicht nur sich selbst, auch dem anderen die Chance zu geben, sein Leben richtig leben zu können.
Ich hab sehr lange dafür gebraucht zu erkennen, dass jener Sprung damals ohne diesen anderen Mann das einzig Richtige war, das mir passieren konnte. Heute weiß ich, dass wir einen zu hohen Preis gezahlt hätten und so nicht miteinander glücklich geworden wären. Doch was ich stattdessen bekommen habe, ist für mich immer noch wertvoller: mich selbst.

Dienstag, 19. September 2017

"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."



"Dieser Ort passt nicht zu meinem Leben."
"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."

"Warum singt er ihnen was vor, Onkel Henry?"
"Für ihn gibt es nicht nur Sonne und Regen.
Auch die Balance und Harmonie sind wichtig."




Manchmal denke ich, dass ich zuviel Zeit habe, wenn ich Zeit habe. Dann denke ich von einem ins andere, vom hundertsten ins tausendste - doch meistens geht es mir gut dabei. Dann wühle ich alte, verstaubte und auch noch nicht ganz so alte Träume und Wünsche wieder hervor, betrachte sie im Sonnenlicht wie unter Glas, mit einem zusammengekniffenen Auge und schiefem Mund, ganz konzentriert - und dann frage ich mich: Ist JETZT dieser richtige Zeitpunkt?
Gibt es einen richtigen Zeitpunkt - oder verpassen wir all das, was wir wollten, während wir darauf warten, dass der perfekte Moment eintreten möge?

Inmitten allen Geschehens möchte ich mich treiben lassen - einfach so, wie ohne Zeit und Raum, und dann möchte ich mich davon auch nicht abbringen lassen.
Ruhe genießen, wenn Ruhe ist.
Ich muss nicht auf den höchsten Berg steigen und auch nicht in das tiefste Meer tauchen, ich muss mich nicht aus Wolken werfen und mit giftigen Tieren um die Wette laufen.
Ich verfalle nicht in Trübsinn, wenn es in den wenigen Tagen des Urlaubs regnet; stattdessen hole ich mein Spiel hervor und strecke mich wohlig aus. Natürlich kann ich das auch zu Hause. Man kann alles zu Hause oder an einem anderen Punkt der Welt machen. Aber man muss nicht alles machen.
Vielleicht ist es mein Manko, zu wenig Ehrgeiz für das immer höher und das immer weiter wollen zu haben.
Vielleicht ist es aber auch ein Pluspunkt, in einer Zeit wie dieser, die gefühlt immer schneller zerrinnt, anhalten und stehenbleiben, sich umschauen zu können. Wahrzunehmen. Zu hören. Zu riechen. Zu schmecken. Und befinden zu können, was davon gut für mich ist und was nicht - und sich nicht unter Druck zu setzen mit all dem, das man nun noch nicht getan hat.

Insofern ließ ich mich gestern auch so gar nicht von der "selbst gemachten" Hektik des Büros anstecken, ich ließ auch nicht zu, dass angespannte Stimmungen gleich einem mittleren Hurrikan über mich hinwegfegen und mich beugen würden. Und auch altbekannte Vorwürfe "Ich bin der Dümmste von allen, denn IHR macht alle einfach Urlaub" liefen an mir vorbei, einfach so, auf Wiedersehen, gute Reise.
Ich will nicht, also tu ich nicht. Ich gebe zu, es fällt mir oft genug schwer, mich zu disziplinieren, mich zu ermahnen. Vermutlich muss es die Macher unter uns geben, die die Entwicklungen, die Wirtschaft und was weiß ich noch alles vorantreiben. Da ist für die Träumer kaum mehr Platz. Weil sie unproduktiv sind und keinen Gewinn erbringen. Glaubt der Macher. Glaubt er zu wissen.
Und verwechselt Träumerei mit Faulheit, mit Antriebslosigkeit. Während der Träumer weiß, dass er seine Energie aus genau den kleinen Inseln zieht, die er rings um sich herum erschaffen kann.
In den letzten zehn Jahren war ich sehr oft krank, die Muskulatur, der Magen, der Bauch, die Lunge.
Im Gegenzug war ich erfolgreicher als je zuvor, erarbeitete mir Position und Verdienst - und verlernte beinah das Träumen. Verlor mich beinah, weil ich mich mitreißen ließ in einem Strudel aus permanenter Erreichbarkeit, Arbeit bis spät in die Nacht, Aufstehen halb zwei Uhr morgens, weil man aus einem Traum hochgeschreckt ist und sich fragt: "Habe ich dieses und jenes schon beantwortet und erledigt? Habe ich dies und jenes richtig bedacht und getan?" und schaltet den Rechner ein, prüft, nur um zehn Minuten später erleichtert zwischen Decke und Laken zu kriechen, während der Schreck noch immer schmerzhaft in den Schläfen pocht.
Im Moment stehe ich auf dieser Position, ich entwickle mich nicht weiter - und ich bin unschlüssig.
Könnte ich noch weiter? Würde ich noch weiter wollen - und was wäre der Preis dessen?
Die Gesundheit opfern für den Erfolg?
Früher habe ich mich oft gefragt, ob ich einfach auch nicht stark genug bin, wenn ich all das nicht abfedern kann. Doch dann betrachte ich die Macher um mich herum - und sehe: Es geht ihnen am Ende genauso wie mir.

Vermutlich ist es eine Frage des Alters, dass ich mir die Frage stelle: Will ich so immer noch weiter, will ich etwas ganz anderes - und was davon will ich wirklich? Manchmal verblassen diese Fragen und manchmal leben sie umso deutlicher wieder auf, als würden sie in großen roten Lettern an die weiße Wand vor mir gemalt.

Möglicherweise warten wir alle mehr oder weniger auf den Anlass, die Chance, die uns ermöglicht, hier auszusteigen und an dem anderen Ort... wieder einzusteigen. Wohl wissend im Grunde, dass wir es selbst in die Hände nehmen müssen, wenn wir etwas verändern wollen.
Es gibt schon Dinge, in denen ich ausgesprochen spontan und vielleicht auch unüberlegt handelte.
Aber in den wirklich - für mich - elementaren Dingen lasse ich mir die Zeit, die ich brauche. Ich kann nur in meinem eigenen Tempo gehen.

Montag, 18. September 2017

Gut gegen Nordwind



Gestern nun sind wir zurückgekehrt, nach einigen Tagen Auszeit. Lange schon geplant und dennoch gerade irgendwie zum genau richtigen Zeitpunkt.
Und während der Mann sich in den visuellen Motorsport vertieft, versinke ich in den Weiten der Musik. Und muss bei diesem Video hier unwillkürlich lächeln. Ungefähr so hat es ausgesehen, als ich am Samstag zum Mann sagte "Lass uns Sonntag schon früh heimfahren, dann können wir den Sonntagabend entspannt ausklingen lassen" (Wie ewig lange hab ich mich eigentlich nicht mehr in der Badewanne geaalt? Viel zu lange nicht, wie mir schien.) Und er antwortete: "Wenn du so früh fahren willst, musst du aber heute noch alles packen." Das versprach ich und meinte es auch vollkommen ernst und ehrlich. Und dann kam mir die Musik dazwischen. Die mich dazu brachte, ähnlich durch das Zimmer zu tanzen, zu singen, die Sachen zwar zu sortieren, was kommt in welche Tasche und so weiter - aber das Einpacken selbst...
Jedoch fühle ich mich im Moment.. leichter, unbeschwerter, losgelöster von allem und ähnlich der Empfindungen nach dem Indienurlaub im letzten Jahr wünsche ich mir, diese Leichtigkeit einfangen und ein wenig bei mir behalten zu können.
Stimmungen wie gestern Abend zwar zu erfassen, aufzufangen, mich davon jedoch nicht niederbeugen zu lassen, sondern einfach zu sagen: "Oh du hast grad miese Laune, dann lass mal gut sein", mir alsdann die Kopfhörer auf die Ohren zu schieben und mich unbekümmert in die Musik zu vertiefen. Das gelingt mir auf diese Weise selten genug ;)

Dafür habe ich in den nur wenigen freien Tagen seit langem auch wieder ein Buch gelesen. Nein, es waren zwei Bücher - was für meine zuweilen (selektiv) nachlassende Konzentration tatsächlich viel ist.
"Gut gegen Nordwind" - ein Buch, das alles Erlebte, alles Fühlende, alles Denkende zweier Menschen ausschließlich in ihren Mailwechsel verpackt, die sich ungeplant und lediglich aufgrund eines Tippfehlers in der E-Mail-Adresse virtuell begegnen - und bald darauf feststellen, dass diese Art der Kommunikation durchaus.. ihre Reize hat.
Eine Buchform, mit der ich mich zunächst etwas schwer tat. Ich bin ein Augenmensch, der will erfassen, erspüren, berühren, wahrnehmen, riechen, schmecken. Selbst das nur geschriebene Wort, das vor meinem inneren Auge Begegnungen entstehen lassen kann, genügt hierbei. Wenn dieses geschriebene Wort es vermag, eben jene Begegnungen vor meinem Auge ablaufen zu lassen, das Aufeinanderzu, das Einandererkennen, das Lächeln, das Reden, ja selbst den Klang meine ich hin und wieder wahrnehmen zu können.
Gut gegen Nordwind erreichte in mir, jenen Zauber einer noch nicht real erlebten Begegnung zu erschaffen, mich wieder zu erinnern, wie war das eigentlich bei mir, solange mir ein Mensch noch nicht real begegnet war und es auch noch kein Foto hin und her gegeben hatte.
Ich lächelte, weil ich daran dachte, wie oft und wie sehr ich mir zuweilen den anderen Menschen vorgestellt hatte. Einfach nur anhand seiner Möglichkeit, sich auszudrücken, Worte zu wählen, die etwas in mir berührten, anklingen ließen. Ihn an den Farben seiner Seele erkennen zu wollen.
Dass mir das immer so gelungen wäre, kann ich nicht sagen. Ganz im Gegenteil. Wie oft bin ich an den Abenden in die Stadt gefahren, vollkommen erfüllt von dem Gedanken, nun jenem Menschen real zu begegnen, den Zauber nicht nur aufrechtzuerhalten, nicht nur auch in der realen Person zu finden, sondern vielleicht auch.. dem Gleichklang zu begegnen, festhalten...
Und dann steht man dem anderen Menschen gegenüber und ist verwundert ob der Leere im Gesicht, in den Augen des anderen. Und dann sucht man, wo war jene Farbe, wo war jener Klang, wie hat er solche Gedanken in jene Worte fassen können, die mich tagsüber lächeln und in der Nacht das Herz klopfen ließen? Dann schaut man dem anderen in die Augen und spürt: Ich kann da nicht eintauchen...
Wie oft bin ich heimgefahren, ein wenig ratlos, ein wenig enttäuscht, ein wenig mutlos mit dem Gefühl dieser zarten Flügelchen, die sich nun zerdrückt und unordentlich an die Schultern pressten.

Mit meinen allerersten Internetauftritten lebte ich noch die Überzeugung, sich zunächst ein ganzes Weilchen, vielleicht ein paar Wochen oder auch wenige Monate zu schreiben, weil ich glaubte, ich müsse erst (zwischen den Zeilen) herausfinden, wer der andere war. Doch je öfter ich diesem Trugschluss unterlag, desto eher gewöhnte ich mich daran, Menschen nicht nach einer mir auferlegten Zahl von Wochen zu begegnen, sondern dann, wenn es sich ergab - und die Neugier auf den anderen ohnehin ausreichend groß geworden war.

Und dennoch... Das Buch erinnerte mich an so viele Abende, ausgestreckt auf meinem Bett, neben mir immer eine Tasse wunderbaren Kaffees oder auch einer heißen Schokolade, zurechtgemacht, obschon das doch ohnehin niemand sehen konnte (aber es machte das eigene Wohlfühlen um so vieles größer), mit aufgeregten rosa Wangen und glänzenden Augen und fast immer einem Lächeln im Gesicht. Es hat so unfassbar viel Spaß gemacht, so vielen Menschen begegnen zu können, so vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen, sich ihnen zu widmen oder sie sich mir, sich auszutauschen über Gott und die Welt, über alle möglichen und unmöglichen Dinge, die man sonst kaum zu fragen wagt, und im Kopf immer diese Idee, diesen Traum, diesen Wunsch zu haben: Eines Tages finde ich ihn... oder er mich.

Auf die Empfehlung des Buches hin kaufte ich mir für den Urlaub alle beiden Bücher - und hernach befragt, musste ich gestehen: "Mit dem Eintritt in die Realität, mit dem Eintreten aller Konsequenzen verblasste der Zauber.. Nein, langweilig empfand ich das zweite Buch nicht, aber eben... entzaubernd irgendwie. Das erste Buch passte durchaus mehr in meine romantischen Verklärungen ;) Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein HappyEnd her musste, aber eigentlich nicht gesollt hätte. Schwierig zu beschreiben. [...] Aber ein Leben hat nicht immer ein HappyEnd und es ist trotzdem gut so wie es ist."
"Ach du Romantiktante", antwortete mir die Freundin und ich konnte ihr Schmunzeln deutlich vor mir sehen.

Vielleicht... ist es ja einfach auch die Tatsache, dass er einmal mehr begonnen hat, der melancholische Herbst. Da werden nicht nur all die Farben und die Klänge weicher, da fühle auch ich mich... eben anders. Und kein bisschen schlechter.

Mittwoch, 6. September 2017

Raindrops Keep Falling On My Head


"Excellent work, Parker. Keep it up!"
Ich hab mir dieses Video, das ich bis soeben gar nicht kannte (weil ich auch die Filme nicht kenne), ziemlich bewusst ausgewählt. Weil mir diese Szenen so bekannt vorkommen. Dass immer irgendwas schiefgeht, ob nun auf charmante Weise oder nicht.

Manchmal, wenn mir etwas langweilig ist (ha ha) und es mir grad "unterkommt", lese ich Horoskope. Meins versicherte mir, dass das Tal vorbei, überwunden sei - und jetzt die goldene glückliche Zukunft vor mir liegt. Jaaahaaa, ich weiß, Horoskope sind Quatschscheiße. Ich nehms ja auch nicht ernst. Aber ich musste trotzdem dran denken, als ich gestern Nachmittag durch die Tür meiner Ärztin auf die sonnengeflutete Straße trat, mich in Black Beauty setzte und dann eine halbe Stunde nur da saß und weinte, weil ich so überhaupt gar nicht auf Aussagen wie "deutliche Gewebeveränderung" und "Krebsvorstufe" vorbereitet war. Und weil ich vor allem nicht wollte, dass meine Jungen mich so sehen. Weil ich ihnen zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nichts davon sagen möchte. Ich will sie nicht belasten mit Dingen, von denen momentan noch völlig offen ist, was es zukünftig für mich bedeutet.

Eins kann ich versprechen: Egal, wie das hier ausgeht, dieser Blog hier wird kein Zeitdokument werden, das alle möglichen und unmöglichen medizinischen Details oder körperliche Veränderungen oder gar einen körperlichen Verfall protokollieren wird. Ich kann es verstehen, wenn andere Menschen Krebsblogs führen, ob nun als Blog oder bei FB - aber für mich ist das nichts.
Als mich vor zwei Tagen von einem Freund, den ich seit 13 Jahren kenne, die Message erreichte "So Sonne, der Dicke ist jetzt in Hamburg angekommen", da musste ich lächeln, weil mir wieder einfiel, wie oft ich zu jener Zeit trotz aller Belastung von verschiedenen Menschen als "Sonne" bezeichnet wurde. Zwar hat das schon lange keiner mehr zu mir gesagt - und vielleicht ist man ab einem gewissen Zeitpunkt einfach auch raus aus diesem "Alter", wo einem sowas Schönes gesagt wird :) - aber mir läge zumindest doch einiges daran, lieber als Sonne als als Schatten empfunden zu werden.
Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass dieser Blog insbesondere in den ersten Jahren - meinem Empfinden nach - wesentlich locker-flockiger geklungen hat als er dies seit den letzten Jahren tut.
Aber nu ja, Leben ist eben nicht nur, dass einem die Sonne aus dem Allerwertesten scheint - und wer einen nur in Sonnenzeiten begleiten kann oder will, auf den ist dann auch insgesamt geschissen. Sage ich jetzt so direkt wie ich es denke und verzichte auch an dieser Stelle auf meine gewohnt blumigen Umschreibungen.

Den Rest gab mir gestern Abend mein Ex. Wir haben schon lange keinen direkten Kontakt mehr zueinander, seit unser beider Handynummern sich änderten - und ich verzichte wohlweislich darauf. All die Jahre hat sich immer und immer wieder bewiesen, dass ich mich auf ihn nicht verlassen kann, dass er nur Stress bedeutet und alles, was aus seinem Mund kommt, nichts als heiße Luft bedeutet.
Im Gegenzug empfand ich die gestrigen Äußerungen, die Sohn I am Abend mit heimbrachte, als einen Tritt in den Magen. Er lässt sich feiern, wie toll er als Vater für seine Söhne sorgt und ich musste mich fast erbrechen: Wo tut er es? Wie tut er es? Passiert vielleicht doch mehr als ich weiß?
Sohn I schweigt, Sohn II schüttelt den Kopf: "Ich bin so froh, dich als Mum zu haben. Sonst hätte ich hier gar niemanden. Er fragt ja nicht mal, wie es uns geht und wie wir hier so zurechtkommen."
Aber Hauptsache, so ein Mensch will vorgeben, was ich wie zu tun hätte, weil "kann doch deine Mutter machen, die hat doch Zeit." Die Mutter, die 420 Kilometer weit weg wohnt - und nicht 12 wie er. Hauptsache, so ein Mensch kann sich vor Sohn I aufbauschen: "Ich hab mich all die Jahre zurückgehalten und keinen Kontakt zu deiner Mutter gesucht. Damit Ruhe ist. Wenn aber irgendwas mit dir oder [Sohn 2] passiert [wegen den aktuellen Plänen wegen Sohn 2 und C], dann steh ich bei deiner Mutter auf der Matte, dann lernt die mich kennen, dann mache ich ihr das Leben zur Hölle." Wie lustig. Das macht er doch schon seit 14 Jahren.
Ich erinnerte mich an die Worte meiner Thera vor sieben Jahren: "Sie sollten endlich mal mit Ihrem Ex abrechnen. Ihm einen Brief schreiben und mal alles rauslassen." Und dass ich daraufhin abwinkte "Geschenkt. Ehrlich. Es ist schade um meine Energie. Weil es zu nichts führen würde außer zu noch mehr Stress."
"Aber es würde Ihren Kopf erleichtern."
Ich bin mir dessen nicht sicher, auch heute nicht. Aber nach gestern wünsche ich ihm einfach nur mal... einfach nur die Rechnung für all die 14 Jahre, für all den Dreck insbesondere den Jungen gegenüber. Es wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Ich denke, man kann mir einiges nachsagen, auch ich habe meine dunklen Seiten. Aber eins lasse ich mir nicht nachsagen: Dass ich eine Versager-Mutter bin. Erst recht nicht von so einer dummfrechen Hohlbirne. Sorry, aber auch das muss ich jetzt so rauslassen. Ich kenne kaum einen Menschen, der so hohl ist - und ausgerechnet so einen habe ich einst ausgesucht und zum Vater meiner Kinder gemacht.
Das ist die größte Verantwortung, die eine Frau hat: Es ist nicht wichtig, ob und wie viel ein Kind zum Spielen und zum Anziehen hat. Es ist entscheidend, wen man sich als Vater seiner Kinder aussucht. Leider habe ich auch da in den größten Scheißtopf gegriffen. Ein glückliches Händchen besitze ich offenbar nicht.

Nächste Woche habe ich eine Woche Urlaub. Bis dahin muss noch einiges organisiert werden, weil ich mir für diese eine Woche Urlaub, die erste seit Jahresbeginn, vor allem nur eines wünsche: Ruhe und ausspannen. Und neue Energie und Zuversicht sammeln für das, was auch immer noch kommen mag.

Montag, 4. September 2017

Fliegende Container



Der Kopf ist schon ein Mysterium für sich. Unendlich vieles, das tief im Bewusstsein verankert ist, so tief, dass es uns lenkt, obschon wir uns an Vergangenes mitunter gar nicht mehr erinnern (wollen).
Und zugleich unendlich vieles, das wir im Tageslicht ausblenden und das sich nachts hinter unsere Stirn schleicht, so dass wir uns entweder ruhlos in den Laken wälzen oder von Bedrohungen, Mord, Überfall oder auch Krieg träumen.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag träumte ich komische Dinge. Der Mann und ich und - ich glaube - meine Eltern (ich bin nicht mehr sicher, ob sie es waren, aber es waren zumindest in jedem Fall Menschen, die eine Bedeutung für mich haben), wir saßen in einer Holzhütte mit kleinen Fenstern, aus denen wir dann und wann schauten. Der Blick nach vorn gerichtet führte auf einen Hof und Wiese. Der Blick aus dem hinteren Fenster gerichtet führte auf riesig aufgefüllte Sandhaufen, auf denen Bagger standen oder fuhren. Und dann sah ich sie geflogen kommen: riesige, tonnenschwere Container, die von den Sandhaufen stürzten, durch die Luft flogen und rechts, links, mittig vor dem Haus kraftvoll in die Erde schlugen.
"Bis jetzt hat uns keiner getroffen", habe ich zum Mann gesagt - und dann kam einer geflogen, über das Haus, und er schlug mit den Zähnen eines Schaufelbaggers direkt vor unseren Augen in den Hof.

Ich erwachte, mir klopfte das Herz bis zum Hals und bis zum Morgen schlief ich nur noch im halbwachen Zustand. Manchmal kann ich mich dazu bringen, wieder einzuschlafen und meine Gedanken von solchen Träumen wegzulenken. Manchmal aber habe ich trotzdem Angst, wieder einzuschlafen.

Eine Freundin fragte mich heute Abend, wie es denn nun so sei mit Sohnemann in C und ich glaube, ich klang beim Schreiben der Antwort genauso müde wie am Nachmittag in einer Sprachnachricht.
Und ich denke, es werden noch weitere schlaflose Nächte auf mich zukommen.
"Du lässt alles viel zu sehr an dich heran", sagte der Mann vor einigen Tagen und ich schwieg dazu, hob nur die Schultern, ließ sie wieder fallen und dann murmelte ich "Ja vielleicht hast du recht."
Für die Übergangszeit, in der noch immer offen ist, ob nun doch für die Zeit der Ausbildung C oder L oder doch wieder etwas anderes, hatten wir uns für das Pendeln mit der Bahn entschieden. Der erste Tag sollte acht Uhr beginnen, was für ihn bedeutete, fünf Uhr am Bahnsteig zu stehen.
Als um 5:10 Uhr mein Handy klingelte, war ich irgendwie schon wach, als würde ich es geahnt haben: Die Bahn fiel aus. Und sofort erinnerte ich mich wieder daran, warum die Bahn als Reisemittel die letzte meiner Wahl sein würde. Lebte ich noch in L, hätte ich spontan gesagt: "Komm heim, ich fahr dich." Aber ich lag hier in M im Bett, besser gesagt, ich saß kerzengerade und hellwach. Man kann nicht gleich am allerersten Tag zu spät kommen. Das kann man auch so nicht - aber hier würde er zusätzlich gleich noch am ersten Tag einen Eindruck erwecken, den er nicht verdiente.
Sohn I konnte ihn jedoch auch nicht fahren - denn der musste nur eine Stunde später in die Frühschicht und bis C braucht man eine gute Stunde.
Glück im Unglück: Die Ersatzbahn kommt mit nur ein paar Minuten Verspätung, die beiden Anschlussbahnen später warten.
Erster Tag geschafft.
Ernüchterung folgt bei Erkundigung wegen Pendelticket. Stelle Dir zwei Kreise vor. In einem Kreis lebt mein Sohn, im anderen Kreis geht er nun zur Fachschule. Für den Wohnkreis hat er bereits ein Abo-Ticket. Also dachte ich, jetzt braucht er doch nur ein Abo-Ticket für den zweiten Kreis.
"Das ist verboten", sagt mir die Dame von der Hotline, "kreisübergreifend dürfen keine zwei Abo-Tickets zur Anwendung kommen. Er muss ein Abo-Ticket von L nach C kaufen."
"Aber für L hat er doch schon eins."
"Das ist egal."
Kostenpunkt: 190 Euro im Monat.
"Da lohnt sich vielleicht doch eine zweite WG", sage ich zum Sohn, "viel teurer wirds nicht, aber du hast mehr Ruhe und mehr Zeit zum Lernen."
Hinzu kommt: Ab heute fallen alle Bahnen vom Wohnort bis C komplett aus. Irgendwelche Bauarbeiten, vermutlich - aber wie bekomme ich jetzt den Jungen zur Schule?? Und wieso sehe ich das nur zufällig im Fahrplan und die Dame von der Hotline sagt "Also ich hab da keine Information drüber, dass die nicht fahren sollen." Tun sie jedoch tatsächlich nicht.
Hinzu kommt: Ab heute beginnt die Ausbildung 7 Uhr, nicht 8 Uhr. Das heißt, er muss um 6:30 Uhr in C sein, um noch die Uniform anzuziehen, die er nicht mit nach Hause nehmen darf.
Selbst wenn die Bahnverbindung stünde - er käme damit nicht pünktlich an und hätte auch keine Zeit mehr, sich umzuziehen.
Flixbus bietet zu diesem Ziel keine Fahrten an.
Mitfahrgelegenheiten starten ab 6:00 Uhr in L. Außer einer, der startet 4:45 Uhr irgendwo tief in L - aber er fährt nicht in der Zeit vom 4. bis 11. September.
Vom HBF in L gibt es eine einzige Verbindung - um 5:18 - mit dieser ist er 6:44 Uhr in C - zuzüglich 20 min Fußweg - kann man also auch vergessen.
Bis tief in die Nacht rein am Samstag wälze ich Internetseiten, klappere jede Möglichkeit ab.
Da fährt noch eine Bahn.
23 Uhr irgendwas - mit der ist er 5:30 Uhr in C - und Schlaf bekommt er dann überhaupt keinen mehr.
Ohne Worte.
Langsam stehe ich Kopf. Und der Mann ist genervt, weil ich mich da so reinhänge und den "Sohn das nicht mal alleine machen lasse".
"Aber er macht doch", verteidige ich mich und ihn, "aber die Zeit sitzt uns im Nacken, denn bis Sonntagabend brauchen wir eine Lösung, damit er Montag früh pünktlich in der Schule ist. Und ich kann verdammt noch mal mich nicht entspannt zurücklehnen und denken, dass ers schon machen wird. Diese Ruhe habe ich einfach nicht."
Sohnemann richtet inzwischen Accounts bei Ebay Kleinanzeigen und Mitfahrgelegenheiten ein und ich stoße auf wg-suche.de.
Wir loten alles aus - aber auf die einzigen 8 in Frage kommenden Anzeigen antwortet nur ein einziger. Der wird mein Anker in der Not. Und in der Zwischenzeit hat Sohnemann ausgemacht, dass sein Bruder ihn Montag gegen 5:00 Uhr nach G bringt und dort von dem einzigen jungen Mann mit dem Auto mitgenommen wird, der auch pendelt. Den Rest der Woche übernehme ich, am 11. muss es noch mal so laufen wie heute und dann muss er mit der Mitfahrgelegenheit mitpendeln, bis wir eine Lösung haben..

Also fahre ich heute Morgen los.. Stelle fest: Das Navi ist nicht mehr da, wo es immer war. Ich drehe fast durch. Ohne Navi habe ich kaum eine Chance, den Jungen in C zu finden - auch wenn ich mir alles vorher auf der Karte angeschaut habe. Also starte ich das Handy - und verzweifle fast an der Bedienung. Eine Navigon- App, die zum Schreien ist. So verschenke ich kostbare fünfundzwanzig Minuten, ehe ich 25 min zu spät loskomme. Chaos auf den nächsten rund hundertzwanzig Kilometern, ich bin mehrmals kurz davor, verzweifelt in das Lenkrad zu beißen - und dann die übergroße Tafel "Sperrung der A xx". Keine Info über Umleitungen, keine Umleitungen ausgeschildert. Instinktiv weiche ich auf die A 6 Richtung Prag aus, werde angerufen, Navigation bricht ab und muss manuell wieder in Gang gebracht werden. Ha ha. Auf der Autobahn bei Sonnenschein, wo das Display des Androids fast blind wird. Also anhalten auf einer Raststätte ohne Klosett, ich muss mal dringend, aber die Wiese ist leider mittels Zaun geschützt. Also nur Navigation neu in Gang bringen, weiter. Noch ein Anruf, Navigation bricht ab, ich erbreche fast vor Zorn.
Endlich erreiche ich C, das Navi will mich trotz "optimaler Routenführung" ständig auf Bundesstraßen oder quer durch die Großstadt führen - aber ich kann mich erinnern, was ich auf der Karte gesehen hatte - und fahre weiter nach Bauchgefühl.
Erreiche endlich C, finde den Sohnemann, und an der nächsten Tankstelle fülle ich nicht nur Black Beauty, sondern auch mein hungriges müdes Kind.
"Das mit der WG wird nichts", sagt er dann,"wir wurden heute darüber informiert, dass wir immer Blockunterricht haben - 6 Monate Schule, dann zwei und vier Monate Praktikum. Das Praktikum kann aber an allen Standorten sein. Wünsche können geäußert werden, entscheiden aber tut der Lostopf. Also kanns durchaus passieren, dass ich aller 6 oder 4 Monate eine neue Unterkunft brauche, und dann bezahle ich Wohnungen, die ich über Wochen oder Monate gar nicht nutze."
Auf diese Info muss ich selber erst mal einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher trinken, einen richtig herzhaften Schluck - und verpasse die Abfahrt, also weiter, nächste Ausfahrt raus und wieder zurück...
"Dann gibt es nur noch eine Variante: Wir müssen dich mobil kriegen."
Einen Fahranfänger, der den Schein im April erhielt und seitdem nicht mehr am Steuer saß.
Damit ist klar: Die nächsten Monate werden schlaflos. Für mich jedenfalls.
Wir sind uns einig: Egal, was er kauft, er braucht erst Praxis, bevor er selber nach C pendelt. Also entwerfen wir Plan B: Auto suchen, auswählen, mit seinem Vater begutachten (das wird er doch hoffentlich für ihn machen, er muss ja nix dazubezahlen), am ersten Wochenende danach sonntags auf Parkplätzen der Einkaufsmärkte üben, anfangs nach G pendeln (das sind rund 30 min und fast alles Autobahn, sehr einfache Strecke), Auto dort abstellen und mit dem anderen mitfahren...
"Das wird der machen, denk ich", sagt der Junge, bevor ihm die Augen zufallen.
Bis dahin wird er 3 Uhr aufstehen müssen, um 4:30 in der Innenstadt zu sein, wo ihn dann die 4:45er Mitfahrgelegenheit einsammelt...

Am Abend, in L angekommen, gehe ich einkaufen, wasche Wäsche und bereite Abendessen. Mir gehen so unfassbar viele Gedanken durch den Kopf und als meine Freundin schreibt, dass aber dafür beim Großen gerade Entwarnung zu sein scheint, muss ich unwillkürlich auflachen.
Ja, da hat sie recht. Entweder ist es der Große oder es ist der Kleine. Und wenns beide nicht sind, ist es die eigene Gesundheit - oder die Beziehung.
Irgendwas ist einfach immer.
Immer in Sprungbereitschaft. Immer auf der Hut. Immer kampfbereit und kampfeswillig. Und mit all dem... immer alleine. Weil sich der Vater nicht kümmert und der Mann sich raushält, weil er zu vielen Dingen eine andere Auffassung hat und mich nicht versteht. Ich kann es nachvollziehen. Aber manchmal.. wünschte ich es mir doch ein bisschen.. einfacher. So ein mimi-bisschen.
Wünschen kann man ja.
Hoffen kann man ja.
Und dann wunder ich mich, dass mir nachts tonnenschwere Container um die Ohren fliegen.
Bekloppt.

Jedoch: Es gibt auch wirklich echtes Schlimmeres. Ich will mich auch gar nicht beklagen.
Nur.. ein wenig Druck herauslassen.